Bedürfnis nach der eigenen Welt

Facebooks kleiner islamischer Bruder: Muslime starten ein Online-Netzwerk für Muslime. Von Ann-Kathrin Wetter
Foto: dpa | Internet-Café in Tunis. Damit sich auch strenggläubige Muslime im Netz wohlfühlen, gibt es immer mehr spezielle „islamische Suchmaschinen“.
Foto: dpa | Internet-Café in Tunis. Damit sich auch strenggläubige Muslime im Netz wohlfühlen, gibt es immer mehr spezielle „islamische Suchmaschinen“.

Pünktlich zu Beginn des Fastenmonats Ramadan am 20. Juli wollen muslimische Geschäftsleute eine mögliche Marktlücke füllen. Ihre Idee heißt „Salamworld“ – ein Online-Netzwerk von Muslimen für Muslime. Eine Plattform für Kommunikation und Shopping – ganz halal, also nach islamischem Recht erlaubt. Tabu sind Gewalt, Tabakwerbung oder nackte Haut. Vor womöglich obszönen Inhalten werden die Nutzer durch automatische Filter abgeschirmt. Zielgruppe sind die rund 750 Millionen Muslime unter 25 Jahren weltweit – insbesondere jene in muslimischen Ländern, verkünden die Macher vor dem Start der Plattform.

Ob genau diese Jugendlichen jedoch ein solches Netzwerk wollen? Der Islamwissenschaftler David Arn von der Ludwig-Maximilians-Universität in München hegt Zweifel. Seit Jahren beschäftigt er sich mit den Massenmedien im Nahen und Mittleren Osten. Arn nimmt an, dass „das Bedürfnis nach einem rein islamischen Netzwerk in der islamischen Welt relativ beschränkt ist“. Dass die im Westen entwickelten Netzwerke im Internet dort meist kontrolliert wurden, sei einer der Gründe gewesen, die zum Umbruch des Arabischen Frühlings geführt haben, erinnert der Wissenschaftler. „Salamworld spricht vor allem konservative Muslime in Europa an“, meint er. Dass das Netzwerk Radikalen wie den Salafisten eine Plattform bietet, glaubt Arn nicht: „Die haben andere Formen zu kommunizieren und würden es nicht so öffentlich machen.“

Hauptsitz von Salamworld ist ein Büro in Istanbul. Auch von Kairo und Moskau aus werden Mitarbeiter das Netzwerk koordinieren. Starten wird es in acht Sprachen. Deutsch ist nicht dabei. Eine denkbare Nutzerin ist die Chemiestudentin Nurgül Güner. Die 21-Jährige spricht zwar Türkisch, neben Arabisch und Englisch eine der acht Start-Sprachen, ein Profil bei Salamworld zulegen will sich die Münchnerin jedoch nicht: „Ich bin alt genug, entscheiden zu können, was gut für mich ist und was nicht.“ Sie brauche keinen automatischen Filter, der Tabakwerbung von ihr fernhalte, sagt Güner. Sie hat einen Facebook-Account und findet es wichtig, dass dort jeder seine Meinung frei äußern darf. „Solange mich niemand persönlich angreift, ist das gut so.“

Für soziale Online-Plattformen gilt der sogenannte Netzwerk-Effekt: Ihr Nutzen für die Mitglieder wird größer, je mehr Leute angemeldet sind. Bei neuen Netzwerken sind die Mitgliederzahlen naturgemäß erst einmal gering, der Anreiz sich anzumelden auch. Deshalb ist der Zutritt zum Markt für neue Netzwerke schwierig, oft scheitert er. Auch Salamworld ist nur dann eine Alternative zu Facebook, wenn Nutzer einen klaren Vorteil erkennen können.

Salamworld bietet deshalb nicht nur Halal-Filter. Auch zahlreiche andere Funktionen des neuen Netzwerks gibt es bei Facebook bisher nicht. Bei Salamworld können die Nutzer islamische Bücher downloaden, Predigten posten oder einen Fernkurs für islamische Theologie belegen.

„Wenn das Netzwerk es schafft, nah an den Nutzern und ihren Bedürfnissen zu bleiben, könnte es durchaus relevante Nutzerzahlen erreichen“, prognostiziert Daniel Leiner vom Institut für Kommunikationswissenschaft in München. Sicher sei: „Salamworld wird ein Nischenprodukt.“ Wenn jedoch die Nutzerzahlen stark anstiegen, würde Facebook entsprechende Funktionen nachreichen, meint Leiner. Mahmut Altinzencir würde eine solche Entwicklung begrüßen. Der Geschäftsführer des Vereins Interkulturelles Dialogzentrum in München (IDIZEM) arbeitet mit seinen muslimischen Kollegen daran, dass „Vorurteile in der Gesellschaft gelöst und Brücken gebaut werden“. Durch Vorträge, Diskussionen, Gesprächskreise und Bildungsreisen. Sein Verein ist seit einem Jahr bei Facebook, „um die Menschen zu erreichen“.

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