Blüten wie Schnee

Japanische Lyrik beschreibt im Wechsel der Jahreszeiten tiefere Erfahrungen, ähnlich der Romantik im Westen. Von Sebastian Krockenberger
Japan - Kirschblüten
Foto: dpa | Eine junge Schöne wandelt in Kyoto unter Kirschblüten.
Japan - Kirschblüten
Foto: dpa | Eine junge Schöne wandelt in Kyoto unter Kirschblüten.

In Japan blüht die Kirsche. Jedes Jahr Ende März beginnen die weißen Blüten der mittelgroßen Bäume auszuschlagen. Der japanische Kirschbaum trägt keine Früchte, doch viele Blüten. Nach ungefähr zehn Tagen fallen die weißen Blüten nach und nach ab. Unter den Bäumen entsteht ein weißer Teppich. Die Blüte der Kirsche geht gleich einer Welle von Süden nach Norden über das Land hinweg. Anfang Mai sind die letzten Blüten abgefallen. Die Blüte ist ein gesellschaftliches Ereignis. Beginn und Verlauf ist Gegenstand der Presseberichterstattung. Kollegen, Freunde und Familien versammeln sich zum Hanami, wörtlich „Blüten-Betrachten“, unter den blühenden Bäumen. Beim Picknick, oft mit Sushi, Sake und Bier, sitzen sie zusammen und freuen sich an der Schönheit der Blüten und wärmeren Temperaturen des Frühlings.

Der Brauch reicht weit zurück. Das Ise-Monogatari, eine Sammlung von Kurzerzählungen aus dem 10. Jahrhundert nach Christus, berichtet von einer Landpartie des Prinzen Koretaka. Ein Gemälde verfeinerter und heiterer Lebensart wird entworfen. Die illustre Gesellschaft begibt sich zur Zeit der Kirschblüte wie jedes Jahr auf einen Landsitz von Prinz Koretaka. Der ursprüngliche Zweck ist die Falkenjagd. Doch schnell rückt der gesellige Aspekt in den Mittelpunkt. Es wird getrunken und gedichtet:

„Wenn in dieser Welt/ die Kirsche/ nicht blühte,/ hätte das Herz im Frühling/ seinen Frieden.“ Die mit der Kirschblüte verbundenen Assoziationen beunruhigen offensichtlich den Dichter. So schnell wie die Kirsche verblüht, vergeht das menschliche Leben. Ein anderer ist gerade davon berührt und entgegnet ganz abgeklärt:

„Wenn die Kirschblüten/ immer mehr fallen,/ ist das herrlich./ Denn was soll in dieser vergehenden Welt/ auf Dauer bestehen?“

Wie die Erscheinungen der Natur den Menschen an seine Vergänglichkeit erinnern, fasziniert die Dichter der klassischen Phase der japanischen Literatur. Meist drückten sie sich durch das Tanka oder Waka aus, „kurzes Lied“ oder „japanisches Lied“. Es hat 31 Silben, verteilt auf fünf Zeilen in der Form 5–7–5–7–7. Das im Westen viel bekanntere Haiku wurde erst später im 16. und 17. Jahrhundert die herausragende Form der Dichtung.

Die kurzen Episoden des Ise-Monogatari sind um ein oder mehrere Gedichte herum aufgebaut. Damals schon bekannte Gedichte wurden neu akzentuiert, oft mit einer politischen Bedeutung wie im Falle des Prinzen Koretaka. Er war Kronprinz, bis er durch den späteren Kaiser Seiwa ersetzt wurde. Mit ihm war Ariwara no Narihira, die Hauptperson des Ise-Monogataris, verwandtschaftlich verbunden. Seine Frau war Koretakas Cousine. Auch der Schwiegervater von Ariwara erscheint in der Landpartie. Er war der Onkel von Prinz Koretaka. Wäre Prinz Koretaka Kaiser geworden, hätte sich auch die Stellung Ariwara no Narihiras bei Hof verbessert. Von diesem Hintergrund hat die Episode ihre politische Bedeutung. Kaltgestellte Hofadlige erscheinen als Protagonisten eines literarischen Textes. Unzufriedenheit mit machtpolitischen Verhältnissen wird durch Literatur ausgedrückt.

Zahlreiche Gedichte aus dem Ise-Monogatari werden bereits in der Gedichtsammlung „Kokinshu“ aufgeführt, auch „Kokin Wakashu“ genannt. Es ist die stilprägende und klassische Anthologie des alten Japans. Auf Deutsch heißt der Titel: „Sammlung alter und neuer japanischer Gedichte“. Im Jahr 905 nach Christus ordnete Kaiser Daigo an, eine Sammlung japanischer Gedichte zu erstellen. Ki no Tsurayuki und drei weitere Dichter erfüllten diese Aufgabe. Alle vier waren nicht nur Dichter, sondern auch Beamte und Höflinge. Die ausgewählten Gedichte stammen zum größten Teil aus dem 9. Jahrhundert. Sie wurden thematisch geordnet. Das erste Drittel ungefähr besteht aus Jahreszeiten-Gedichten. Besonderes Interesse finden Frühling und Herbst. Denn hier passiert etwas in der Natur. Die Natur wandelt ihre Gestalt. Des weiteren wurden Reise-, Gratulations- und Liebesgedichte in die Sammlung aufgenommen.

Das Kokinshu wurde für die japanische Dichtung stilbildend. Das hatten wohl auch die Kompilatoren beabsichtigt. Denn die Gedichte wurden nicht nur nach dem Kriterium ihres künstlerischen Wertes aufgenommen, sondern sollten den Stil des Waka abbilden. Neben dem Waka war damals auch das Kanshi, das „chinesische Lied“ verbreitet. Japaner dichteten in chinesischer Sprache. Die Abgrenzung zum chinesischen Gedicht, Kanshi, spielte nun eine wichtige Rolle. Durch das Kokinshu sollte die Dichtung in japanischer Sprache gefördert werden. Es wurde zu einer Art „Musterbuch“ für klassische japanische Dichtung.

In den ersten beiden Teilen des Kokinshu sind Frühlingsgedichte gesammelt. Sie sind so angeordnet, dass sie den Fortschritt der Jahreszeit abbilden. Am Anfang fällt noch der Schnee, dann kommen zuerst die Pflaumenblüten, schließlich blüht die Kirsche, die dann sogleich schon abfällt. Mehrere Gedichte der Sammlung variieren jeweils dieselben Motive. So gibt es zahlreiche Gedichte zu singenden Vögeln, Pflaumenblüten und Kirschblüten. Zu Beginn des Jahres wird der Schnee noch mit der Kirschblüte verwechselt. Ki no Tusrayuki dichtet:

„Dunst steigt auf,/ die Knospen der Bäume schwellen./ Da es im Frühling schneit,/ fallen selbst Blüten/ in Dörfern ohne Blüten.“

Der Buschsänger, auch japanische Nachtigall genannt, kündigt die Ankunft des Frühlings an. Im Gegensatz zur Nachtigall singt der Buschsänger nicht in der Nacht, sondern tagsüber. Jemand dichtete bei einem Dichterwettstreit in der Residenz der Kaiserin:

„Wäre da nicht/ die Stimme des Buschsängers,/ die aus den Tälern hervorkommt,/ wer wüsste,/ dass der Frühling kommt.“

Weitere Gedichte beschreiben das Vor-anschreiten des Frühlings. Die Natur grünt. Wildgänse, die in der Region des milden Kyoto überwintert haben, fliegen nach Norden zurück. Die Pflaumenblüte kündet einen weiteren Fortschritt des Frühlings.

„In der Mondnacht/ sind die Pflaumenblüten als solche/ nicht zu erkennen./ Doch wer den Duft sucht,/ wird sie finden.“

Und schließlich blüht die Kirsche. Der Frühling ist da!

„Der Blick schweift umher./ Weiden und Kirschblüten/ sind vermischt./ Die Hauptstadt/ ist zu einem Frühlingsbrokat geworden.“

Doch es besteht noch eine tiefere Bedeutungsebene. Die Vorgänge in der Natur dienen als Bilder, um Gefühle und Gedanken darzustellen, wie in den Worten der Kaiserin Nijo über den Frühlingsanfang:

„Mitten im Schnee/ ist der Frühling gekommen!/ Die gefrorenen Tränen/ des Buschsängers/ tauen jetzt wohl auf?“

Können Tränen gefroren sein? Wer hat Vögel schon einmal weinen sehen? Was sollen diese Tränen bedeuten? Dass sich jemand Gedanken macht über die Tränen eines Vogels, ist außergewöhnlich. Dem Buschsänger wird eine menschliche Eigenschaft zugesprochen, er wird personifiziert. Die gefrorenen Tränen könnten eine schon länger anhaltende Traurigkeit meinen. So wie im Frühling, wo schmilzt, was gefroren ist, könnte die Dichterin mit dem neuen Anfang im Frühling auch die Hoffnung verbinden, dass sich ihre Traurigkeit auflöst.

Vieles an der klassischen Dichtung Japans erfüllt nicht die Erwartungen an Tiefe und Originalität. Die Konvention regiert. Das hängt damit zusammen, dass die Dichtung am Kaiserhof fast schon eine Art Gebrauchsgegenstand war. Das Leben am Kaiserhof in Heiankyo, dem heutigen Kyoto, setzte den kulturellen Maßstab für das ganze Land. Die Ästhetik der Höfischen Dichtung war tragendes Element der Kultur dieser Zeit. Bei Gedichtwettbewerben maßen die Höflinge ihr dichterisches Können. Im Liebeswerben waren Gedichte ein Mittel der Annäherung und der Kommunikation. Der Wechsel der Jahreszeiten gibt Anlass zu poetischen Ausbrüchen. Stilisierung und Formalisierung kennzeichnen die höfische Dichtung Japans. Die Höflinge mussten wissen, sich der Form zu bedienen, Originalität war weniger gefragt. Es ging darum, die Form zu beherrschen. Von jeder Dame und jedem Herrn am Hof wurden dichterische Fähigkeiten erwartet.

Im Jahr 794 nach Christus wurde die Hauptstadt Heiankyo gegründet. 1185, nach einer Zeit des Niedergangs und verlorenen Schlachten, wird meist das Ende der Heian-Zeit angesetzt. Ein Shogun wurde eingesetzt, der nun an Stelle des Kaiserhofes die Macht im Lande ausübte. Doch das literarische Vermächtnis blieb. Neben der Gedichtsammlung Kokinshu und den Kurzgeschichten des Ise-Monogataris geben die Erzählungen über den Prinzen Genji im Genji-Monogatari, einer der ersten Romane in der Literaturgeschichte, Zeugnis vom Glanz dieser Epoche.

Der bleibende Gehalt dieser Lyrik ist neben ihrem Sinn für Form, Stil und Schönheit die Betonung des Gefühls. Wo westliche Dichtung das Ergebnis von Erkenntnis ist, will die Waka-Dichtung das Gefühl freilegen und darstellen. Der Dichter versucht, die tieferen Hintergründe einer Situation zu erfassen und durch ein Bild auszudrücken. Die Grenzen zwischen Menschen, Natur und Göttern verschwimmen dabei. Obwohl Form und Stil verschieden sind, erinnern die Themen und Motive der höfischen Dichtung Japans an die Romantik.

Am Vorwort zum Kokinshu wird das deutlich: „Die japanischen Lieder wachsen aus einem Samen, der das menschliche Herz ist, zu Blättern in unzähligen Wörtern. Weil den Menschen in dieser Welt Geschehnisse widerfahren, bringen sie zum Ausdruck, was sie in ihrem Herzen hegen, indem sie Gesehenes und Gehörtes verbinden. Der Buschsänger singt zwischen Blumen. Der Frosch, der im Wasser lebt, lässt seine Stimme vernehmen. Alles, was lebt, dichtet und singt. Ganz ohne Gewalt bewegt das Lied Himmel und Erde. Unsichtbare Dämonen und Götter versetzt es in Rührung. Es wendet die Männer den Frauen zu. Das Herz wilder Krieger stimmte es heiter.“

Das Kokinshu-Vorwort erkennt in der Dichtung Eigenschaften, die an ein Gedicht des deutschen Dichters Joseph von Eichendorff (1788–1857) erinnern. Im Gedicht „Die Wünschelrute“ schreibt er:

„Schläft ein Lied in allen Dingen,/ Die da träumen fort und fort,/ Und die Welt hebt an zu singen,/ Triffst du nur das Zauberwort.“

Im Spiegel der Dichtung Eichendorffs wird aber auch sichtbar, was die klassische Dichtung Japans nicht kennt. Für Eichendorff ist wie in Japan die Natur geistiger Erfahrungsraum. „O Täler weit, o Höhen,/ O schöner grüner Wald,/ Du meiner Lust und Wehen/ Andächt'ger Aufenthalt!“, dichtet er. Doch die Natur ist für Eichendorff darüber hinaus der Erfahrungsraum für den christlichen Auferstehungsglauben: „Da mag vergehn, verwehen/ Das trübe Erdenleid,/ Da sollst du auferstehen/ In junger Herrlichkeit!“

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