Aus der Gier nach Geld entsteht eine oberflächliche Welt des Rausches

Mit 26 Jahren wurde der amerikanische Schriftsteller Bret Easton Ellis zum Kultautor – Morgen wird der drastische Gesellschaftskritiker 50. Von Alexander Riebel
Foto: dpa | Der Schriftsteller Bret Easton Ellis.
Foto: dpa | Der Schriftsteller Bret Easton Ellis.

Es sind nicht erst Kinofilme wie „The Wolf of the Wall Street“ mit Leonardo DiCaprio oder vorher „Wall Street: Geld schläft nicht“ mit Michael Douglas, die Banker der Wall Street ins Visier genommen haben. Auch der amerikanische Schriftsteller Bret Easton Ellis hat in „American Psycho“ (1991) das Bankermilieu bereits scharf kritisiert, der Roman ist unter dem gleichen Namen im Jahr 2000 verfilmt worden. Ellis zeigt Banker nicht nur als Kriminelle, sondern beschreibt seinen Protagonisten in einer drastischen Weise, die dem Buch 1995 ein Verbot durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien eingebracht hat, das erst durch eine Klage des Verlags Kiepenheuer & Witsch wieder aufgehoben wurde.

Im Kern geht es in „American Psycho“ um Schuld. Der 27-jährige Investmentbanker Patrick Bateman begeht grausame Morde und gesteht diese auch gegenüber Freunden oder einem Anwalt – aber niemand nimmt diese Bekenntnisse ernst. Wobei letztlich offen bleibt, ob er die Taten wirklich begangen hat oder ob sie nur in seiner Vorstellung stattfinden; immerhin ist Bateman der „Psycho“. Auf jeden Fall aber hat Patrick Bateman ein Schuldbewusstsein, das ihn so quält, dass er seine Vergehen für real hält. Keiner glaubt ihm. Auf die Idee zu beichten kommt er nicht. Aber das gehört zur Welt, die der Autor beschreibt. Es ist eine Welt, in der nur das Geld zählt. Es ist der Maßstab für alles: Für die Einschätzung von Menschen – das ist hier das Entscheidende. Denn wer sich nichts leisten kann, trägt auch nicht die Markensachen, die ununterbrochen im Roman genannt werden; ohne Geld gibt es auch keine Drogen, wie sie in „The Wolf of the Wall Street“ wieder eine zentrale Rolle spielen. Und er bekommt keine Reservierung in einem der Restaurants in Manhattan, die „in“ sind. Es geht in der Bankerclique um Patrick Bateman gar nicht so sehr darum, ständig essen zu gehen, sondern darum, eine Reservierung zu bekommen. Wessen Brieftasche nicht geachtet ist, der bekommt keinen Platz im Restaurant.

Bret Easton Ellis' harte Kritik des reinen Kapitalismus zeigt eine Welt, in der alles Äußere makellos erscheint. So etwa, wenn sich die Clique ihre neuesten Visitenkarten zeigt, wobei eine perfekter als die andere ist, bis es Patrick Bateman ganz schlecht wird, weil er nicht mithalten kann. Das versucht er dann umso mehr mit der glatten Oberfläche seiner Haut. Er stählt sich mit 3 000 Situps pro Tag und verwendet jeden Morgen viel Zeit auf Körperpflege, natürlich alles Markenprodukte: „Ich nehme die Gesichtsmaske mit einem Grüne-Minz-Gesichtswasser ab. Die Dusche hat eine mehrfach verstellbare Handbrause mit einem Sprühradius von 75 Zentimetern. hergestellt aus schwarzgoldenem australischen Messing mit weißem Emaillefinish. Unter der Dusche benutze ich als Erstes ein wasseraktives Waschgel, dann ein Honig-Mandel-Body-Scrub und fürs Gesicht eine Gel-Schälkur. Vidal Sassoon Shampoo ist unübertroffen, wenn es gilt, den Film aus eingetrocknetem Schweiß, Salzen, Fetten, Schadstoffen und Schmutz aus der Luft zu entfernen. Am Wochenende oder vor Verabredungen bevorzuge ich Greune Natural Revitalizing Shampoo, die Pflegespülung und den Nährstoffkomplex. Das sind Mittel, die D-Panthenol enthalten, einen Faktor der Vitamin-B-Gruppe, Polysorbat 80, ein Reinigungsmittel für die Kopfhaut, und natürlich Kräuterauszüge.“ Die glatte Oberfläche des Lebens wirkt wie ein Spiegel, in dem Bateman seine eigene Leere wahrnehmen kann. Daraus resultieren Schuldgefühle.

Seitenlang kann das Yuppie-Ich erzählen, wie neurotisch es auf Perfektion achtet. Doch ist die Perfektion nicht der Versuch, das eigene Selbst zu vollenden, sondern nur Mittel zum Zweck, die Exzesse steigern zu können. Drogen, Rausch, Sex – es ist das Leben am Abgrund mit narzistischer Persönlichkeitsstörung, die sofort Minderwertigkeitsgefühle hervorruft, wenn etwas nicht glatt läuft. „Kein Ausgang“, heißen denn die letzten Worte des Buchs. Wer so nihilistisch denkt, findet keinen Ausweg. Gesellschaftskritik ist für den in Los Angeles gebürtigen Bret Easton Ellis ein zu schwaches Wort. Er habe diese Partys selbst miterlebt und seine Wut und Gewaltphantasien dazu entwickelt. Er möchte lieber von Kampfansage sprechen, erzählte er in einem Interview.

In einem weiteren Roman, „Luna Park“ (2005), nimmt der Autor wieder Figuren aus „American Psycho“ auf. Auch in „Imperial Bedrooms“ (2010) herrscht wieder eine einfache klare Sprache vor, die Ellis zum „Der Fänger im Roggen-Autor der MTV-Generation“ machen. Mit „Imperial Bedrooms“ knüpft der Autor an sein Erstlingswerk „Unter Null“ (1985) an und zeigt, was aus den Personen geworden ist. Ellis belegt immer wieder den Hedonismus einer genusssüchtigen Spaßgesellschaft und ist zu einem ihrer schärfsten Kritiker geworden. Ellis hat im Bundesstaat Vermont Musik studiert und spielte in mehreren Bands. Dass er selbst pessimistisch ist, zeigt umso deutlicher, für wie geschlossen er das System hält. Im vergangenen Jahr hat er noch das Drehbuch zu dem Film „The Canyons“ geschrieben, der mit dem wegen Drogenproblemen gefallenen Jugendstar Lindsay Lohan gedreht wurde. Die Kreise schließen sich.

Morgen feiert Kultautor Bret Easton Ellis seinen 50. Geburtstag. Er lebt in Los Angeles und begeisterte seine Anhänger in den vergangenen Jahren auf Twitter.

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