„Bis zuletzt ein Anhänger des Machtstaates“

Max Weber verstand die Moderne als einen Prozess der Rationalisierung – Am Montag vor 150 Jahren wurde der Soziologe geboren. Von Till Kinzel
Foto: IN | Der Soziologe Max Weber.
Foto: IN | Der Soziologe Max Weber.

Wer immer Begriffe wie „Entzauberung“, „innerweltliche Askese“ oder „Geist des Kapitalismus“, aber auch „Verantwortungsethik“ oder „Gesinnungsethik“ verwendet, gehört einer geistigen Welt an, die auch die Welt des Max Webers war. Max Weber wurde am 21. April 1864 in Erfurt geboren. Er selbst stellte sich in seiner Freiburger Antrittsvorlesung von 1895 selbstbewusst als „Mitglied der bürgerlichen Klassen“ vor. Sein Werdegang aber war durchaus nicht typisch bürgerlich, wenn er auch mit seiner Familie aufs engste verbunden blieb, so dass ihn Dirk Kaesler in einem monumentalen Buch (Max Weber. Preuße, Denker, Muttersohn) geradezu als „Muttersohn“ betrachtet. Auch die Ehe mit Marianne Schnitger, der Enkelin eines Onkels von Weber, führte ihn nicht wirklich aus dem Kreis der Familie heraus.

Dieser nicht leicht einzuordnende Denker, der sich deshalb auch nicht in wenigen Zeilen auf den Begriff bringen lässt, wird heute zumeist als Soziologe gelesen, war aber mit seiner ersten Berufung zunächst Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaften in Heidelberg. Doch hielt er diese Tätigkeit nicht lange durch und erlitt bald einen Nervenzusammenbruch – schon wenige Jahre später, im Alter von nur 35 Jahren, tritt er vom Professorenamt zurück und verbringt längere Zeit in verschiedenen Heilanstalten und auf Reisen in Italien und der Schweiz.

Max Weber hat das Denken des 20. Jahrhunderts wie wenige andere geprägt. Seine Texte und Gedanken zur Religionssoziologie, zur Wertfreiheit der Wissenschaften, zu den Formen politischer Herrschaft – sie haben im eigentlichen Sinne interdisziplinär gewirkt. Und sie sind hervorgegangen aus einer enormen Arbeitsanstrengung, die auch sein späteres Leben als Privatgelehrter kennzeichnet. Der Philosoph Karl Jaspers würdigte Weber, der sich selbst nicht als Philosoph verstand, als eine philosophische Existenz, in der „der Geist zur hellen Flamme geworden“ war. Für den Historiker Ernst Nolte war Weber ein bedeutender Geschichtsdenker, der sich mit dem weltgeschichtlichen Aspekt des jüdisch-christlichen Kulturkreises befasste, zugleich aber „bis zuletzt ein deutscher Nationalist und Anhänger des Machtstaates geblieben ist“.

Webers Pathos richtete sich darauf, „zu sagen, was ist“, also eine Analyse der Lage in vollendeter Sachlichkeit zu bieten. Das ist es, was den Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis dazu motivierte, Weber als einen Geist zu verstehen, der dem griechischen Historiker Thukydides mit seiner nüchternen Wirklichkeitsbetrachtung verwandt war. Doch auch Weber hielt sich keineswegs gänzlich von Glaubensurteilen frei, wie schon die berühmten Formulierungen aus der Protestantischen Ethik zeigen, wonach sich durch die religiös begründete Askese der Weltflucht in einem merkwürdigen Umwandlungsprozess ein „stahlhartes Gehäuse“ herausgebildet habe, in dem die äußeren Güter eine unentrinnbare Macht über den Menschen gewannen. Webers prophetische Wendung greift das Motiv der „letzten Menschen“ bei Friedrich Nietzsche auf, wenn er die Gefahr einer Kulturentwicklung heraufbeschwört, in der „Fachmenschen ohne Geist“ und „Genussmenschen ohne Herz“ von sich glauben, der am höchsten entwickelte Menschentypus zu sein. Für Weber stand jedoch im Vordergrund des Interesses, die „Kulturbedeutung des asketischen Protestantismus“ im Kontext der modernen Welt genauer zu bestimmen.

Kein Zweifel: Max Weber ist eine Jahrhundertgestalt. Doch was an ihr ist es, das noch heute fasziniert oder zumindest interessiert? Ist es seine Soziologie? Sind es seine Thesen über die protestantische Ethik in ihrer Verbindung zum „Geist“ des Kapitalismus? Ist es eher seine Methode? Oder doch nur sein gequältes Leben, seine Zerrissenheit zwischen wissenschaftlicher Askese und erotischen Trieben? Der unguten Konzentration auf das Liebesleben von Geistesgrößen, die sich in manchen neueren Biographien findet, ist auch die Max Weber-Biographik nicht entgangen. Doch wie die neuesten Weber-Biographien von Kaesler und Jürgen Kaube („Max Weber. Ein Leben zwischen den Epochen“) zeigen, muss biographische Erforschung eines Denkers nicht in Reduktionismus abgleiten. Wenn Max Weber, wie beide Biographen übereinstimmend sagen, ein Mensch zwischen den Zeiten war, muss sein Denken durch die Erforschung seiner Lebensumstände an Klarheit gewinnen – auch wenn dies bei Kaesler teils sehr umwegig und mäandernd geschieht, sodass Weber selbst immer wieder in den Hintergrund tritt.

Max Weber entstammte einer durch und durch protestantischen Kultur; und sein Werdegang spiegelt eben jene Säkularisierung wider, mit der er sich auch wissenschaftlich intensiv und in immer neuen Anläufen befasste. Die Bestattung Webers ohne religiöse Zeremonie, wie sie von seiner Witwe Marianne Weber organisiert wurde, setzt den Schlusspunkt dieser schmerzvollen Entwicklung. Webers kulturprotestantische Haltung war so stark, dass sein Antikatholizismus regelrecht auf „Gewissensgründen“ basierte, wie Kaube schreibt. Max Webers wohl berühmteste Schrift „Die protestantische Ethik und der ,Geist‘ des Kapitalismus“ aber bereitet sich ausgerechnet in Rom vor, wo Max Weber Anfang des 20. Jahrhunderts nach seinem Zusammenbruch viel Zeit verbrachte, um sich zu regenerieren. Er war dort mit einem Katholizismus konfrontiert, der sich ausgehend vom Syllabus errorum Papst Pius' IX. in einem antimodernistischen Abwehrkampf befand.

Weber unternahm in seinem Buch, das auf 1904/1905 erschienenen Aufsätzen beruhte, den Versuch, anhand eines heterogenen Quellenmaterials von Calvin bis Benjamin Franklin nachzuvollziehen, wie sich der ethische und methodische Geist des Kapitalismus aus der Weltverneinung religiöser Askese entwickeln konnte. Was Weber hier im Einzelnen und im Ganzen ausführte, ist von vielen Seiten – und vielfach zu Recht – kritisiert worden. Dennoch darf nicht übersehen werden, dass es weitaus mehr Max Webers Fragen als seine Antworten waren, die seinem Werk auch heute noch ein gerütteltes Maß an Anregungspotenzial verleihen. Webers intensive und leidenschaftliche Versenkung in Probleme der Religionssoziologie ist so jenseits der kontroversen Deutungen, die sein Werk erfahren hat und immer noch erfährt, aber auch jenseits seiner Verankerung im Kulturprotestantismus seiner Zeit, von Belang.

Weber ging es um das Verständnis der Moderne als eines Prozesses der Rationalisierung, das heißt einer Ausbreitung von durchaus verschiedenen Formen von Rationalität durch die ganze Gesellschaft, die er als spezifisches Merkmal des Abendlandes (Okzident) verstand. Diese Rationalität zeigt sich nicht nur in der Ökonomie, sondern etwa auch im Recht, in der Architektur, in der Naturwissenschaft und in der Musik – sowie in der bürokratischen Verwaltung des modernen Staates. Die Quellen jener Rationalität aber gingen für Weber weit zurück – bis zu den jüdischen Propheten, die für ihn am Anfang des Prozesses der Entzauberung standen, weil sie gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Denken der Griechen die Magie als Mittel der Heilssuche verworfen hatten.

Als universalhistorisch interessierter Forscher unternahm es Weber, auf der Grundlage des Wissens seiner Zeit, durch vergleichende Analysen der Wirtschaftsethik in den Weltreligionen des Konfuzianismus, Taoismus, Hinduismus und Buddhismus sowie des antiken Judentums Ansätze einer vergleichenden Religionswissenschaft zu entwickeln. Webers ausgreifendes Forschungsprojekt blieb Fragment – es war ihm nicht mehr vergönnt, sich auch dem Urchristentum, dem Islam und der mittelalterlichen Kirche zu widmen. In all dem wird Webers intensives Interesse an theologischen Fragen deutlich, wenn auch freilich nicht mehr im Horizont einer eigenen glaubensmäßigen Verwurzelung. Weber selbst empfand sich bekanntlich als „religiös unmusikalisch“ – eine Selbstdiagnose, die sich laut Kaesler aber mit einem tiefen Leiden verband, gerade weil Weber sich als „weder antireligiös noch irreligiös“ verstand. Darin liegt vielleicht die tiefste Tragik seiner Existenz begründet.

– Dirk Kaesler: Max Weber. Preuße, Denker, Muttersohn. C.H. Beck Verlag, München 2014, 1 007 Seiten, EUR 38,–

– Jürgen Kaube: Max Weber. Ein Leben zwischen den Epochen. Rowohlt Verlag, Berlin 2014, 493 Seiten, EUR 26,95

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