Bleibende Wahrheiten

Die Probleme der antiken Philosophie und ihre Lösungen

Anders als die schon vorhandenen Einführungen in die antike Philosophie ist der vorliegende Band, wie das Vorwort hervorhebt, nicht primär ausgerichtet auf die historische Forschung der sorgfältigen Aufnahme und Wiedergabe der überlieferten Lehren, Schulen und Richtungen. Vielmehr bemüht er sich um eine systematische Erschließung der Entwicklung der Hauptprobleme und Lösungen bei ihren wichtigsten Vertretern: bei den Vorsokratiker Heraklit und Parmenides, den Sophisten Protagoras und Gorgias, bei Sokrates, Platon, Aristoteles, Epikur, Stoikern, Sextus Empiricus, Plotin und Proklos. Das Buch führt den Leser an die Quellentexte heran und zeigt, wie im großen Zeitraum von über 800 Jahren sich bestimmte Probleme aus ersten, einfachen Anfängen entwickeln und wie aus ihren ersten Lösungen neue Probleme und Lösungen sozusagen zweiter und dritter Ordnung erwachsen, bis sich endgültige Lösungen mit zeitlos bleibenden Wahrheiten herausbilden.

Dieser Aufweis gelingt der Darlegung auf zweifache Weise: Erstens lässt sie sich auf den Realismus ein, mit dem die antiken Denker über die Dinge selbst philosophieren, und trägt in sie nicht moderne Standpunkte mit deren Problemen hinein, etwa Kants Transzendentalismus mit der Wende ins Subjekt, oder Hegels Idealismus mit seiner geschichtlichen Dialektik. Zweitens geht sie beim Studium der antiken Philosophen immer ihrer realen Erforschung der Ursachen der Dinge nach, die bei den Vorsokratikern zu den Materieursachen führte, bei Platon zu den Formursachen, den Ideen. Da er sie abgetrennt von den Dingen annahm, bedeutete es einen großen Fortschritt, dass Aristoteles sie in den Dingen anzusetzen vermochte, von denen aus er, wie Platon, zu einer ersten, transzendenten Ursache gelangte. Beide gewannen auch Einsichten in das Gute als Zweckursache im ethischen Bereich und entfalteten eine tiefgründig argumentierende Tugendlehre. Die Darlegung verfolgt den großen Einfluss, den beide Philosophen auf die nachfolgenden Denker und Schulen ausgeübt haben. Wegweisend wurden Aristoteles' Logik und Epistemologie, mit ihrem Bezug zur Realität und ihren Ursachen in den Dingen. In der hellenistischen Zeit entwickelten sich hinsichtlich der Ursachen der Dinge und ihrer Erkenntnismöglichkeit reichhaltige Erörterungen, auf theoretischen und moralisch praktischen Gebieten.

Die Darlegung korrigiert moderne Missverständnisse. Um nur die folgenden beispielshalber zu nennen: Sokrates' Nichtwissen ist kein skeptisches, sondern ein methodisches, mit dem Bewusstsein, dass wir bei der Erörterung jedes auf einen Gegenstand bezogenen Problems am Anfang noch nicht jenes Wissen haben, auf das die Vernunft abzielt, und das sie aus der Erforschung des Gegenstandes erst gewinnen muss, nämlich in allgemeiner Erkenntnis durch Definition. Aristoteles bezeugt dem Sokrates, diese erstmals in die Philosophie eingeführt zu haben. Platon war kein Idealist; die Ideen sind die realen Formursachen, die von Sinnesdingen aus erfragt werden. Platons Verdienst ist die Überwindung des vorsokratischen Materialismus. Aristoteles war kein Empirist, der als Reales nur das auf Sinnesanschauung Bezogene gelten lässt. Vielmehr ist für Aristoteles schon bei der Sinneserfahrung das Subjekt die Vernunft (Intellekt), nicht das Sinnesvermögen, und diese ist von Anfang an auf das (intelligible) Sein der Dinge bezogen. Abstraktion ist keine Verallgemeinerung des sinnlich-konkreten Gegebenen, sondern ein Absehen von ihm, um zum (intelligiblen) Wesentlichen in den Sinnesdingen vorzudringen. Aus dem gescheiterten Versuch der stoischen Abstraktionstheorie, von der Sinneserfahrung zu einer abstrakten Allgemeinerkenntnis überzugehen, ziehen der antike und moderne Skeptizismus den falschen Schluss, dass ein solcher Übergang nicht möglich ist. Vielmehr liegt das Scheitern an dem stoischen (von Heraklit stammenden) Materialismus, der nicht mehr vom (intelligiblen) Sein der Erfahrungsdinge ausgeht. Auch Plotin und Proklos werden dahingehend missverstanden, idealistische Systeme aufgebaut zu haben. Die Texte bieten jedoch den realistischen Ausgangspunkt, der bei den Erfahrungsdingen ansetzt, und führen zu reichen Einsichten auf verschiedenen Gebieten der Naturphilosophie, Metaphysik, Psychologie, Ethik oder der Kunsttheorie.

In diesen Ausgangspunkt bezieht sich aber die Vernunft ein, wie der Autor bei den Quellentexten der erwähnten Philosophen hervorhebt, die sich selbst als real Seiendes gegeben und als solches bewusst ist.

Wertvoll sind die zahlreichen Verweise des Bandes auf moderne Denker, die zum Vergleich der modernen Positionen mit den antiken einladen und die Aktualität der letzteren deutlich machen. Für eine künftige Auflage wäre ein Sachverzeichnis wünschenswert. In seiner gut leserlichen, allgemein verständlichen Form empfiehlt sich der Band nicht nur für Studenten der Philosophie, sondern auch allgemein für alle, die an der Aneignung unseres europäischen, auf die Antike zurückreichenden Geisteserbes interessiert sind.

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