Geldpolitik

Bargeld ist Freiheit

Warum die Abschaffung von Münzen und Scheinen keine gute Idee wäre
Allianz Global Wealth Report 2021
Foto: dpa | Geld ist ein Kulturgut – doch wie lange noch? Verschwindet das Bargeld, ist auch für Sparschweine die Zeit vorbei.

Egal, wohin man hört: in die Europäische Zentralbank EZB in Frankfurt/Main, in die Politik der EU in Brüssel, in die deutsche Politik hinein. Stets hört man das Versprechen: „Niemand hat die Absicht, das Bargeld abzuschaffen.“ Und dennoch gibt es so manche „Niemande“, die eifrig an der Abschaffung des Bargeldes basteln. Dass Noch-Bundesbankpräsident Jens Weidmann erst vor Jahresfrist ein Verschwinden des Bargeldes ausgeschlossen hat, dürfte wenig Gewicht haben, zumal Weidmann in der EZB in zentralen Fragen der EZB-Politik als Warner vor einer inflationären Geldpolitik schier zum einsamen Außenseiter wurde und nun auch den Hut nimmt.

Aber es geht Schritt für Schritt in Richtung Abschaffung des Bargeldes: Die EZB lässt die 500-Euro-Note auslaufen. Seit 2014 wird dieser Geldschein nicht mehr produziert, seit 2019 von den Zentralbanken nicht mehr ausgegeben. Gleichwohl sind aktuell noch rund 400 Millionen Stück mit einem Wert von 200 Milliarden Euro im Umlauf. Diese lila Scheine verlieren ihre Gültigkeit auch nicht. Im Gegenteil: Bei Ebay werden sie mittlerweile für 550 bis 600, ältere Scheine gar bis 1 000 Euro gehandelt.

„Allerdings gibt es auch keinerlei wissenschaftlich fundierten Beweis,
dass etwa mit Bargeldobergrenzen oder gar mit einer Abschaffung des Bargeldes
Geldwäsche wirksam bekämpft werden könnte“

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In wahrlich kleinerer Münze gibt es seit 2013 Pläne der EZB, die zwei kleinsten Kupfermünzen, also die 1-, 2-Cent-Münzen, abzuschaffen. 65 Milliarden davon sind (noch) im Umlauf. Es heißt, die Herstellungskosten für diese beiden Münzen seien zu hoch. Manche Euro-Länder haben sie denn de facto auch schon auslaufen lassen: Finnland, Belgien Irland und die Niederlande. Dort werden die Preise auf 5-Cent-Beträge ab- oder aufgerundet. Die Deutschen übrigens wären laut Umfrage von YouGov vom Januar 2020 mit dieser Lösung einverstanden,

Aber die Abschaffung der beiden kleinsten Kupfermünzen ist nur ein kleiner Schritt in Richtung Abschaffung von Bargeld. Es geht den Planern um mehr: Die Vision heißt Digitalisierung. Und die Begründung lautet: Wenn es kein Bargeld mehr gibt, dann tut sich der Staat leichter, gegen Terrorfinanzierung, Schwarzgeld, Steuerkriminalität und Geldwäsche vorzugehen. Staatliche Fahndungsbehörden möchten den Austausch von Bargeld zumindest vorläufig auf 10 000 Euro begrenzen.

Es gibt einen Verdacht

Corona hat den Trend zum bargeldlosen Verkehr noch beschleunigt. Immer mehr Firmen fordern die Kunden an der Kasse auf, bargeldlos zu zahlen. Die Münzen und Geldscheine könnten ja, so die Sorge, das CoVid19-Virus übertragen. Allerdings ist das ein Irrglaube. Denn selbst die EZB hat mit einer Studie vom Juli 2021 festgestellt, dass solche Infektionen nicht stattfinden. (Titel: Occasional Paper Series, No 259, „Assessing the Risk of SARS-CoV-2 Transmission via Euro Cash”, 39 Seiten). Allerdings fand diese Studie den Weg in die Öffentlichkeit nicht. Aus welchen Gründen auch immer.

Dennoch wird man den Verdacht nicht los: Hier wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Eine Güterabwägung findet nicht statt. Dunkle Geldströme und Schattenwirtschaft trockenzulegen ist das eine. Es ist dies ein durchaus berechtigtes und legitimes Anliegen im Interesse aller ehrlichen Leute. Der Ehrliche darf nicht der Dumme sein. Klar, allerdings gibt es auch keinerlei wissenschaftlich fundierten Beweis, dass etwa mit Bargeldobergrenzen oder gar mit einer Abschaffung des Bargeldes Geldwäsche wirksam bekämpft werden könnte. Das schrieb unter anderem der renommierte Ökonom Bert Rürup erst am 27. August 2021 in einem Beitrag für das „Handelsblatt“.

Bargeld hat viel mit Bürgerrechten zu tun

 

Aber was sind die Folgen einer fortschreitenden oder gar gänzlichen Abschaffung des Bargeldes? Nun, vor allem geht damit ein Stück Menschheits- und Kulturgeschichte, ja Anthropologie, verloren. Denn Bargeld im weitesten Sinn hat urzeitliche Wurzeln. Bereits in den frühen Agrargesellschaften vor Tausenden von Jahren gab es jenseits des Naturalienhandels Warengeld, etwa Muscheln, Vieh, Getreide, Edelmetalle als greifbares „Geld“. Erste Münzen wurden etwa 650 vor Christus in Lydien in Kleinasien geprägt. Von dort verbreiteten sich Münzen in Regionen um das Mittelmeer. Unabhängig davon entstanden in Indien und China vergleichbare Münzsysteme. Papiergeld gab es ab dem 11. Jahrhundert in China, erste Banknoten in Europa schließlich in England und in Schweden des 17. Jahrhunderts. „Geld“ ist seit vielen Generationen auch in den Deutschen fest verankert. Es hatte bereits im früh-deutschen Sprachraum seine Bedeutung. Im Gotischen gab es „gild“. Ab dem Althochdeutschen stand das Wort „gelt“ für Zahlung und Vergütung. Verwandt sind damit die Wörter „entschädigen“, „Entgelt“ sowie die Floskel „gell“ („es möge gelten“). Wie wichtig Bargeld deutschen Generationen immer schon war, zeigt der Reichtum an umgangssprachlichen Begriffen dafür: Kies, Kohle, Kröten, Moos, Pulver, Zaster. Von Bargeldlosem kann man das kaum sagen. Oder muss man dann für Buchgeld „cloud“- oder „Wolken“-Geld erfinden?

Sodann hat Bargeld viel mit Bürgerrechten zu tun. Bargeld ist Schutz der Persönlichkeit und Schutz des Rechts auf Anonymität. Man stelle sich vor, der Datenschutz versagt oder er wird aus politischen Gründen für staatliche Schnüffeleien liberalisiert. Dann ist nicht nur überall ortbar, wo sich ein Bürger aufhielt beziehungsweise was er eingekauft hat. Er wird „gläsern“. Dann ist überprüfbar, was er erworben hat, etwa viel Alkohol, viel Fleisch, viel Süßigkeiten, viel Benzin, zu viel politisch inkorrekte Magazine oder Bücher, gar Sex-Magazine. Dass dies heute digital eruierbar ist, steht außer Frage. Das erlebt der Verfasser dieser Betrachtung, wenn er bei Amazon gelegentlich den Verkaufsrang seiner eigenen Bücher nachschaut – und sie nicht einmal kauft. Tags darauf wird ihm dann bestimmt von Amazon der Kauf seiner eigenen Bücher empfohlen. Das heißt: Amazon hat mittels Algorithmen ein mehr oder weniger zutreffendes Interessenprofil eines potenziellen oder realen Käufers erstellt. Ganz ernst wieder: Mit Bargeld kann sich der selbstbewusste Bürger wenigstens vor solchen Durchleuchtungen schützen. In diesem Fall, indem er zum Buchhändler geht und diesen damit auch gegen die „Giganten“ stärkt. Die Sorge, dass in den Alltag der Menschen hineingeschnüffelt wird, ist jedenfalls nicht aus der Welt. Das „social-screening“-System der Chinesen etwa praktiziert all dies seit Jahren. Rhetorische Frage: Könnten zum Zwecke etwa der Rettung des Klimas da nicht auch ökosozialistisch feuchte Träume blühen?

Im Funkloch gibt es kein Digitalgeld

Schließlich wird es praktische Probleme und Einschränkungen im Alltag geben. Für viele Bürger ist Bargeld nämlich ein Mittel der Wertaufbewahrung, zumal in Zeiten, in denen Banken mittlerweile Guthaben mit Negativzinsen belegen. Ohne Bargeld ist man auch weniger flexibel und mobil. Gewiss schreiten digitale Bezahlsysteme voran. Aber sie sind eben nicht überall nutzbar, etwa in einem Funkloch. Bargeld garantiert insofern Liquidität überall und jederzeit. Bargeld ist Freiheit. Zudem kommt der bargeldlose Trend einer Entpersönlichung gleich, wenn Kollekten, Trinkgelder oder Opfergelder nur noch virtuell, digital stattfinden. Man kann dann nicht mehr in das Gesicht des Empfängers schauen, und dieser nicht umgekehrt in das Gesicht des Spenders, der ja mit der Eingabe der PIN- oder TAN-Nummer beschäftigt ist.

Und dann erst die Kinder! Wie sollen sie die Bedeutung von Geld und Sparen erfassen, wenn sie „Geld“ nur als etwas Abstraktes, als Kontoauszug erfahren? Wenn es kein Taschengeld, kein Sparschwein mehr gibt? Wenn Oma Enkeln kein Zwei-Euro-Stück mehr zustecken kann? Kinder, die ja bereits im Kita-Altern den Umgang mit Geld erlernen sollen und können, werden bargeldloses „Geld“ nicht begreifen können, weil es nichts zum Be-Greifen im ursprünglichen Sinn des Wortes ist. Also Finger weg vom Bargeld! Ihr Langfinger in Brüssel und in der EZB in Frankfurt!

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