Balkanische Mischung

Nur ein allzu milder Blick auf die kommunistische Religionspolitik gelingt den Regensburger Historikern Brunnbauer und Buchenau. Von Stephan Baier

Brauchte es nach der „Geschichte Südosteuropas“ (2011) von Konrad Clewing und Oliver Jens Schmitt sowie dem Standardwerk „Südosteuropa“ (2016) aus der Feder der Historikerin Marie-Janine Calic noch ein weiteres voluminöses Werk zum nämlichen Thema? Zwei Professoren für Geschichte Südost- und Osteuropas an der Universität Regensburg, Ulf Brunnbauer und Klaus Buchenau, haben versucht, dem Thema eine neue Gesamtschau abzuringen. Ähnlich wie die genannten Werke stellen sie fest, dass in Südosteuropa „unterschiedliche kulturelle Einflüsse, und zwar sowohl synchron als auch diachron“ amalgamieren: „Hier treffen – in jeweils unterschiedlichen Mischungen – mediterrane, zentraleuropäische, osteuropäische und orientalische Muster genauso zusammen wie die Prägungen durch die byzantinische, osmanische, venezianische, habsburgische und sozialistische Epoche“.

Daraus darf man getrost schließen, dass die Verschiedenheiten des hier zusammengefassten Raumes größer sind als die Gemeinsamkeiten. Dies ist auch der Fall, wenngleich die Autoren dem von ihnen kritisierten balkanischen Narrativ nicht durchgehend widerstehen können. Dass die mit dem Begriff „Balkan“ verbundenen Stereotypen „eine verzerrte Sicht der Dinge wiedergeben, aber nichtsdestotrotz (oder gerade deswegen) weitverbreitet sind“, ist kaum zu bestreiten. Dass nicht nur Außenstehende den „Balkan“ mit Gewalt, Chaos und Rechtlosigkeit assoziieren, sondern auch die Bewohner Südosteuropas die weit verbreitete Korruption und die bürokratische Ineffizienz mit Verweis auf die osmanische Zeit erklären, ebenso.

Enthalten Vorurteile und Stereotype also doch „ein Körnchen Wahrheit“? Hat die osmanische Herrschaft und die damit einhergehende jahrhundertelange Trennung der Balkan-Völker von der kulturellen und geistesgeschichtlichen Entwicklung im Rest Europas nicht auch ihre Spuren in der Mentalität, im Geschichts- und Selbstverständnis hinterlassen? Ist nicht gerade die Vielfältigkeit historischer Prägungen ein Motiv dafür, die Geschichte von Kulturlandschaften Schicht um Schicht unter die Lupe zu nehmen? So erwiesen sich etwa die vermehrte wissenschaftliche Befassung mit dem byzantinischen Erbe Südosteuropas und die gemeinsame Betrachtung von Osteuropa und Orient als gewinnbringend.

Wie manche ihrer Kollegen versuchen auch Brunnbauer und Buchenau, die Nationwerdung in Südosteuropa und die Herkunftskonstrukte seiner Völker kritisch zu hinterfragen. Sie zeigen die „scharfe politische Zäsur“, die die osmanische Eroberung brachte, aber auch die inner-christlichen, ja inner-orthodoxen Rivalitäten. Ab der Eroberung von Konstantinopel 1453 sei „das Bündnis zwischen muslimischer Herrschaft und orthodoxen Hierarchen in gewisser Weise konstitutiv für das Osmanische Reich“ geworden. Und dies, obgleich die Christen faktisch wie juristisch den Muslimen untergeordnet waren. Markantestes Beispiel: „Während der Übertritt zum Islam viele Vorteile brachte und formal überaus einfach zu bewerkstelligen war, stand auf eine Rückkehr zum Christentum die Todesstrafe.“ Neben den besseren Aufstiegschancen war ein Motiv für Konversion auch die Vermeidung von Strafen bei drastischen Vergehen. Daneben gab es geheime Christen, die sich als Muslime ausgaben, und die Mischung vor-christlicher, christlicher und muslimischer Bräuche.

Sogar an der Spitze lässt sich Vergleichbares zeigen: „Byzantinische Kaiser wie osmanische Sultane gingen davon aus, dass ihre Macht im Prinzip nur durch Gott und dessen Gebote beschränkt war.“ Wie sich die byzantinischen Kaiser als Oberhäupter der (östlichen) Christenheit sahen, verstanden sich die osmanischen Sultane ab der Eroberung Ägyptens 1517 als Kalifen, als Oberhäupter der (sunnitischen) Muslime also. Mit Recht schreiben die Autoren: „Eine wichtige Quelle der osmanischen Herrschaftsidee war, wie auch schon in Byzanz, die Religion.“

Wahr ist allerdings auch: „Zu den besonderen Merkmalen des osmanischen Staates gehörte seine Flexibilität, da er zentralistische Elemente einerseits mit der Gewährung regionaler Autonomien andererseits kombinierte… Die osmanische Herrschaft gestaltete sich daher von Ort zu Ort recht unterschiedlich.“ Diesbezüglich war die Herrschaft der Osmanen jener der Habsburger nicht unähnlich. Die Erklärung der Autoren lautet: „Imperien betreiben ein Management der Vielfalt, mit mannigfaltigen Formen der Kontrolle, der Inkorporation, aber auch des Zwanges und der Gewalt.“ Sichtbar wird auch, dass im Zeitalter des ideologischen Nationalismus die Herrschaft des Sultans „keine übergeordnete Staatsideologie“ entwickeln konnte. Ausführlich schildert das vorliegende Werk die Ursachen der „christlichen Nationalbewegungen“ gegen den Sultan, die Opfer der Balkanmuslime angesichts der „christlichen Nationsbildungen“ wie umgekehrt den Argwohn der nationalistischen Jungtürken gegen die christlichen Großmächte. Doch ging es hier nicht – oder nur oberflächlich – um Religion, stattdessen um die Verwirklichung nationaler Ambitionen, um „die Herausbildung und Propagierung nationaler Identitäten“.

Die Autoren thematisieren das Problematische der Nationalstaatsidee angesichts gemischter Siedlungsgebiete und unklarer Identitäten. Eher überblickshaft und wenig detailreich schildern sie die kommunistischen Tyranneien in Südosteuropa. Mitunter auch mit einem getrübten Blick, etwa wenn sie schreiben: „Phasen der Unterdrückung wechselten sich mit solchen der Liberalisierung ab; die meisten Menschen kamen mit dem Repressionsapparat des Staates trotz allem nicht in Berührung.“ Oder wenn sie mutmaßen, dass „sich heute viele Menschen in Südosteuropa ausgesprochen nostalgisch an das Leben im Staatssozialismus“ erinnerten. Die Grenze zur Verklärung ist überschritten, wenn es über Jugoslawien heißt: „Wohl kaum eine andere Regierung in Europa gab sich derartige Mühe beim Austarieren von regionalen und ethnonationalen Interessenlagen und legte so viel Wert auf eine gleichberechtigte Darstellung der unterschiedlichen Nationalitäten ihres Landes; dennoch zerfiel der Staat aufgrund der Überzeugungskraft nationalistischer Propaganda.“

Die Weichzeichnung kommunistischer Diktaturen, die diplomatisch abwägende Darstellung des jugoslawischen Endes und die fast parteipolitisch anmutende Einseitigkeit in der Kosovo-Frage gehören zu den Schwachstellen des vorliegenden Bandes. „Die Kommunisten waren bekanntlich der Religion als solcher abhold“, heißt es da etwa. Behauptet wird weiter, die kommunistischen Diktaturen „mit Ausnahme Albaniens“ hätten „keine Zerschlagung, sondern die Marginalisierung der Religion“ intendiert. Irreführend ist auch die These, der Vatikan habe „Kompromisse zwischen dem örtlichen Klerus und den kommunistischen Machthabern“ verhindert. Trotz solcher Schwächen ist das vorliegende Werk über weite Strecken eine lesenswerte Zusammenschau, die Südosteuropa – bis heute – als „Schauplatz geopolitischer Rivalität“ zeigt, und damit anfällig für Fremdsteuerung und Unsicherheit.

Ulf Brunnbauer, Klaus Buchenau: „Geschichte Südosteuropas“, Reclam, Ditzingen 2018, 511 Seiten, ISBN 978-3-15-011154-3, EUR 34,–

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Autor Diktatur Historikerinnen und Historiker Islam Kalifen und Sultane Kommunismus Kunstwerke Nationalbewegungen Professoren Universität Regensburg Werk

Kirche

Kardinal Rainer Maria Woelki
Köln

+++EILMELDUNG+++ Woelki bleibt im Amt Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung

Nach Information der Wochenzeitung "Die Zeit" belässt Papst Franziskus den Kölner Kardinal im Amt. Er soll jedoch eine Bedenkzeit von mehreren Monaten nehmen.
24.09.2021, 10 Uhr
Meldung