Tagesposting

Behalten wir unsere Freiheit!

Freiheit soll zurück kommen. Freiheit hat eine Dialektik. Ganz verlieren kann man sie nie.
FFP2-Maskenpflicht
Foto: Swen Pförtner (dpa) | Viele wünschen sich. alles wäre wieder wie früher.

Viele wünschen und erwarten sich vom neuen Jahr, dass es uns unsere Freiheit zurückbringt. Glück, Gesundheit und Gottes Segen scheinen schon etwas abgedroschen zu klingen und „die Freiheit“ wird zu einem Wert stilisiert, der zurückgewonnen werden muss, damit das persönliche, aber auch gesellschaftliche Leben wieder Sinn macht.

Die erste Frage, die sich bei solchen Formulierungen stellt: wer hat die Freiheit von uns weggenommen, dass wir sie uns zurückholen müssen? Was ist mit dieser Freiheit überhaupt gemeint?

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Wie früher

Als ich vergangenen Sonntag mit Familie in einer halb-leeren Kirche stand, die sonst so voll wäre, dass viele Menschen keinen Sitzplatz mehr finden würden, und ich in die mit FFP2-Masken bedeckten Gesichter blickte, war dieses Bild bedrückend. Ich wünschte mir, es wäre wieder wie früher. Ich wünschte mir, dass man in einer Kirche fröhlich und laut mitsingen könnte und keine Maske und keinen Impfausweis benötigen würde. Wie lange ist es her und wie merkwürdig „normal“ fühlt sich inzwischen dieser Ausnahmezustand für uns und unsere Kinder an! Doch natürlich ist diese „Normalität“ keineswegs normal.

Das Leben in vollen Zügen genießen zu können, anstatt die eigene Lebensqualität durch die Maßnahmen des Staates „amputieren“ zu lassen, ist deshalb eine ganz natürliche Sehnsucht. Wer möchte nicht, dass diese bisweilen sogar absurd wirkenden Szenen des Selbstschutzes, die aber eben dem Schutz dienen, bald ein Ende haben?

Freiheit

Die Expansion des Freiheitsbegriff im Blick auf die pandemische Lage scheint genau deshalb aber wenig hilfreich zu sein. Die Freiheit als solche hat gerade im Christentum eine konkrete und tiefere Bedeutung. Es ist weniger eine „Freiheit von etwas“- als eine „Freiheit zu etwas“-Mentalität, die den christlichen Begriff der Freiheit prägt. Die Freiheit von Zwängen und Einschränkungen ist ein liberaler Wert. Mit dieser Definition der Freiheit läuft man Gefahr, die Freiheit mit einer Idee eines unbegrenzten Konsums und des Egozentrismus zu vertauschen.

Diese „Freiheits“-Idee entwickelt sich derzeit zu einem Lebensgefühl, das auch unter Christen anzutreffen ist. Es scheint, als würde es vielen von ihnen schwer fallen, die Krise und die mit ihr einhergehenden Veränderungen zuzulassen. Man pocht (mit einer unbewussten Konsumhaltung) auf seine Rechte. Man will das Leben unbedingt in jener Form genießen, wie man es gewohnt war.

Kein Selbstzweck

Das ist menschlich nachvollziehbar, aber nicht auf dem Christentum basierend. Die christliche Freiheit steht in Verbindung mit der Erlösung. Sie ist eine Befähigung, die Welt im Licht des Glaubens zu sehen. Die Freiheit ist kein Selbstzweck, sondern immer an Verantwortung und Gehorsam einem höheren Gut gegenüber gebunden. Diese Dialektik der Freiheit ist es, die dem modernen, liberalen Freiheitsbegriff zutiefst widerspricht.

Deshalb wünsche ich uns fürs neue Jahr, dass wir unsere Freiheit behalten! Die Freiheit, die uns keine pandemische Lage, keine Einschränkungen und keine politischen Umstände wegnehmen können.

 

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