Berichte aus dem Reich des Bösen

Der Journalist Jürgen Todenhöfer hat zehn Tage lange mit den Schergen des „Islamischen Staats“ verbracht. Von Magdalena S. Gmehling
Foto: dpa | Jürgen Todenhöfer bei einer Vorstellung seines Buchs zum „Islamischen Staat“.
Foto: dpa | Jürgen Todenhöfer bei einer Vorstellung seines Buchs zum „Islamischen Staat“.

Als erster deutscher Publizist bereiste Jürgen Todenhöfer, ehemaliger CDU-Bundestagsabgeordneter und späterer Burda-Vorstand, zusammen mit seinem Sohn Frederic die Kriegs- und Krisengebiete des Nahen und Mittleren Ostens. Sein Bestseller „Inside IS“ ist ein atemberaubender Report. Das Honorar spendete Todenhöfer für syrische und irakische Flüchtlinge sowie für Kinder in Gaza.

In Begleitung schwerbewaffneter Dschihadisten bewegten sich die beiden Deutschen oft unter Lebensgefahr im sogenannten „Islamischen Staat“ (IS). Anliegen des Buches ist es, den Alltag der Terroristen hautnah nachzuvollziehen, ihre Motive kennenzulernen und die Ursachen des Phänomens IS zu ergründen.

Auf der Suche nach der Wahrheit ist es dem versierten Juristen Todenhöfer ein Anliegen, einen der wichtigsten Grundsätze des römischen Rechtes anzuwenden: audiatur et altera pars (auch die Gegenpartei möge gehört werden). Im Buch wird eindrucksvoll belegt, dass dieser Standpunkt teilweise hasserfülltes Unverständnis, wütende Reaktionen und Verbalinjurien weit unter der Gürtellinie hervorruft. Der Autor gibt sich davon unbeeindruckt und hinterfragt jene Denkschemata, welche uns von der Politik und den Massenmedien suggeriert werden.

Zunächst befasst sich der Publizist mit der Entstehung des IS. Er datiert diese zurück auf das Jahr 2003 und nennt den „Islamischen Staat“ letztlich ein „Kind des Irakkrieges“. Der Aufstieg von Al-Kaida im chaotischen irakischen Machtspiel verdichtet sich in der Person des sunnitischen Jordaniers Al Zarkawi, dessen brutaler Kampf vor allem den iraktischen Soldaten, Polizisten und Schiiten galt. Nach seiner Ausschaltung verlegten sich die Amerikaner auf abenteuerlich hohe Millionenzahlungen an die sunnitischen Stämme, um ihre eigene Niederlage im Irak-Krieg zu verschleiern. Die ISI (Söhne des Irak)-Milizen profitierten zunächst von den Dollargeschenken. 2010 übernahm Abu Bakr Al Baghdadi die Führung der ausgedünnten ISI-Zellen. Während des sogenannten „Arabischen Frühlings“ schlossen sich ehemalige Saddam-Kommandeure der Bewegung an. Schließlich gründete Al Baghdadi in Syrien unter der Führung Al Julanis die Terrororganisation Jabhat Al Nusra. Der Regierungschef und „alawitische Ketzer“ Assad entsprach einem perfekten Feindbild, welches man mit allen Mitteln zu bekämpfen hatte. Als es zum Bruch zwischen Al Julani und Al Baghdadi kam, rief letzterer das Kalifat aus und benannte den IS um in ISIS (Islamischer Staat im Irak und Al Sham – die Levante). Später hieß es nur noch IS („Islamischer Staat“). Eine geographische Begrenzung ist mit diesem Namen nicht mehr verbunden. Der Anspruch des IS ist global.

Bezüglich der westlichen Kriegsziele im Mittleren Osten werden meist heuchlerisch humanitäre Gründe ins Geld geführt. Letztlich aber steht weniger die Empörung des Westens gegen die demonstrative islamische Brutalität im Mittelpunkt. Weit eher geht es um Machtpolitik, welche auf die Störungsfreiheit der Ölförderung und des Öltransports zielt. Ob es sinnvoll ist, westliche Gewalt gegen jene der Muslime aufzuwiegen, wie es in dem Buch ausführlich und kenntnisreich unternommen wird, sei dahingestellt. Die Unterschätzung des syrischen Terrorismus durch die USA wird mit Recht als schwerer taktischer Fehler bezeichnet. Wie nun kam es zu den IS-Kontakten? Mit Wissen des Kanzleramtes chattet Frederic Todenhöfer im Auftrag seines Vaters über Facebook mit den Dschihadisten. Fünfzehn antworten. Der Inhalt dieser Mails wird im Buch teilweise wiedergegeben. Man staunt über die Naivität, Perfidie, aber auch über die unreflektierte Grausamkeit der Aussagen. Schließlich intensiviert sich der Kontakt zu Abu Qatadah alias Christian E. aus Düsseldorf. Der 31-jährige ehemalige Eliteschüler, ein riesiger Mann, hat als Spezialist bei der Medienabteilung des IS eine offizielle Funktion und übernimmt die Vermittlung. Nach monatelangem Ringen via Skype wird für Todenhöfer und seinen Sohn vom Kalifen (Abu Bakr Al Baghdadi) eine Sicherheitsgarantie ausgestellt.

Ein abenteuerliches Unternehmen mit ungewissem Ausgang beginnt. Von der Türkei aus reisen Vater und Sohn in das IS-Gebiet ein. Minutiös wird nun die Zeit zwischen dem 6. und 15. Dezember 2014 beschrieben. Man erfährt Einzelheiten über die sogenannten mutigen Kämpfer mit tödlichen Sprengstoffgürteln, staunt über die fanatische Indoktrination und das primitive Weltbild der jugendlichen Soldaten, über ihre Gnadenlosigkeit, die Verschleierung ihres früheren Lebens. So zeigt eine Abbildung im Buch einen Kindersoldaten, einen 15-jährigen IS-Polizisten mit Kalaschnikow. In Rakka treffen sich die Deutschen mit Abu Qatadah, dessen verzweifelte Mutter Todenhöfer vorher in Düsseldorf aufgesucht hat. Man spricht über die Jizya (Christensteuer), über die grausame Scharia, den Sklavenmarkt und die Preise für Frauen, fährt an dem kreisrunden Platz vorbei, wo die enthaupteten Feinde zur Schau gestellt werden. Ein Treffen mit einem vermummten IS-Richter wird arrangiert und Abu Qatadah bietet den Deutschen die perverse Möglichkeit an, an einer Exekution teilzunehmen. Stets begleitet von Schwarzvermummten kommt es schließlich zu einer erschütternden Begegnung mit einem gefangenen Peschmerga-Kämpfer. Das Klima zwischen den Gästen und den IS-Leuten wird zunehmend unangenehmer. Mehrmals rettet sie die Sicherheitsgarantie aus gefährlichen Situationen. Von drohender Unheimlichkeit ist vor allem die Gegenwart des maskierten Fahrers mit stark britischem Akzent. Es wird sich später bewahrheiten, dass es sich um den berüchtigten Dschihadisten John, den Henker von James Foley und westlicher Geiseln, handelte.

Am 15. Dezember 2014 gelingt die Rückkehr unter abenteuerlichen Umständen. In einem offenen Brief wendet sich Todenhöfer nochmals an den Kalifen und vor allem die ausländischen Dschihadisten. Er bedankt sich für die Einhaltung der Sicherheitsgarantie, rechnet aber auch in einer durchaus lesenswerten Deutlichkeit mit den Untaten des IS ab. Korankundig verweist er auf Kernaussagen dieses Buches, die dem Verhalten der sogenannten Gotteskrieger diametral widersprechen. In Anlehnung an Hannah Ahrendts Aussage über die „Banalität des Bösen“ kann man hier von einem Report aus dem Reich des Bösen sprechen. Der IS sucht die apokalyptische Entscheidungsschlacht, er zelebriert mit seinen Sado-Terroristen hemmungslose Gewalt. Eine deprimierende Erkenntnis.

Das reichliche und unter großen Schwierigkeiten erstellte Bildmaterial verweist den Betrachter auf die Notwendigkeit, genau hinzuschauen und selbst Schlussfolgerungen zu ziehen. Man muss sich immer wieder klar machen, dass es sich bei den Männern mit Bärten, die so locker patrouillieren oder lächelnd mit erbeuteten amerikanischen und deutschen Waffen in die Kamera blicken, um eine anarchistische brutale Killertruppe handelt, um Vergewaltiger und bestialische Schlächter. Oft verbergen sich hinter diesen schwarzmaskierten Gestalten frustrierte unreife und aufgehetzte „Aussteiger“. Deutlich wird aber auch, dass jene jungen Leute, die mit westlicher Frisur, mit T-Shirts und Bayern-Trikots lässig in die Kamera blicken, die Wirklichkeit des IS-Staates nicht verkörpern.

Abschließend darf bemerkt werden, dass Jürgen Todenhöfers Bestseller als durchaus lohnende Lektüre, als eine Art „Augenöffner“ bezeichnet werden darf. Wer die ungeheuren Strapazen und die damit verbundene Angst einer solchen Reise auf sich nimmt, um die Wahrheit ans Licht zu bringen, hat der Welt Wesentliches zu sagen.

Jürgen Todenhöfer: Inside IS – 10 Tage im „Islamischen Staat“. C. Bertelsmann Verlag, München 2015, 285 Seiten, 48 farbige Abbildungen, EUR 17,99

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