Beach Boy und Gottsucher

Schöne Melodien für junge und schöne Menschen. So könnte man die Musik der „Beach Boys“ beschreiben. Der Kopf der Band, Brian Wilson, hat das Leben aber nicht nur als schön erlebt. Gott inspirierte ihn früh. Von Stefan Ahrens
Foto: dpa | Mit der großen Teenager-Symphonie an Gott lief es erst nicht so gut, doch mittlerweile hat sich Brian Wilson musikalisch und spirituell mit dem Leben versöhnt.

Als Mastermind der legendären Beach Boys erschuf er fast im Alleingang den „California Myth“ – und das, obwohl er über viele Jahre den Strand und das Meer zutiefst hasste. Von ihm geschriebene, arrangierte und produzierte Songs wie „Surfin? USA“, „Fun, Fun, Fun“, „California Girls“ oder „Good Vibrations“ sind die Versinnbildlichung ewiger Jugend und purer Lebensfreude – verfasst von jemandem, der auf dem rechten Ohr taub ist und fast sein ganzes Leben lang mit Depressionen; Halluzinationen und paranoider Schizophrenie zu kämpfen hatte. Dennoch zählt er zu den bedeutendsten Komponisten und Musikproduzenten der Popgeschichte und darf in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feiern: Die Rede ist von Brian Wilson – einem der großen Popgenies und Überlebenden des Rock ?n Roll.

Aus Hawthorne, Kalifornien, und einem musikalischen Elternhaus stammend begeisterte sich der am 20. Juni 1942 geborene Brian Douglas Wilson früh für den Harmoniegesang von Vokalgruppen wie den Four Freshmen und Pioniere des Rock ?n Roll wie Chuck Berry oder Phil Spector. Angetrieben durch seinen ehrgeizigen und tyrannischen Vater Murray (der selber musikalische Ambitionen hegte und seinen Sohn sowohl förderte als auch als Kind vielfach misshandelte) strebte Wilson eine musikalische Symbiose dieser beiden Musikstile an. Deshalb gründete er als Bassist und Co-Leadsänger 1962 mit seinen Brüdern Dennis (Schlagzeug, gestorben 1983) und Carl (Leadgitarre, gestorben 1998) sowie seinem Cousin Mike Love (Leadgesang) und Schulfreund Al Jardine (Rhythmusgitarre) die Beach Boys. Inspiriert durch seinen draufgängerischen jüngeren Bruder Dennis – dem einzigen wirklichen Surfer der Beach Boys – entschloss sich Wilson (gemeinsam mit wechselnden Textern) als Komponist, Arrangeur und Produzent in Personalunion vor allem das Surfen sowie das Autofahren zum Songthema zu machen – und wurde damit sowohl zum Mitbegründer der „Surf Music“ als auch der sogenannten „Hot Rod Music“.

Mit ihren Songs und ihrer großen Musikalität avancierten die Beach Boys Anfang der 1960er Jahre zu den ungekrönten Königen der amerikanischen Unterhaltungsmusik – bis 1964 die Beatles in der „Ed Sullivan Show“ auftraten und im selben Jahr Amerika musikalisch im Sturm eroberten. Nicht ganz zu Unrecht sah sich Brian Wilson als einziger US-Musiker, der mit seiner Band den Beatles musikalisch und produktionstechnisch Paroli bieten konnte. Wilson wähnte sich in einem Produktionsduell mit den „Fab Four“ aus Liverpool – und entschloss sich Ende 1964 nach einem Nervenzusammenbruch aus dem intensiven Tourleben der Band zurückzuziehen und fortan ausschließlich im Studio neue Songs für die Beach Boys zu schreiben und zu produzieren. Seinen Platz auf der Bühne nahm Bruce Johnston ein.

Ein erstes Ergebnis dieser musikalischen Anstrengungen Wilsons waren zunächst der die Beatles in den US-Charts in die Schranken weisende Nr. 1-Hit „I Get Around“ (1964) sowie die LP „The Beach Boys Today!“ (1965), deren A-Seite ausschließlich aus schnellen Stücken, die B-Seite wiederum nur aus Balladen bestand. Sowohl „Today!“ als auch das noch im selben Jahr erschienene Album „Summer Days (And Summer Nights!!)“ mit Songs wie „California Girls“ und „Help Me, Rhonda“ (ebenfalls ein Nr. 1-Hit) zeichneten sich durch komplexe Soundstrukturen aus und wurde nur noch durch das ein Jahr später veröffentlichte Popmeisterwerk „Pet Sounds“ (1966) übertroffen. „Pet Sounds“ avancierte unter der Regie Wilsons nicht nur zu einem der laut Meinung unzähliger Musikkritiker besten Alben aller Zeiten, sondern bedeutete auch eine radikale Abkehr von der „Fun ?n Surf“-Thematik der frühen Beach Boys-Alben. Wilson, der mittlerweile Marihuana und LSD nahm und später auch, wie seine Bandkollegen Mike Love und Al Jardine, zeitweilig Transzendentale Meditation betreiben sollte, empfand seine Musik immer mehr als Vertonung von Gottes Schönheit – und Songs wie „God Only Knows“ (laut Paul McCartney der beste Song aller Zeiten) zeigten offen wie nie Wilsons introvertierte und künstlerische Seite.

Noch während der Aufnahmesessions zu „Pet Sounds“ entstand außerdem die größte Singleproduktion der Beach Boys: „Good Vibrations“. Allein quantitativ war „Good Vibrations“ ein Song der Superlative: 6 Studios, 7 Monate Produktionszeit, 22 Aufnahmesessions und 94 Aufnahmestunden wurden von Brian Wilson für diesen Song veranschlagt. Und mit Kosten zwischen 50 000 und 75 000 Dollar (nach heutigem Wert rund 360 000 bis 550 000 Dollar) war es auch die bis dato kostspieligste Singleproduktion. Zum Vergleich: das gesamte „Pet Sounds“-Album hatte 70 000 Dollar gekostet. Über ein halbes Jahr an einem einzigen Stück Musik intensiv zu arbeiten – das hatte es bis dahin noch nie gegeben. Viele fragten sich, ob Brian Wilson seinen Verstand verloren habe – Bandmitglieder, Freunde und Verwandte sowie die Plattenfirma Capitol Records. Aber Brian Wilson sollte Recht behalten: Am 10. Oktober 1966 veröffentlicht schoss „Good Vibrations“ sofort an die Spitze der US-und UK-Charts – und wurde die erste Beach Boys-Single, die sich mehr als eine Million Mal verkaufen sollte.

Doch Brian Wilson wollte mehr: Nicht nur einen Song, sondern ein ganzes Album wollte er nun herstellen, welches nicht aus gängigen Liedern, sondern wie schon „Good Vibrations“ aus mehreren Songfragmenten bestehen sollte. So begann er im Anschluss an die Fertigstellung seines Hitsongs die Aufnahmen zu einem neuen Albumprojekt, welches er zunächst „Dumb Angel“, später dann „Smile“ nennen sollte.

Gemeinsam mit dem Lyriker Van Dyke Parks erdachte sich Wilson ein ehrgeiziges Albumprojekt, in welchem er die Geschichte der USA von der Ankunft der ersten Einwanderer vom Plymouth Rock bis hin zur „psychedelischen“ Gegenwart der 60er Jahre nachzeichnen, eine musikalische „Elements Suite“ über die vier klassischen Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde erstellen und außerdem nichts weniger als eine „Teenage Symphony to God“ (O-Ton Brian Wilson) darbringen wollte – das Eröffnungsstück sollte bezeichnenderweise das A-cappella Stück „Our Prayer“ werden.

Doch wie so manche ambitionierte Träume, die in den 1960er Jahren geträumt wurden, zerschellten die Vorstellungen Wilsons an der Realität. Eine durch den massiven Drogenkonsum Wilsons verursachte Paranoia, schwindender Rückhalt innerhalb der Band und der Plattenfirma sowie die Veröffentlichung von „Sgt. Pepper?s Lonely Hearts Club Band“ der Beatles ließen Wilson das Projekt aufgeben – und das obwohl bereits ein beträchtlicher Teil der zu erstellenden Songfragmente zu Songs wie „Heroes and Villains“, „Wind Chimes“, „Wonderful“ oder Surf?s Up“ bereits aufgenommen worden war. Für viele Fans und Musiker wurde „Smile“ daraufhin zum „Heiligen Gral der Popmusik“, dem berühmtesten unveröffentlichten Album der Popgeschichte.

Im Anschluss an die „Smile“-Sessions zog sich der an paranoider Schizophrenie erkrankte und immer stärker im Drogensumpf versinkende Musiker im Laufe der Jahre immer weiter aus den Bandaktivitäten zurück und verbrachte in den 1970er Jahren sogar einige Jahre komplett im Bett. Die Filmbiografie „Love And Mercy“ (2014) sowie die Autobiografie „I Am Brian Wilson“ (2016) zeichnen die Höhen und Tiefen im Leben von Brian Wilson auf ehrliche, aber auch schmerzhafte Weise nach.

Von sporadischen musikalischen Aktivitäten in den 70er und 80er Jahren abgesehen begann Brian Wilson erst in den 1990er Jahren wieder allmählich zu genesen. Bestärkt durch seine zweite Ehefrau Melinda ging er wieder auf Tournee– und vollendete schließlich sogar sein bis dato unvollendetes „Smile“-Projekt: Erst mit weltweiten Liveaufführungen, dann schließlich in einer mit seiner Soloband neu eingespielten Variante: „Brian Wilson Presents Smile“ (2004). Auch die eigentlichen Aufnahmesessions der Beach Boys von 1966/67 kamen schließlich 2011 unter dem Titel „The Smile Sessions“ heraus. Beide „Smile“-Varianten wurden Grammy-gekrönt – eine späte Anerkennung (und wohl auch eine gehörige Genugtuung) für Brian Wilson.

Durch „Smile“ erlebte Brian Wilson sowohl künstlerisch als auch persönlich einen neuen Frühling: Er nahm gut besprochene Soloplatten wie „That Lucky Old Sun“ (2008) und „Brian Wilson Reimagines Gershwin“ (2010) auf, ging 2012 ein letztes (?) Mal mit den Beach Boys ins Studio und auf Welttournee. Außerdem schrieb er 2005 mit „Walking Down The Path Of Life“ seinen bis dato religiösesten Song – eine Art persönliches Glaubensbekenntnis: „Walking down the path of life/I feel His presence day and night/ Touch me, heal Me, wash my sins away/Every night I will pray/Show me how to live my life each day/Give me hope/Hope and pray.”

Heute lebt Brian Wilson mit Frau und Kindern eher zurückgezogen in Kalifornien. Er empfindet das Erschaffen von Musik immer noch als etwas zutiefst Spirituelles und besuchte sogar 2005 im Vatikan kurz nach dessen Tod das Grab von Papst Johannes Paul II., (den er in seiner Autobiografie als „guten Mann“ bezeichnet). Außerdem zählt er seit den 1960er Jahren „Was man Liebe nennt“ von C.S. Lewis zu seinen Lieblingsbüchern.

Nein – das Leben hat es nicht immer gut gemeint mit Brian Douglas Wilson. Aber Gott liebt anscheinend manchmal doch das ein oder andere Happy End.

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