„Betet inständig, auf dass Frieden einkehre“

In seiner Ansprache während der Generalaudienz vom 28. Mai blickt der Heilige Vater auf seine Reise ins Heilige Land zurück
Foto: dpa | Papst Franziskus umarmt seine argentinischen Freunde Rabbi Abraham Skorka (2. v. l.) und den Muslimführer Omar Abboud (r.).
Foto: dpa | Papst Franziskus umarmt seine argentinischen Freunde Rabbi Abraham Skorka (2. v. l.) und den Muslimführer Omar Abboud (r.).

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

In den vergangenen Tagen habe ich, wie Ihr wisst, eine Pilgerreise ins Heilige Land unternommen. Es war ein großes Geschenk für die Kirche, und ich möchte Gott dafür Dank sagen. Er hat mich in das gesegnete Land begleitet, das die geschichtliche Gegenwart Jesu erlebt hat und in dem sich Ereignisse abgespielt haben, die grundlegend für das Judentum, das Christentum und den Islam sind. Ich möchte erneut Seiner Seligkeit, dem Patriarchen Fouad Twal, den Bischöfen der verschiedenen Riten, den Priestern sowie den Franziskanern der Kustodie des Heiligen Landes meine herzliche Dankbarkeit aussprechen. Diese Franziskaner sind wirklich gut. Die Arbeit, die sie dort leisten, ist wunderbar. Mit Dankbarkeit denke ich auch an die jordanischen, israelischen und palästinensischen Obrigkeiten, die mich so freundlich, ich würde sogar sagen freundschaftlich empfangen haben, sowie auch all denen, die an der Verwirklichung dieses Besuchs mitgewirkt haben.

Den ganzen Schmerz der Spaltungen verspürt

1. Hauptanlass dieser Pilgerreise war das Gedenken an den fünfzigsten Jahrestag der historischen Begegnung zwischen Papst Paul VI. und dem Patriarchen Athenagoras. Es war das erste Mal, dass ein Nachfolger Petri das Heilige Land besuchte: Paul VI. hat so während des Zweiten Vatikanischen Konzils die Papstreisen außerhalb Italiens in unserer heutigen Zeit eingeführt. Diese prophetische Geste des Bischofs von Rom und des Patriarchen von Konstantinopel war ein Meilenstein auf dem leidvollen, aber vielversprechenden Weg der Einheit aller Christen, auf dem seither wichtige Schritte erfolgt sind. Daher hat meine Begegnung mit Seiner Heiligkeit Bartholomaios, dem geliebten Bruder in Christus, den Höhepunkt des Besuchs dargestellt. Gemeinsam haben wir am Grab Jesu gebetet, und bei uns waren der griechisch-orthodoxe Patriarch von Jerusalem Theophilos III. und der armenisch-apostolische Patriarch Nourhan, sowie Erzbischöfe und Bischöfe der verschiedenen Kirchen und Gemeinschaften, zivile Obrigkeiten und viele Gläubige. An jenem Ort, an dem die Verkündigung der Auferstehung erklungen ist, haben wir die ganze Trauer und den ganzen Schmerz der Spaltungen verspürt, die immer noch unter den Jüngern Christi bestehen; und das tut wirklich sehr weh, im Herzen weh. Wir sind noch gespalten; an jenem Ort, an dem die Verkündigung der Auferstehung erklungen ist, an dem Jesus uns das Leben schenkt, sind wir immer noch nicht richtig vereint. Doch vor allem haben wir in jener Feier, die von gegenseitiger Brüderlichkeit, Wertschätzung und Zuneigung erfüllt war, deutlich die Stimme des auferstandenen Guten Hirten vernommen, der alle seine Schafe zu einer einzigen Herde zusammenführen möchte; wir haben den Wunsch verspürt, die noch offenen Wunden zu heilen und den Weg zur vollen Gemeinschaft weiter zielstrebig zu verfolgen. Einmal mehr bitte ich – wie es die vorhergehenden Päpste getan haben – um Vergebung für das, was wir getan haben, um dieser Spaltung Vorschub zu leisten, und ich bitte den Heiligen Geist, dass er uns helfen möge, die Wunden zu heilen, die wir den anderen Brüdern und Schwestern zugefügt haben. Wir sind alle Brüder und Schwestern in Christus, wir empfinden uns als Freunde, als Brüder mit dem Patriarchen Bartholomaios, wir haben den gemeinsamen Wunsch, zusammen voranzuschreiten und alles zu tun, was wir von heute an tun können: zusammen beten, zusammen für die Herde Gottes arbeiten, den Frieden suchen, die Schöpfung bewahren, viele Dinge, die uns gemeinsam sind. Und als Brüder und Schwestern müssen wir vorangehen.

2. Ein weiteres Ziel dieser Pilgerreise war es, in diesem Gebiet den Weg zum Frieden zu ermutigen, der gleichzeitig Gottes Geschenk und menschliche Bemühung ist. Ich habe das in Jordanien, in Palästina und in Israel getan. Und ich habe das immer als Pilger getan, im Namen Gottes und des Menschen, mit großem Mitgefühl in meinem Herzen für die Söhne und Töchter dieses Gebiets, die seit allzu langer Zeit mit dem Krieg leben müssen, und das Recht haben, endlich Tage des Friedens zu erfahren!

Daher habe ich die christlichen Gläubigen aufgerufen, sich mit offenem und gehorsamem Herzen von Heiligen Geist „salben“ zu lassen, um immer mehr zu Gesten der Demut, der Brüderlichkeit und der Versöhnung fähig zu sein. Der Heilige Geist erlaubt, diese Haltungen im täglichen Leben gegenüber Menschen verschiedener Kulturen und Religionen einzunehmen und so „Handwerker“ für den Frieden zu werden. Der Friede wird mit der Hand gefertigt! Es gibt keine Industrie für den Frieden, nein. Er wird jeden Tag mit der Hand gefertigt und auch mit einem offenen Herzen, damit das Geschenk Gottes komme. Deswegen habe ich die christlichen Gläubigen aufgefordert, sich „salben“ zu lassen.

Nach einer gerechten Lösung für den Konflikt suchen

In Jordanien habe ich den Obrigkeiten und dem Volk für ihr Engagement gedankt, die zahlreichen, aus Kriegsgebieten kommenden Flüchtlinge aufzunehmen, ein humanitäres Engagement, das stete Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft verdient und erfordert. Ich war von der Großherzigkeit des jordanischen Volks beeindruckt, die Flüchtlinge aufzunehmen – viele fliehen in diesem Gebiet vor dem Krieg. Möge der Herr dieses gastfreundliche Volk segnen, möge er es sehr segnen! Und wir müssen dafür beten, dass der Herr diese Aufnahme segnet und alle internationalen Institutionen auffordern, diesem Volk bei der Aufnahmearbeit, die es leistet, zu helfen. Während der Pilgerreise habe ich auch an anderen Orten die entsprechenden Verantwortlichen ermutigt, ihre Bemühungen fortzusetzen, um die Spannungen im Bereich des Nahen Ostens – vor allem im gepeinigten Syrien – zu lösen sowie auch die Suche nach einer gerechten Lösung für den israelisch-palästinensischen Konflikt fortzusetzen. Daher habe ich den Präsidenten von Israel und den Präsidenten von Palästina – beides Männer des Friedens und Friedensstifter – eingeladen, in den Vatikan zu kommen und gemeinsam mit mir für den Frieden zu beten. Und Euch fordere ich auf, uns bitte nicht allein zu lassen: betet, betet inständig, dass der Herr uns Frieden schenken möge, dass er uns den Frieden in jenem gesegneten Land schenke! Ich zähle auf Eure Gebete. Betet in dieser Zeit, betet inständig, auf dass der Frieden einkehre.

3. Diese Pilgerreise in das Heilige Land war auch eine Gelegenheit, um die christlichen Gemeinschaften, die so viel leiden, im Glauben zu stärken, und die Dankbarkeit der ganzen Kirche für die Präsenz der Christen in diesem Gebiet und im ganzen Nahen Osten zum Ausdruck zu bringen. Diese unsere Brüder und Schwestern sind mutige Zeugen der Hoffnung und der Liebe, „Salz und Licht“ in jenem Land. Mit ihrem Leben des Glaubens und des Gebets und mit ihrer geschätzten erzieherischen und sozialen Tätigkeit wirken sie zugunsten der Versöhnung und der Vergebung und tragen zum Gemeinwohl der Gesellschaft bei.

Mit dieser Pilgerreise, die eine wirkliche Gnade des Herrn war, wollte ich ein Wort der Hoffnung bringen, doch ich habe auch meinerseits Hoffnung empfangen! Ich habe sie von Brüdern und Schwestern empfangen, die „gegen alle Hoffnung“ (Röm 4,18) hoffen, durch so viele Leiden, wie die derjenigen, die aufgrund der Konflikte aus ihrem Land fliehen mussten; wie die der vielen Menschen in verschiedenen Teilen der Welt, die aufgrund ihres Glaubens an Christus diskriminiert und verachtet werden. Bleiben wir ihnen weiterhin nahe! Beten wir für sie und für den Frieden im Heiligen Land und im ganzen Nahen Osten. Das Gebet der ganzen Kirche unterstütze auch den Weg zur vollen Einheit unter den Christen, auf dass die Welt an die Liebe Gottes glaube, die in Jesus Christus gekommen ist, um mitten unter uns zu wohnen.

Und ich lade Euch jetzt alle ein, gemeinsam zu beten, gemeinsam zur Gottesmutter zu beten, der Königin des Friedens, der Königin der Einheit unter den Christen, der Mutter aller Christen: dass sie uns Frieden schenke, der ganzen Welt, und dass sie uns auf diesem Weg der Einheit begleite. [Gegrüßet seist du, Maria...]

Ein Sprecher verlas folgenden Gruß des Papstes an die Pilger aus dem deutschen Sprachraum:

Ein herzliches Willkommen sage ich den Brüdern und Schwestern deutscher Sprache. Diese Pilgerreise in das Heilige Land war eine wirkliche Gnade des Herrn. Ich durfte auch viele Menschen ermutigen, die aufgrund von Konflikten, von Diskriminierung und aufgrund ihres Glaubens an Christus leiden. Beten wir für sie und für den Frieden im Heiligen Land und im ganzen Mittleren Osten. Gott segne euch!

Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller

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