Aus Liebe an der Kirche leidend

Das literarische Werk von Ida Friederike Görres. Von Stephan Baier
Foto: IN | Unvergessen: Die katholische Autorin Ida Friederike Görres.
Foto: IN | Unvergessen: Die katholische Autorin Ida Friederike Görres.

Nicht bloß die literarische Qualität, sondern die geistliche Tiefe und spirituelle Tragweite des Werks der katholischen Schriftstellerin Ida Friederike Görres wurde bei einem Symposion am Samstag in Wien beleuchtet. 1901 kam sie als Tochter des böhmischen Grafen Heinrich Coudenhove-Kalergi und seiner japanischen Frau Mitsuko Aoyama im westböhmischen Schloss Ronsperg zur Welt. Als sie 1971 nach einer leidenschaftlichen Rede auf der von der Deutschen Bischofskonferenz einberufenen Synode plötzlich starb, hielt Professor Joseph Ratzinger die Grabrede, in der er sie als „sehende, mutige und gläubige Frau der Kirche“ würdigte.

„Sprachgewalt und Sprachlust war ihr eigentliches Charisma“, meinte die österreichische Literaturwissenschaftlerin Gudrun Trausmuth. Zugleich habe sich Görres als „Dienerin der lebendigen Kirche“ verstanden, habe darunter gelitten, dass sie „von ihrer großen Liebe, in deren Dienst sie sich gestellt hat, zurückgewiesen und kritisiert“ wurde. Für ihren „Brief an die Kirche“ in dem sie die Liebe zur Kirche mit der Kritik an Missständen verband, sei Ida Friederike Görres kritisiert und isoliert worden. Dieses „Drama des Fallengelassenwerdens“ sei ihre Tragik gewesen, ja der „Beginn eines Kreuzwegs“ – und doch auch der Beginn fruchtbarer Jahre.

Trausmuth zog Parallelen zwischen Ida Friederike Görres und Edith Stein – beide fanden über einen Heiligen zum religiösen Erwachen: Edith Stein über Teresa von Avila, Görres über Franziskus. Als „große Porträtistin“, als „provokant schreibende Frau“ mit kraftvollem und vitalem Stil habe Ida Friederike Görres Brücken vom theologischen Anspruch zur menschlichen Lebensrealität geschlagen.

Die Wunden der Kirche aufkratzen oder küssen?

Görres habe mit seltener Liebe die Hingabe an die Kirche gelebt, und an ihr gelitten, bestätigte die Philosophin, Religions- und Sprachwissenschaftlerin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. Ihr verantwortungsvoller Tadel, ihre Frage, ob man die Wunden der Kirche aufkratzen oder doch eher küssen solle, komme aus ihrer tiefen Liebe. „Das Vordergründige und Lieblose bereitet ihr eigentlich Leiden.“ Ida Friederike Görres, die zwei Jahre im Noviziat der Englischen Fräulein in St. Pölten war, dann aber Geschichte und Sozialwissenschaften studierte und später heiratete, habe die Kirche als gotische Kristallkathedrale wie als Goya-Bild des Gemarterten gesehen.

Vom „Stockkatholen“ zum Christen

Mit den Kirchenreformen ihrer Zeit habe sie schwer gerungen und mit Blick auf manche Reform-Ideen gemeint, man müsse „die Totengräber nicht auch noch sympathisch finden“. Gerl-Falkovitz meinte dazu: „Die Kirchenkrise von heute scheint mir 60 oder 70 Jahre alt zu sein.“

In Erinnerung bleiben werde Ida Friederike Görres als Erneuerin der Hagiographie, ist Gerl-Falkovitz überzeugt. Sie habe die leibhaftige Kirche in den leibhaftigen Gestalten gesehen. „Die Heiligen sind die Indikatoren dessen, was ansteht in der Kirche“, so Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. In der Görres-Biografie über Therese von Lisieux spiegelte sich auch etwas von Ida Friederike Görres' eigener geistlicher Entwicklung als „Mensch, der vom Stockkatholen zum Christen wird, vom Äußeren der Konfession zum Inneren einer göttlichen Wirklichkeit“ gelangt.

Als Beispiel einer tiefer reichenden Hagiographie legte die Philosophin das von ihr herausgegebene Werk von Ida Friederike Görres über John Henry Newman vor. Görres habe geahnt, wie sehr der von der anglikanischen zur katholischen Kirche konvertierte Newman nicht nur seine Karriere, sondern seine ganze Kultur und seinen gesellschaftlichen Status verlor, nur um der Wahrheit willen. An dieser Gestalt werden die Heiligen als Leuchtfeuer wahrnehmbar, die ihr Leuchten mit einem inneren Exitus, einem Zerbrechen bezahlen.

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16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier