Biologismus will den Menschen abschaffen

Die Diskussion über Thilo Sarrazin zeigt die Gefahren einer Naturalisierung der Gesellschaft Von Alexander Riebel

In der Debatte um Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ tauchen immer wieder die Themen Biologismus, Rassismus und genetische Bestimmung von gesellschaftlichen Schichten und Völkern auf. Neu ist dieser Naturalismus nicht, er ist heute aber sehr virulent und lässt sich in den Naturwissenschaften, in der Philosophie bis hin zu den Atheisten finden. Dass Menschen genetische Unterschiede haben, ist wohl erwiesen und etwa in verschiedenen Erbkrankheiten unterschiedlicher Völker nachweisbar. Verhängnisvoll wird die Diskussion aber dann, wenn aus den Naturanlagen Normen hergeleitet werden, wie die vom überlegenen Volk oder der überlegenen Intelligenz, wenn die Vernunft aus der Natur abgeleitet wird, oder wenn die Natur gar als Motor der Weltgeschichte angesehen wird.

„Ideologie, naturwissenschaftliche Theorien und politische Strategien

vermischten sich zum Kampf gegen Religion und klassisches

Kulturverständnis“

Die Naturalisierung des Menschen wurde schon im frühen Darwinismus zum politischen Reformprogramm. Grundlagen dieser Weltanschauung war immer der fließende Übergang von Natur und Mensch. So schrieb schon der deutsche Darwin, der Zoologe und Evolutionstheoretiker Ernst Haeckel (1834–1919), zwischen den „höchstentwickelten Tierseelen“ und den „tiefststehenden Menschenseelen“ bestehe kein qualitativer, sondern nur ein quantitativer Unterschied: „Den Neger halte ich für eine niedere Menschenart (Spezies) und kann mich nicht entschließen, als ,Mensch oder Bruder‘ auf ihn herabzuschauen, man müsste dann auch den Gorilla in der Menschheitsfamilie aufnehmen.“ Mit Aussagen dieser Art ist die christlich-abendländische Tradition verlassen. Ideologie, naturwissenschaftliche Theorien und politische Strategien vermischten sich zum Kampf gegen Religion und klassisches Kulturverständnis. Ernst Haeckel stellte in „Über die Entwicklungstheorie Darwins“ (1863) seine Anschauungen ganz in den Dienst der Evolutionstheorie: „Denn auch in den bürgerlichen und geselligen Verhältnissen sind es wieder dieselben Prinzipien, der Kampf um das Dasein und die natürliche Züchtung, welche die Völker unwiderstehlich vorwärts treiben und stufenweise zu höherer Kultur emporheben. Rückschritte im staatlichen und sozialen, im sittlichen und wissenschaftlichen Leben, wie sie die vereinten selbstsüchtigen Anstrengungen von Priestern und Despoten in allen Perioden der Weltgeschichte herbeizuführen bemüht gewesen sind, können wohl diesen allgemeinen Fortschritt zeitweise hemmen oder unterdrücken; je unnatürlicher, je anachronistischer aber diese rückwärts gerichteten Bestrebungen sind, desto schneller und energischer wird durch sie der Fortschritt herbeigeführt, der ihnen auf dem Fuße folgt. Denn dieser Fortschritt ist ein Naturgesetz.“ Und auch Nietzsche wird in „Jenseits von Gut und Böse“ schreiben: „Die Menschheit als Masse dem Gedeihen einer stärkeren Spezies Mensch geopfert – das w ä r e ein Fortschritt.“ Den Sozialdarwinismus hat auch der Philosoph Albert Lange (1828–1875), Wegbereiter des Marburger Neukantianismus, in seinem 1865 erschienen Buch „Die Arbeiterfrage in ihrer Bedeutung für Gegenwart und Zukunft“ vertreten und darin die Natur als „Überproduktion von Lebenskeimen“ bezeichnet, deren „große Massen dem Untergang gewidmet ist“. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten verschärfte sich die biologistische Weltanschauung und zeigte ihre furchtbarsten Konsequenzen. Wie wohl jetzt auch Sarrazin, so flüchtete das damalige Bürgertum des späten 19. Jahrhunderts in den Biologismus und erhoffte sich vom naturgesetzlichen Fortschritt der Geschichte die Stabilität der eigenen Klasse. Der deutsch-französische Krieg 1870/71 förderte in Deutschland noch diese Auffassung. Denn Deutschland hatte den späteren wirtschaftlichen Erfolg diesem Krieg zu verdanken. Der Philosoph Franz Müller-Lyer schrieb 1919 in „Der Sinn des Lebens und die Wissenschaft“: „Naturforscher traten auf und predigten Gewaltpolitik und heilsames Naturgesetz“, und bei dem Biologen Gustav Jäger heißt es in den „Naturwissenschaftlichen Betrachtungen über den Krieg“ (1870), dass dieser die wohltätige Wirkung der „Beseitigung der Leistungsunfähigkeit“ habe. Der Krieg galt als Bestätigung des Selektionsprinzips, eine Denkfigur, die auch dem Nationalsozialismus nicht unbekannt war. Schon das wilhelminische Deutschland konnte bei Haeckel auch den Gedanken finden, dass der Naturalismus ein aristokratisches Prinzip sei. Rohe Natur und höchste Lebensform fanden hierbei zu einer wundersamen Einheit. Haeckel: „Jedenfalls ist dieses Selektionsprinzip nichts weniger als demokratisch, sondern im Gegenteil aristokratisch, im eigentlichsten Sinne des Wortes.“ Nationalistische Ideen können sich so mit der Idee der Biologisierung der Gesellschaft verbünden. Mit der Idee der Verteidigung der Aristokratie ist auch die Umbiegung der ursprünglichen Darwinismus-Rezeption abgeschlossen, die von rein politischen Zielrichtungen freier war.

Wie konnten und können heute noch Wissenschaftler derartige Fehler begehen und jegliche Rationalität in ihren Theorien vermissen lassen? Biologismus ist die Verwechslung von Existenz- und Wertbegriffen. Dass Biologisches in Wertbegriffen gedeutet wird, entspricht nicht der Sache. Die Wertphilosophie um 1900 hat sich scharf diesem Biologismus in der Wissenschaft entgegengestellt. Ein zentrales Argument war, dass die Verneinung von Existenzbegriffen zur bloßen Negation von etwas führt, ohne eine positive Ergänzung. Bei der Negation von Sinn eines Erkenntnisgehalts ergibt sich aber nicht nichts, sondern der Sinn des Ungültigen, der Sinn, der den Wert der Falschheit trägt. Die Negation von Genen hingegen wird niemals einen positiven Wert- oder Sinnbegriff als Gegenstück ergeben. Geltungsdifferenz und Seinsdifferenz sind fundamental unterschieden, wie sich die Erkenntnisse der Wertphilosophie zusammenfassen lassen. Das haben die Anhänger des Biologismus nie berücksichtigt. Für den britischen Atheisten Michael Ruse ist die Moral „nichts weiter als eine kollektive Illusion, die uns von unseren Genen für den Zweck der Fortpflanzung angedreht wurde“. Biologie wird hier normativ. Die quantitative Vermehrung von realem (natürlichen) Sein führt aber nicht zu einer qualitativen Transformation zum Wert.

„Die Vertreter des

Biologismus sind daher auch Anhänger eines Skeptizismus von

Normenbegründungen“

Weil sich eben Werte und Prinzipien nicht auf natürlich Seiendes zurückführen lassen, kann die Biologie auch nicht den Sinn des Daseins erklären. So ist auch der Unterschied von gültigen und ungültigen Erkenntnissen kein Unterschied im „realen Sein des Sinns“. Natürlich müssen diese Erkenntnisse auch real vollzogen werden und dieser Vollzug findet seinen Niederschlag im Gehirn. Aber die Geltungsdifferenz zwischen wahr und falsch, gültig oder ungültig liegt nicht im real Existierenden. Das Falsche ist eben nicht Nichts, wie es noch der Grieche Parmenides vermutete, es ist nur ungültig, wodurch überhaupt erst die Erkenntnisaufgabe begründbar ist, Wahres zu erreichen.

„Mit dem Naturgedanken der christlichen Tradition haben diese modernen Theorien nichts zu tun, sie haben sich vielmehr hiervon abgekoppelt“

In einer nur kausal determinierten Welt gäbe es die Aufgabe, die Wahrheit zu erlangen, nicht. Die Vertreter des Biologismus sind daher auch Anhänger eines Skeptizismus von Normenbegründungen. Schon zu Haeckels Zeiten wurde der Untergang der klassischen Philosophie beschrieen. Was dem Biologischen unterliegt, folgt auch dessen Gesetzen. Wahrheit und Freiheit wären so gar nicht möglich.

Der Biologismus hebt sich also selbst auf, wenn er konsequent gedacht wird. Er versucht, die Differenz zwischen gültig und ungültig durch den biologischen Unterschied von lebensdienlich und lebensundienlich zu ersetzen. So können auch Staatsführer denken, wenn sie entscheiden wollen, was für ihre Bürger (überlebens-)dienlich oder -undienlich ist. Werte und Biologisches scheinen hier zu verschmelzen, ebenso ethisches Sollen und kausales Müssen. Das Biologische war aber seit jeher das Objektivierbare, das ein Objektivierendes voraussetzt, das nicht biologisch sein kann. Mit dem Naturgedanken der christlichen Tradition haben diese modernen Theorien nichts zu tun, sie haben sich vielmehr hiervon abgekoppelt. Stattdessen schnappen heute auch die Hirnforschung, die Neurophysiologie und der sich mit beiden verbündende Atheismus nach dem transzendenten Sinn; der Atheist Richard Dawkins spricht vom Menschen als einer auf Maximierung der Gesamtfitness angelegten „Überlebensmaschine“, der amerikanische Psychologe David P. Barash nennt den Menschen „eine denkende, fühlende, schwitzende Verkörperung von Genen in Wechselwirkung mit Umwelten“ („Das Flüstern in uns“, 1981). Die Zitate ließen sich unendlich fortsetzen.

Die Konsequenz aus dem biologischen Teil der Diskussion um Sarrazin kann nur sein, den Blick für die Naturalisierung des Menschen und der Gesellschaft zu schärfen und im staatlichen Handeln zu wissen, auf welchen Grundlagen sich die Entscheidungsträger befinden. Um das beurteilen zu können, dafür bietet die Geistesgeschichte ausreichend Material.

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