Beheimatet in Beziehung

Beim „Thema der Woche“ (Ausgabe vom 12. April) ging es um das christliche Heimatgefühl. Muss sich ein christlicher Patriotismus an Staatsgrenzen oder am Reich Gottes ausrichten? Eine Ergänzung. Von Till Magnus Steiner
China - Wüste
Foto: Foto: | In der Bibel verlangt Gott, dass Menschen ihre Heimat verlassen und sich auf den Weg ins Ungewisse machen. Darf man dies auf heute übertragen?dpa

Nein, Patriotismus ist kein Verbrechen. Die innerliche Bindung an die Heimat führt dazu, dass Bürger und Bürgerinnen sich für die Gesellschaft, in der sie leben, einsetzen und sie lebenswert gestalten wollen. Patriotismus muss in der Demokratie im Plural gedacht werden: verschiedene Gesellschaftsentwürfe für das Gemeinwesen werden zur Diskussion gestellt. In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? In dieser Diskussion beschwört Klaus Kelle im Angesicht des „politischen Islams“ eine Identität des Landes, die „christlich-jüdisch geprägt und nichts anderes“ sei. Und für Felix Dirsch ermöglicht ein „wohlverstandener christlicher Patriotismus“ das bessere Erkennen „der Gefahren einer unverhältnismäßigen Einwanderung“. Diese Patrioten treibt die Angst. Sie sind im Verteidigungsmodus – aber was verteidigen sie? Was ist das Christliche an dem von den Autoren propagierten Patriotismus? Ja, ein Christ kann sein Vaterland lieben, aber er oder sie ist in dieser Welt doch immer heimatlos.

Am Anfang der Bibel steht die Heimatlosigkeit

Die Bibel beginnt mit einem doppelten Verlust der Heimat. Zuerst werden Adam und Eva aus dem Paradies verjagt und die Menschen finden ihre neue Heimat in der Welt. Sprachen und Länder entstehen. Aus dieser neuen Ordnung wird Abraham direkt wieder herausgerufen: „Der Herr sprach zu Abraham: Geh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich Dir zeigen werde“ (Genesis 12,1). Er soll sein Sprach- und Traditionsumfeld, in dem er lebt, verlassen. Er soll den Ort seiner Identität und die Sicherheit, die durch seine verwandtschaftlichen Verhältnisse gegeben ist, verlassen. Er folgt dem Ruf Gottes und gelangt so in das verheißene Land, in dem er selbst zu seinen Lebzeiten keine Heimat finden, sondern ein Fremder bleiben wird (Genesis 17,8). Als es darum geht, für Isaak, den Sohn Abrahams und Sarahs, eine Frau zu finden, wird ein Knecht zurück zur Familie Abrahams geschickt (Genesis 24, 1–5). Das verheißene Land wird nicht zur Heimat der Erzeltern. Der weitere Weg ihrer Nachkommenschaft führt nach Ägypten, wo sie als Fremde versklavt und zugleich zum Volk Israel werden. Gott befreit sein Volk und verheißt ihm erneut, wie schon den Erzeltern, das Land Kanaan als ihre Heimat. Das Leben in diesem Land ist jedoch an Pflichten gebunden, die Gott auf der Wüstenwanderung offenbart und in denen sich unter anderem die Erfahrung der Fremdheit und der Heimatlosigkeit widerspiegeln: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen“ (Levitikus 19, 34). Die Fremden, die nicht zum Volk Israel gehören und nicht an den Gott Israels glauben, werden dem Einheimischen nicht nur gleichgestellt, sondern sie stehen zudem auch noch unter dem besonderen Schutz des Gesetzes und ihre Versorgung ist gesetzlich abgesichert (Levitikus 19, 10; 23, 22).

Gott verheißt seinem Volk das Land Kanaan nicht nur als dauerhaften Erbbesitz, sondern als Ort der Ruhe und des Friedens – als heile Welt –, wenn Israel die offenbarten Gesetze einhält. Diese Ruhe kann von Gott nur gegeben werden, wenn die Gemeinschaft des Volks untereinander und mit Gott in einer guten Beziehung lebt. Das erste Buch der Könige erzählt, dass der Bau des Tempels durch Salomo zum Geschenk der Ruhe geführt hat (1 Könige 8, 56). Aber die Königebücher erzählen auch, dass Israels Könige und das Volk sich immer wieder von Gott abwenden und am Ende das Land und der Tempel verloren gehen. Der Tempel wird von den Babyloniern zerstört und Israel wird ins Exil geführt. Psalm 137 spiegelt die Erinnerung wider, wie stark das „Heimatweh“ der Exilierten war: „An den Strömen von Babel, / da saßen wir und wir weinten, wenn wir Zions gedachten“ (Psalm 137,1).

Die Erinnerung an Zion bezieht sich hierbei nicht nur auf Jerusalem als Hauptstadt des davidischen Königtums, sondern vor allem als Wohnort Gottes (Psalm 48). Zion ist der Symbolort für die Beziehung des Volkes Israel zu seinem Gott. Die biblische Erinnerung an das verheißene Land und an Zion als Gottesstadt sind keine Nostalgie, sondern Sehnsucht nach dem Ort der Verwirklichung von Beziehung – hier der Beziehung Gottes zu seinem Volk. Aus dem babylonischen Exil kehrte Israel wieder zurück in seine Heimat. In biblischer Zeit war dieser Besitz jedoch nur eine Episode, die nach verschiedenen Herrschaften in der Zerstörung des Tempels durch die Römer im Jahre 70 n. Chr. endete. Die Hebräische Bibel wurde für viele Juden zum tragbaren Vaterland und somit zur Identität und Heimat– ohne dass die Sehnsucht und Liebe zum Land Israel endete.

Die ersten Christen wurden zu Fremden

Das Christentum ist nicht Israel. Es ist weder ein nationales Volk, noch hat es ein Vaterland. Bereits Jesus trifft in seiner Heimatstadt Nazareth auf große Ablehnung, wie die Evangelien einstimmig belegen – worauf er im Evangelium nach Markus folgendermaßen reagiert: „Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends ist ein Prophet ohne Ansehen außer in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie“ (Markus 6, 4). Sich wundernd über den Unglauben in seiner Vaterstadt wendet er sich von seinem Herkunftsort ab – wie Abraham wird er heimatlos in dieser Welt. Seine Jünger sendet er dann nach seiner Auferstehung ebenso in die Heimatlosigkeit, um in der ganzen Welt das Evangelium des Reiches Gottes zu verkünden. Die ersten Christen wurden zu Fremden in ihren irdischen Vaterländern. Paulus, der als Apostel dem Missionsaufruf von Damaskus bis nach Rom folgte, erkannte, dass Christen nur dort eine Heimat haben, wo der zu finden ist, dem sie nachfolgen: „Denn unsere Heimat ist im Himmel“ (Philipper 3,20; vgl. Hebräer 11,14). Paulus verwendet in diesem Vers den griechischen Begriff, der in der revidierten Einheitsübersetzung mit „Heimat“ wiedergegeben ist. Genauer bezeichnet dieses Wort das aus Bürgern bestehende Gemeinwesen. Dieses Bürgerrecht ist aber nicht einfach ein Besitz, sondern es fordert einen bestimmten Lebenswandel ein, wie ein Blick auf den Anfang des Briefs an die Philipper verdeutlicht. Mit dem zu dem griechischen Wort für das bürgerliche Gemeinwesen gehörenden Verb fordert Paulus die Christen auf: „Lebt als Gemeinde [d.h. als bürgerliches Gemeinwesen], wie es dem Evangelium entspricht.“ (Philipper 1, 27). Für einige Exegeten bezieht sich diese Forderung darauf, dass Christen als gute Bürger im Staat wirken sollen. Andere beziehen diese Forderung auf die Kirchengemeinden als Anteilhabe am himmlischen Gemeinwesen. Egal, welcher Interpretation man zustimmt: Das eingeforderte Gemeinwesen ist kein Besitz, sondern ein Sein. Gefordert ist ein Lebenswandel, der sich am Evangelium vom Reich Gottes ausrichtet – in den Worten Papst Franziskus‘: „Wie man Christus nicht verstehen kann ohne das Reich, das zu bringen er gekommen war, so ist auch deine eigene Sendung untrennbar mit dem Aufbau jenes Reiches verbunden: ,Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit‘ (Mt 6, 33).“ (Gaudete et Exsultate, 25) In seinem Ruf zur Heiligkeit hat der Papst im Besonderen auf die Seligpreisungen als Handlungsmaximen verwiesen.

Nun werden die Kritiker zu Recht einwenden: Mit der Bergpredigt kann man kein Land regieren, wie Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor Kurzem wieder betonte. Nein, dieser Barmherzigkeit und Gerechtigkeit fordernde Text dient keinem begrenzten Gemeinwesen, sondern ist der Leitfaden, um das Reich Gottes aufzurichten. Weder Jesus noch seine Jünger waren ausgezogen, um einen weltlichen, vergänglichen Staat zu gründen, sondern um das Evangelium zu verkünden und es zu leben. Das verbietet nicht, sein Vaterland zu lieben, wie auch das II. Vatikanum im Konzilsdokument „Gaudium et spes“ betont: „Die Staatsbürger sollen eine hochherzige und treue Vaterlandsliebe pflegen, freilich ohne geistige Enge, vielmehr so, dass sie dabei das Wohl der ganzen Menschheitsfamilie im Auge behalten, die ja durch die mannigfachen Bande zwischen den Rassen, Völkern und Nationen miteinander verbunden ist“ (GS 75). Aber ein Patriotismus ist erst christlich, wenn er dem Gemeinwohl der Menschheit dient.

Im Evangelium nach Matthäus beschreibt Jesus das Gericht über die Völker am Ende der Zeiten. Die Kriterien zur Erlangung des ewigen Lebens im Reich Gottes sind die Taten der Mitmenschlichkeit. Dort, wo elementare Notlagen nach spontanem mitmenschlichen Handeln rufen, dort entscheidet sich christliche Existenz – für den Einzelnen, für die Gemeinde, für ein Volk. Wer wird also im Reich Gottes seine Heimat finden? Diejenigen, die sich in der Nachfolge Christi den Hungrigen, den Durstigen, den Fremden, den Armen, den Sündern und allen Bedürftigen zugewendet haben, um ihnen zu helfen (Matthäus 25, 31–46). Ein christlicher Patriotismus richtet sich am Reich Gottes und nicht an Staatsgrenzen aus.

Weitere Artikel
Europa
Europa

Europa fehlt das Kreuz  Premium Inhalt

Den europäischen Staaten stellt sich die Sinn- und Systemfrage. Die bisherigen Antworten waren Nationalismus oder ein nahezu religiöses Bekenntnis zur europäischen Einheit.
18.04.2021, 09  Uhr
Marco Gallina
Themen & Autoren
Bibel Bürger CDU Einwanderung Evangelium Gott Heimat Islam Jens Spahn Jesus Christus König Salomo Ländergrenzen Papst Franziskus Patriotismus Vaterland

Kirche