Bar jeder Vernunft

Warum die Forschungspolitik bei der Herstellung von Mensch-Tier-Wesen und humanen embryonalen Stammzellen zum Brecheisen greift

Soweit wie in Großbritannien ist es in Deutschland noch nicht. Die Schaffung von Mensch-Tier-Wesen zur Gewinnung embryonaler Stammzellen, die auf den britischen Inseln derzeit die Gemüter erhitzt, wird hierzulande noch von niemandem öffentlich gefordert. Ein Grund zur Entwarnung ist das nicht. Denn wer die Debatten um die Erschaffung von Chimären und die Verschiebung des Stichtags im Stammzellgesetz analysiert, stößt neben einer Reihe von Unterschieden auf bemerkenswerte Parallelen. Erstens: Sowohl die Schaffung von Mischwesen durch Verschmelzung einer tierischen Eizelle mit einer menschlichen Samenzelle und ihre anschließende Tötung als auch die Verschiebung des Stichtags im Stammzellgesetz verfolgen denselben Zweck: Forscher, die mit embryonalen Stammzellen forschen, sollen neues „Material“ erhalten. Zweitens: Beide Gesetzesvorhaben verfolgen das Ziel, Technologien zu fördern, die – ethisch betrachtet – verwerflich und – wissenschaftlich betrachtet – in eine Sackgasse geraten sind. Weder das Klonen mittels Zellkerntransfer noch die Forschung mit embryonalen Stammzellen haben in den zurückliegenden zehn Jahren einen therapeutisch erfolgreichen Ansatz hervorgebracht.

Drittens: Beide Technologien werden von der Mehrheit der jeweiligen Bevölkerung abgelehnt. Während laut einer Anfang des Jahres im Auftrag des Bundesverbands Lebensrecht (BVL) erhobenen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Infratest 61 Prozent der Deutschen die Forschung mit embryonalen Stammzellen kategorisch ablehnen, sprachen sich jetzt 67 Prozent der Briten gegen die Herstellung von Chimären aus. Ohne die Unterschiede zu verwischen, lässt sich daher feststellen: Beide Gesetzesvorhaben sollen Vorhaben ermöglichen, die ethisch inakzeptabel sowie wissenschaftlich zumindest fragwürdig sind und vermutlich auch deshalb keinen Rückhalt in der Bevölkerung haben. Stellt man nun in Rechnung, dass Politiker Wahlen gewinnen statt verlieren wollen, dann machen die Gesetzesinitiativen in Großbritannien ebenso wie die Deutschland nur wenig Sinn. Dies gilt umso mehr, als private Investoren sich längst weltweit aus der embryonalen Stammzellforschung zurückziehen. Nicht aufgrund ethischer Erwägungen, sondern aus wirtschaftlichem Kalkül. Angelockt von den ebenso leichtfertigen wie vollmundigen Versprechungen gewissenloser oder zumindest verblendeter Forscher hören sie inzwischen auf, ihr Kapital zu verbrennen und investieren stattdessen lieber in die therapeutisch erfolgreiche Forschung mit adulten Stammzellen für die weder vollmenschliche Embryonen noch Mensch-Tier-Embryonen, die freilich zu 99,9 Prozent aus menschlichem und nur 0,1 Prozent aus tierischem Erbgut bestehen, getötet werden müssen.

Warum aber greifen – in Großbritannien wie in Deutschland – die Forschungspolitiker dennoch zur Brechstange und versuchen – bar jeder Vernunft – durch eine quantitativ verbesserte „Materiallage“ einen Forschungszweig am Leben zu erhalten, der keine Aussicht auf Erfolg erkennen lässt. Die einzig logische Antwort ist freilich wenig schmeichelhaft und weist nach Brüssel: Die Regierungen sind Opfer ihres eigenen Größenwahns geworden. Bis zum Jahr 2010 will die EU laut ihrer sogenannten Lissabon-Strategie die USA wirtschaftlich überholt haben und den Staatenbund zum „wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt“ gemacht haben. Besondere Bedeutung messen die Staats- und Regierungschefs dabei „Schlüsseltechnologien“ wie der Biotechnologie zu. Dieser umso mehr, als US-Präsident Bush hier aus ethischen wie aus wahltaktischen Erwägungen kräftig bremst. In Europa wird stattdessen mit dem Brecheisen dereguliert. Ob die (subventionierten) Arbeitsplätze, die so ermöglicht werden, von Dauer sein werden, ob die Forschung auf dem Holzweg ist und die Menschenwürde den Bach runtergeht, scheint bedeutungslos; Hauptsache die mit der Lissabon-Strategie verfolgten Ziele rücken näher. Es ist, als sängen der britische Premierminister Gordon Brown und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel derzeit im Duett: „Europa, Europa über alles in der Welt“. Nun kommt es darauf an, ob ihnen ihre Truppen auf dem Weg der Unvernunft folgen.

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