Blasphemie im Kulturkampf

Die Talsohle ist erreicht: Das aktuelle Cover

des Magazins „Titanic“ sagt mehr aus als viele Worte

Wir sind angekommen. Die Talsohle dürfte pünktlich zu Ostern erreicht sein. Die Kirche in Deutschland und in anderen Kernländern der christlichen Tradition befindet sich im Jammertal. Wer einer so formulierten Bestandsaufnahme restaurative Tendenzen unterstellt, verschleiert wissentlich den allenthalben gegebenen Konsens darüber, dass Missbrauch von Kindern ein Vergehen und im Fall der Täterschaft von Priestern ein besonders schweres Verbrechen darstellt. Um der medialen Moralkeule zu entgehen, soll daher zu Beginn unmissverständlich festgehalten werden: Solche Mitarbeiter der Kirche, die sich an Kindern vergangen haben, stehen zu Recht am öffentlichen Pranger. Und solche kirchlichen Verantwortungsträger, die solche Vergehen nicht in der gebotenen Weise aufgeklärt und einer gerechten Beurteilung zugeführt haben, stehen – trotz ihrer wahrscheinlich gut gemeinten Abwägung zwischen Vertrauensverlust für die Kirche und Gerechtigkeit für die Opfer – zu Recht in der Kritik. Man muss schon bewusst die Augen verschließen, wenn man meint, die Bischöfe und Gläubigen in Deutschland und in Rom würden die im kirchlichen Kontext begangenen Fehltaten nicht erkennen, bedauern und verurteilen.

Es geht um mehr als um Quote

Doch während die Kirche den hintersten Platz eingenommen und den schwierigen Selbstreinigungsprozess trotz des gleißenden Rampenlichts der nun Moral-freudigen Medien eingeläutet hat, sind die hohen Vertreter der journalistischen Zunft in der ersten Reihe nach wie vor mit der Präsentation ihrer hochstehenden ethischen Integrität beschäftigt. Dabei dämmert selbst kirchenfernen Menschen, deren intellektuelle Maßstäbe nicht bloß Quote und Auflage sind: Die Qualität des öffentlichen Diskurses ist mit der Debatte über die Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen an einem neuen Tiefpunkt angelangt. Die als „Berichterstattung“ getarnte Skandal-Show in Funk und Fernsehen – auch und gerade im öffentlich-rechtlichen Bereich – hat in der Kombination aus Empörung über Missbrauch und Verärgerung über die katholische Kirche den Stoff gefunden, der nun völlig unabhängig vom Geschehen in der realen Welt weitergesponnen wird. Wer realistisch ist, rechnet bereits mit den persönlichen Missbrauchsvorwürfen gegen Joseph Ratzinger und den tiefschürfenden Analysen selbst ernannter Bibel-Exegeten darüber, ob Kindesmissbrauch vielleicht von Anfang an „systemisch“ mit dem Christentum verwoben gewesen und vor diesem Hintergrund Jesu Wort „Lasset die Kinder zu mir kommen“ völlig neu zu bewerten sei.

Pünktlich zum größten Fest der Christenheit schlägt das Satiremagazin „Titanic“ zu: Das aktuelle Cover zeigt einen als Bischof erkenntlichen Mann beim Oralsex mit dem ans Kreuz genagelten Jesus Christus.

Verantwortungslose Journalisten

In der Titanic-Redaktion fand man sich selbst wahrscheinlich besonders mutig, als man dieses Cover-Motiv für die April-Ausgabe des zunehmend in Vergessenheit geratenen Magazins wählte. Für eine ähnliche Darstellung der dokumentierten „Kindesliebe“ des Propheten Mohammed hätte der Mut wohl nicht gereicht. Wer religiöse Gefühle hat, wünscht muslimischen Gläubigen auch alles andere als das. Wahrscheinlich rechnet man mit christlichem Widerstand nur in dem Maße, wie er noch nicht substanziell, aber schon auflagensteigernd ist. Und mit dieser Kalkulation wird man angesichts der Erfahrungen der letzten Jahre wohl auch richtig liegen. Doch auch solche Journalisten, die mit Satire arbeiten, tragen eine gesellschaftliche Verantwortung, auf die sie sich bei ihrer oft harschen Kritik an der Gesellschaft berufen und der sie sich mit Blick auf ihr eigenes Verhalten allzu gerne entziehen wollen. In feuilletonistischen Reden wird stets auf den gesamtgesellschaftlichen Wert des Korrektivs der Medien verwiesen. Doch wer korrigiert die Medienmacher und Journalisten?

Während die Kirche ihre Moral in mitunter schmerzhaften Prozessen auch auf sich selbst anwendet, richten sich die medialen Gatekeeper der Wahrheit im Dauerzustand ihrer institutionalisierten Doppelmoral ein. Jeder wird für sich selbst entscheiden müssen, welcher Ansatz ihm glaubwürdiger erscheint. Christen fangen mit der Weltverbesserung bei sich selbst an. Diesen tatsächlich hohen Anspruch kann man nur selbst wählen. Eine kühle Folgenabschätzung wird man jedoch auch der Titanic-Redaktion abverlangen dürfen: Wer die Kirche als Stifterin und Garant der viel beschworenen gesellschaftlichen Werte und als Raum der Sinn- und Wahrheitssuche des Menschen genüsslich „vom Sockel reißt“ und nachhaltig diskreditiert, der muss Auskunft darüber geben, wie er sich den menschlichen Zusammenhalt und die Stabilisierung des moralischen Grundwasserpegels unserer Gesellschaft in Zukunft vorstellt.

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