Bigotterie

Es entlarvt die intellektuelle Bigotterie in unserer Gesellschaft, wenn am Sonntag Papst Benedikt XVI. eindringlich vor einem Vordringen des Euthanasiegedankens in Europa als dem falschen Weg des Umgangs mit dem Leid warnt, und diese, im wahrsten Sinne des Wortes überlebenswichtige Frage und Stimme im medialen Tribunal untergeht, das sich lustvoll allein der Frage widmet, ob der Papst nun den vorkonziliaren Traditionalismus in der Kirche hoffähig mache oder nicht. Den Papst nach Jahren seines Erfolges in eine Ecke stellen zu können, in der die alten Vorurteile scheinbar bestätigt werden, mit denen sich die Welt politisch bequem endlich wieder durch die Schwarz-weiß-Brille von konservativ und fortschrittlich sehen lässt, was das eigenständige, differenzierende Nachdenken überflüssig macht, ist wichtiger, als sich mit den elementaren Botschaften des kirchlichen Oberhauptes über die menschliche Existenz und über die Zukunft unseres Zusammenlebens auseinanderzusetzen.

Gibt es Lichtblicke, die diese intellektuelle Bigotterie gerade im deutschsprachigen Raum etwas erträglicher machen? Ja, es gibt sie, wenn auch nur wenige. Zum Beispiel den Schriftsteller Daniel Kehlmann. Sein neuestes Buch „Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten“ taugt dazu, das aus Sicht von Literaten und Essayisten in den buntesten säkularen Farben zu beleuchten, was Papst Benedikt XVI. beispielsweise in seiner jüngsten Ansprache gegen die Euthanasie ausgeführt hat. Eine der Geschichten Kehlmanns, „Rosalie geht sterben“, düpiert die gesamte Diskussion um Sterbehilfe als eine Geisterdebatte, beschreibt die unheimlich unwirkliche Wirklichkeit der Praxis solcher Organisationen wie „dignitas“, was kein Werk in Film, Literatur und Musik bisher geleistet hat. Kehlmann spiegelt in dieser Geschichte das Verhältnis des Schriftstellers zu seiner erfundenen Figur, die bei einer Sterbehilfeorganisation den assistierten Suizid sucht, auf einer komisch-verworrenen Reise in die Schweiz aber das Leben von seinen lebenswertesten Seiten kennenlernt, und deshalb als literarische Figur von „ihrem“ Schriftsteller Gnade erfleht, dass er sie dem Suizid entgehen lässt, der eigentlich in der Erzählung vorgesehen ist – und der Schriftsteller, also Kehlmann, dies auch tut, wenngleich dadurch seine Literatur stirbt, und er das, was er schreiben wollte, so nicht schreiben und veröffentlichen konnte. „Mir scheint es für einen Moment, als hätte ich richtig gehandelt, als wäre Gnade das Höchste und als käme es auf eine Erzählung weniger nicht an“, resümiert Kehlmann. Und bringt als Intellektueller seine Leser – und vielleicht auch andere Intellektuelle – wieder dahin, wo das intellektuelle Leben hingehört: Zu den Fragen um Leben und Tod, und nicht auf die weiten medial-politischen Felder persönlicher Eitelkeiten.

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