Blutige Kämpfe um seltenes Metall

Auf den Spuren des ersten afro-amerikanischen Missionars im Kongo Von Carl-H. Pierk
Foto: dpa | Überlebender vor zerstörtem Haus in einer Vorstadt von Brazzaville im Kongo.
Foto: dpa | Überlebender vor zerstörtem Haus in einer Vorstadt von Brazzaville im Kongo.

Wer sich über die Demokratische Republik Kongo, das ehemalige Zaire, die vormalige Kolonie „Belgisch Kongo“, wer sich also über Geschichte, Politik, Kultur und Alltag dieses Landes in Afrika informieren will, hat es schwer. An das „Herz der Finsternis“ erinnert man sich zunächst, einem der bekanntesten Romane der Weltliteratur. In diesem Roman verarbeitete Joseph Conrad seine Erfahrungen als Expeditionsteilnehmer einer Fahrt auf dem Kongo.

Besondere Erfahrungen hat auch die Journalistin Andrea Böhm bei ihren Reisen durch den Kongo gemacht. Sie erklärt in ihrem Buch „Gott und die Krokodile. Eine Reise durch den Kongo“ äußerst anschaulich den Vielvölkerstaat im Herzen Afrikas, indem sie Geschichte und Gegenwart in einzelnen Schlaglichtern auf das riesige Land verknüpft. Die Geschichte der Demokratischen Republik Kongo wurde von Fremdherrschaft, Diktatoren und Bürgerkriegen geprägt. Unter der Erde schlummern die größten Naturreichtümer Afrikas, Coltan-, Zinn-, Kupfer-, Uran-, Erdöl-, Gold- und Diamantenvorkommen, der Boden ist fruchtbar und die tropischen Regenwälder bergen eine reiche Artenvielfalt. Gerade das wird dem Kongo immer wieder zum Verhängnis. Sowohl europäische Staaten als auch die afrikanischen Nachbarn waren im Lauf der Geschichte daran beteiligt, die natürlichen Schätze Kongos auszubeuten. Gerade im Osten der Demokratischen Republik Kongo sind die Menschen ihres Lebens nicht mehr sicher. Da gibt es ruandische Rebellen, die Mai-Mai-Kämpfer und die kongolesischen Regierungssoldaten. Sie kämpfen gegeneinander und haben gleichzeitig einen gemeinsamen Feind: die Zivilbevölkerung. Seit 1996 wurden in der Kivu-Region im Osten der Demokratischen Republik Kongo mehr als fünf Millionen Menschen ermordet. Unvorstellbar brutale Massaker, Massenvergewaltigungen, Brandanschläge, Entführungen und Plünderungen sind bis heute an der Tagesordnung. Ursache dieser Tragödie ist die Gier nach Bodenschätzen, vor allem nach dem Metall Coltan. Wegen seiner hohen Hitzebeständigkeit und Leitfähigkeit ist es aus Computern oder Mobiltelefonen nicht mehr wegzudenken. Menschenleben spielen in diesem Kampf keine Rolle. Nicht nur die Rebellen zeichnen sich durch große Brutalität aus, sondern auch die kongolesischen Regierungstruppen.

Andrea Böhm führt den Leser auf eine spannende Entdeckungsreise durch den Kongo. Ausgangspunkt ist die chaotische Hauptstadt Kinshasa. Sie folgt den Spuren des ersten afro-amerikanischen Missionars William Sheppard, der in den 1890er Jahren im Königreich der Kuba im Dschungel lebte. Die Journalistin begegnet Diamantensuchern und die Mai-Mai-Rebellen, die sich für unverwundbar halten. Sie stellt Glücksritter vor, ehemalige Rebellen, pakistanische UN-Blauhelme und Politiker, die im Busch Wahlkampf machen – also vor allem Geschenke verteilen. Die Autorin berichtet von Simon Kimbangu, einen tief religiösen Kongolesen, dessen Bewegung und Nachfahren sie besucht. Und sie besucht die zerrütteten Kivu-Provinzen im Osten des Landes, dem Schauplatz von „Afrikas erstem Weltkrieg“. Es gelingt ihr zugleich, auf wenigen Seiten den Konflikt der Seen-Region im Osten aufzuarbeiten, der lange schwelte und mit dem Genozid in Ruanda 1994 zum Flächenbrand wurde.

In Ich-Form geschrieben, nimmt Andrea Böhm den Leser gewissermaßen an die Hand und reist mit ihm gemeinsam durchs Land. Das macht es auch leicht, Ironie und Selbstironie einfließen lassen. Und am Ende hegt sie die leise Hoffnung, dass der Kongo sich stabilisieren wird. Das hofft der Leser, nachdem er nach Lektüre dieses fesselnden Reiseberichts wieder zu Atem gekommen ist, auch.

Andrea Böhm: Gott und die Krokodile. Eine Reise durch den Kongo. Pantheon Verlag, München 2011, 269 Seiten, 14,99 Euro

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