Wiesbaden

Birgit Kelle: „CDU Hessen, was macht ihr?“

Die Demo für Alle protestierte mit rund 700 Teilnehmern in Wiesbaden, auch wegen der Homo-„Ehe“.
Kämpfen für Ehe und Familie: Am Sonntag bei der Demo für Alle in Wiesbaden
Foto: Krockenberger | Kämpfen für Ehe und Familie: Am Sonntag bei der Demo für Alle in Wiesbaden war noch nicht bekannt, dass Merkel die traditionelle Ehe relativieren würde. Im Hintergrund die katholische St. Bonifatius-Kirche.

Am Sonntag war die dramatische Entwicklung noch nicht absehbar, die aller Voraussicht nach zu einer Abstimmung über die Einführung der Homo-„Ehe“ am Freitag im Bundestag führen wird. Die Demo für Alle hatte zum Protest gegen den Lehrplan Sexualerziehung an den Schulen Hessens aufgerufen. Im letzten Sommer hatte der hessische Kultusminister Ralph Alexander Lorz (CDU) die Vermittlung der Akzeptanz für verschiedene sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten zum Grundsatz der Sexualerziehung an den hessischen Schulen erhoben. Aus Sicht der Demo für Alle verstößt er damit gegen Grundgesetz und Hessisches Schulgesetz. Auf einem Symposium der Demo für Alle Anfang Mai in Wiesbaden hat der Verfassungsrechtler Professor Christian Winterhoff das so dargestellt.

Die Koordinatorin der Demo für Alle, Hedwig von Beverfoerde, beklagte dann auch, dass die Regierungskoalition von CDU und Grünen in Hessen und im besonderen Kultusminister Lorz sich nicht mit der Kritik am Lehrplan Sexualerziehung konstruktiv auseinandersetzen. „Wir werden so oft kommen, bis Sie sich bewegen“, erklärte sie am Sonntag in Wiesbaden vor den Demo-Teilnehmern. Und: „Wir sind ganz konkret hier wegen des Lehrplans zur Sexualerziehung.“ Diesen bezeichnete sie als übergriffig, er würde das elterliche Erziehungsrecht missachten und wäre sowohl rechtswidrig als auch verfassungswidrig.

Doch die schwarz-grüne Landesregierung geht sogar noch weiter. Anfang Juni 2017 stellte der Hessische Bevollmächtigte für Integration und Antidiskriminierung, Staatsekretär Jo Dreiseitel (Grüne), einen Aktionsplan des Hessischen Sozialministeriums vor. Die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt soll im ganzen Land in verschieden Bereichen gefördert werden.

Die erste Demonstration in Wiesbaden war im Oktober 2016. Dieses Mal im Juni 2017 kamen nach Angaben der Demo für Alle rund 700 Teilnehmer. Über 1 000 Polizisten gewährleisteten einen ruhigen und sicheren Ablauf der Kundgebung. Zu nennenswerten Störungen kam es nicht. Nach Angaben der Polizei versammelten sich rund 400 Gegendemonstranten, größtenteils aus dem linken bis linksextremen Spektrum. „Eine großartige zweite Demo für Alle in Wiesbaden liegt hinter uns“, erklärte die Demo für Alle dann im Anschluss in einer Mitteilung. Die Kundgebung begann mit Jazz-Musik mit der Sängerin Claudia Lemperle. Der hessische Familienaktivist Mathias von Gersdorff erläuterte in seiner Rede die Brisanz des frisch beschlossenen „Hessische Aktionsplan für Akzeptanz und Vielfalt“. Die Maßnahmen des Planes der schwarz-grünen Landesregierung zementierten „den Weg zum Gender-Staat, inklusive der Schulen“. Die „absurde Pädagogik der Vielfalt“ habe aber in der Schule nichts zu suchen. „Doch unser Protest in Wiesbaden hat auch eine bundesweite Bedeutung.“ Dabei bezog er sich auf die kürzlich geschlossene Koalition von CDU, FDP und Grünen in Schleswig-Holstein. Gender solle auch dort an den Schulen massiv ausgebaut werden.

Die Publizistin und Gender-Expertin Birgit Kelle, selbst Mutter von vier Kindern, fragte in ihrer Rede: „Liebe CDU in Hessen, was um Himmels Willen macht ihr hier eigentlich? Was hat euch geritten, hier den linken grünen Ideologen soviel Raum zu geben?“ Denn der Lehrplan Sexualerziehung wurde durch einen CDU-Minister und eine CDU-geführte Landesregierung umgesetzt. Sie wies darauf hin, dass das vermeintlich weiche Thema um Schule, Erziehung, Sexualkunde, Frauen und Familie im Grunde „ein ganz knall-hartes Thema“ ist, mit dem Gesellschaftspolitik betrieben wird. „Und deswegen können wir das nicht als Spielwiese irgendeinem grünen Koalitionspartner überlassen, sondern wir müssen dieses Feld selber beackern“, sagte das CDU-Mitglied Kelle.

Immer wieder werde sie gefragt, wie es soweit kommen konnte, dass diese Sachen in den Bildungsplänen stehen, dass so eine Ideologie durch das Land gewandert ist und dass es über 160 Gender-Lehrstühle an deutschen Hochschulen gibt. „Weil wir nicht hingeschaut haben“, ist Kelles Antwort. „Wir haben über 20 Jahre Ideologen einfach arbeiten lassen.“ Kelle mahnte: „Jetzt ist die Zeit zu kämpfen. Nicht später nicht morgen, nicht nächste Woche. Jetzt. Wir müssen uns jetzt bewegen!“

Cornelia Kaminski ist stellvertretende Bundesvorsitzende der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA). Die Lehrerin und Mutter von drei Kindern aus Hessen erklärte, dass an den Schulen zuviel über Sex geredet werde und vor allem zu viel zum falschen Zeitpunkt. Sie berichtete über die Zunahme von sexualisierter Gewalt gerade unter Jugendlichen. Darin sieht sie „ein Versagen im großen Stil“ der schulischen Sexualerziehung, die diese sexualisierte Gewalt eindämmen sollte. Dabei führte sie die Studie „Sexualisierte Gewalt in der Erfahrung Jugendlicher“ vom Mai 2017 als Referenz an.

Ebenfalls kritisierte Kaminski die schamverletzende Erziehung zur „sexuellen Vielfalt“ in den Schulen. Sie forderte den Kultusminister auf, „die ideologischen Scheuklappen abzusetzen, wissenschaftlich fundiert zu arbeiten, und einfach mal den gesunden Menschenverstand zu nutzen“. Kaminski untermauerte ihre Argumentation mit einer weiteren wissenschaftliche Studie, diesmal aus England, die dort einen erheblichen Rückgang von Teenager-Schwangerschaften feststellte, wo der Sexualkundeunterricht gekürzt wurde („The effect of spending cuts on teen pregnancy“, Mai 2016). „Es macht mich wütend, wenn ich merke, dass der Staat, das Land oder wer auch immer, mir das Recht nimmt, meine Kinder so zu erziehen, wie ich das für richtig halte“, erklärte Johannes Elverfeldt. Der Vater von drei Mädchen und zwei Jungs im Vorschul- und Schulalter erinnert an das Erziehungsrecht der Eltern, das ihm vor allem auf dem Gebiet der Sexualerziehung mehr und mehr genommen werde. Er wolle seine Kinder nach seinen Werten erziehen und es sei seine Pflicht, seine Kinder zu schützen.

Die österreichische Familien-Aktivistin und Vorsitzende der Familienallianz, Leni Kesselstatt, berichtete von den Aktivitäten der Familienallianz gegen Sexualisierung der Kinder in Österreich. Unter dem Deckmantel der Missbrauchsprävention werden auch dort die Kinder immer früher mit dem Thema Sexualität konfrontiert. Bewusst werde kindliche Sexualität und Erwachsenensexualität verwechselt. Die Eltern und insbesondere die Väter rief sie auf, sich dagegen zur Wehr zu setzen und die Kinder zu verteidigen.

Kesselstatt berichtet von vielen erschreckende Rückmeldungen aus den Grundschulen und sogar den Kindergärten. Sie rät, dass die Eltern ihre Kinder früh aufklären. Sie sollen ihre Kinder mit ihren eigenen Worten aufklären, bevor die Schule das macht. Mit öffentlichen Aktionen, wie Lesebriefen, Petitionen und Informationsangeboten im Internet konnten sie in Österreich Erfolge erzielen, wie zum Beispiel dass bestimmte Module von Sexualworkshops an den Schulen geändert wurden.

Ludovine de la Rochere von der französischen Protestbewegung Demo für Alle „Manif Pour Tous“ machte in ihrer Rede deutlich, dass der Kampf gegen die Gender-Ideologie in der ganzen Welt gefochten werde. Diese Ideologie sei so wahnhaft, dass es schwerfalle, sie zu erklären. Denn es ist doch offensichtlich, dass die Komplementarität der Geschlechter dazu da ist, um eine Familie zu gründen.

Die französische Demo für Alle hat mehrmals Hunderttausende von Franzosen zu Protesten und großen Demonstrationen auch in Paris mobilisiert, als 2013 der damalige sozialistische Präsident François Hollande in Frankreich die Homo-„Ehe“ einführte. Zusammen sei man stark und könne sich gegenseitig unterstützen, erklärte de la Rochere. Jede Errungenschaft beflügle den Erfolg der anderen. Deshalb werde man in Zukunft noch stärker gemeinsam für den Schutz der Ehe und für den Schutz der Kinder kämpfen. In Frankreich seien die Politiker abgewählt worden, die die Einführung der Homo-„Ehe“ vorangetrieben hätten. Und nicht nur in Frankreich, auch in Italien, Spanien und Australien wurden die Regierungen, die die Homo-„Ehe“ einführten, abgewählt.

Nach der Kundgebung zogen die Demonstrationsteilnehmer in einem Demonstrationszug durch die Wiesbadener Innenstadt. Zum Abschluss ließen sie Hunderte rosa und blaue Luftballons steigen. In Ihrer Mitteilung erklärte die Demo für Alle: „Von unserer Demonstration geht heute ein klares Zeichen an Kultusminister Alexander Lorz: Schauen Sie sich Ihren Plan noch einmal genau an und hören Sie darauf, was wir Eltern hier davon halten! Der verfassungswidrige Lehrplan zur Sexualerziehung in Hessen muss weg.“

Die bundesweite Bedeutung der Demonstration am Sonntag in Wiesbaden ist offensichtlich. Die Vermittlung der Akzeptanz von sexueller Vielfalt in den Schulen der Bundesländer zu verankern, ist Teil derselben Agenda, auf der auch die Homo-„Ehe“ steht. Wie Menschen zusammenleben, soll grundsätzlich verändert werden. Ehe, Familie und Sexualität, wie sie auf Glaube, Natur, Vernunft, Recht und Tradition beruhen, werden angegriffen.

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