Beim Wandern Schuld wiedergutmachen

Modernes Märchen, inszeniert mit Gespür für Rhythmus: Nick Baker-Monteys' „Der Mann der über Autos sprang“. Von José García
Foto: Arsenal | Weil er an die heilende Kraft des Gehens glaubt, wandert der aus der Psychiatrie ausgebrochene Julian (Robert Stadlober) quer durch Deutschland.
Foto: Arsenal | Weil er an die heilende Kraft des Gehens glaubt, wandert der aus der Psychiatrie ausgebrochene Julian (Robert Stadlober) quer durch Deutschland.

Der Filmtitel lässt zwar zusammenzucken: Im Dezember 2010 verletzte sich ein junger Mann in der Sendung „Wetten, dass?“ beim Versuch, mit Sprungfedern über Autos zu springen, schwer. Das Spielfilmdebüt von Nick Baker-Monteys „Der Mann der über Autos sprang“ (ohne Komma!) handelt jedoch nicht von einer solchen Wette oder Mutprobe. Baker-Monteys' Spielfilm erzählt vielmehr von der Wanderung des jungen Julian (Robert Stadlober) quer durch Deutschland, von Berlin nach Tuttlingen in Schwaben. Denn Julian ist davon überzeugt, dass er durch die Energie des Gehens den herzkranken Vater seines verstorbenen besten Freundes heilen kann – Julians Offstimme erläutert zu Beginn, wie sich der junge Mann diesen Zusammenhang vorstellt.

Zu Beginn klettert Julian aber zunächst über eine Mauer und stiehlt sich aus der Nervenheilanstalt, in der er die letzten vier Jahre verbracht hat. Unterwegs trifft der junge Mann in schwarzem Anzug und weißem Hemd auf die Assistenzärztin Ju (Jessica Schwarz), die gerade mit dem Tod einer jungen Patientin zu kämpfen hat. Weil sie auch privat in einer festgefahrenen Situation steckt, verlässt sie ihren Freund Sebastian (Mark Waschke) wortlos, nachdem sie zusammen mit Julian über glühende Kohlen gegangen ist. Sie nimmt sich eine Auszeit, um den geheimnisvollen jungen Mann ein Stück Weges zu begleiten. Der Träumer bringt die Realistin nach und nach auf andere Gedanken. Die beiden treffen später auf Ruth (Anna Schudt), die eigentlich mit Mann und Kindern in die Herbstferien fahren wollte, sich aber spontan dem ungleichen Duo anschließt. Julian wird indes vom Berliner Kriminalbeamten Jan (Martin Feifel) verfolgt, der ihn in die Psychiatrie zurückbringen soll.

Natürlich kann ein Film wie „Der Mann der über Autos sprang“ mit Wahrscheinlichkeitskrämerei kaum durchleuchtet werden. Unter einem realistischen Blickwinkel wirkt etwa das Verhalten des Polizisten unglaubwürdig.

Dass etwa Ju, eine Ärztin, Julians psychische Auffälligkeit nicht auf Anhieb erkennt, leuchtet ebenfalls kaum ein. Als Märchen aber gehorcht Baker-Monteys' Film jedoch anderen Gesetzen. So stellt die Filmbewertungsstelle Wiesbaden bei der Verleihung des Prädikats „besonders wertvoll“ fest: „Durch kleingeistige Plausibilitäten wie jene, dass es bei der Arbeitsüberlastung der deutschen Polizei völlig utopisch wäre, wenn ein Kripobeamter wochenlang hinter einem aus einer Anstalt Ausgebrochenen herfahren würde, lässt sich Regisseur Nick Baker-Monteys nicht in seiner Fantasie beschränken. Sein Film ist voller seltsamer Begegnungen und Geschehnisse, die einer eher märchenhaften Logik folgen.“

Die lakonischen Dialoge erlauben zwar kaum tiefere Einblicke in die Charaktere. Damit steht „Der Mann der über Autos sprang“ jedoch in einem wohltuenden Gegensatz zu der von der Fernsehdramaturgie beeinflussten, den Zuschauer ermüdenden Überdeutlichkeit mancher Kinofilme. Nick Baker-Monteys setzt insbesondere auf die Kraft der Bilder: Kamerafrau Eeva Fleig gelingen dabei wunderbar schöne, von der eher unauffälligen Musik von Fabian Römer unterstützte Einstellungen.

„Der Mann der über Autos sprang“ handelt von den Veränderungen, die in der Begegnung mit einem charismatischen Menschen wie Julian entstehen. Dazu führt der Regisseur aus: „Die Menschen, die Julian trifft, glauben nicht unbedingt, dass Julian die Macht hat, einen Menschen durch die Kraft des Gehens zu heilen. Vielmehr ist es so, dass sie in ihm jemanden erkennen, der an etwas glaubt. Oder noch besser: jemand, der an die Fähigkeit der Menschen glaubt. Und das bedeutet ganz konkret für ihr Leben, an sich zu glauben und die Fähigkeit zu besitzen, ihr festgefahrenes Leben verändern zu können.“

Ob der junge Mann tatsächlich die Fähigkeit besitzt, die Gesetze der Schwerkraft zu überwinden, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Nicht esoterische, angeblich übersinnliche Kräfte stehen den wirren Ausführungen zu Beginn über das Nichts, die Energie des Universums und deren Wirkung auf den menschlichen Geist zum Trotz im Vordergrund von „Der Mann der über Autos sprang“. Die Gabe, die Julian offenkundig besitzt, besteht hingegen darin, das Leben seiner Mitmenschen zu verändern. Seine Mission lässt diejenigen, die ihm begegnen, aus ihrem Alltag ausbrechen. Dass Julian der Wunsch antreibt, eigene Schuld wieder gutzumachen, verleiht dem Film zusätzliche Tiefe.

Nick Baker-Monteys inszeniert das selbstverfasste Drehbuch ruhig, mit viel Gefühl für Rhythmus. Seinen lakonischen Regiestil überträgt er ebenfalls auf die Darsteller, deren Spiel beherrscht-minimalistisch ausfällt, wodurch es freilich eine nachhaltige Wirkung entfaltet. Beim 32. Max Ophüls-Festival wurde Baker-Monteys im Januar mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet.

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