Aus den Zeitschriften

Von Johannes Seibel
Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken Februar 2011
| Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Klett-Cotta, Jahrgang 65, Heft 741, Februar 2011, 12 EUR, ISSN: 0026-0096
Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken Februar 2011
| Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Klett-Cotta, Jahrgang 65, Heft 741, Februar 2011, 12 EUR, ISSN: 0026-0096

Erstaunlich ist es, wie sich bisweilen klassische linke Kultur- und Kapitalismuskritik, die sich aus Theorien von Karl Marx bis Michel Foucault speist, nicht allein mit linkskatholischem Denken, sondern auch mit einem gegenwärtigen christlich-konservativen Unbehagen deckt. Diesen Aha-Effekt können die Leser der Februar-Ausgabe der Monatszeitschrift Merkur – Deutsche Zeitschrift für Europäisches Denken erleben, die sich einem unorthodoxem linken kritischen Denken verpflichtet weiß, für die der Mit-Herausgeber Karl-Heinz Bohrer steht. Dietmar Voss widmet sich also in der jüngsten Ausgabe den „Facetten der Bio-Macht“ unter dem Titel „Leben machen und Sterben lassen“.

Voss beschreibt am Beispiel des heutigen Zusammenspiels von staatlicher Gesundheitsbürokratie, kapitalistischer Gesundheitsindustrie und medialem Körper-, Jugend- und Fitnesskult in westlichen Gesellschaften, wie umfassend, durchdringend und normsetzend biologische Kategorien politische Souveränität mittlerweile definieren und ausüben, deren „Disziplinar- und Regulationsmacht“ gegenüber der Einzelne meint, keine andere Wahl mehr zu haben, als sich ihr zu unterwerfen. Dadurch sei ein neuer „Gattungskörper“ – ein neuer Begriff von Masse – entstanden, dem und der der Einzelne allein angehören kann, wenn er sich permanent biologisch und psychologisch optimiert und uniformiert. Dem dient für Voss vieles von dem, was die westliche Alltagskultur ausmacht: Von der allfälligen Gesundheitsfürsorge samt Rauchverbot und Vorsorge, durch die der „loyale Untertan der Bio-Macht“ Gefahr läuft, „an chronischer Therapiesucht und Vorsorgewahn zu erkranken“ über die Karriere des „positiven Denkens“ bis hin zum neuem Frauenbild in Hollywood, in dem sich Schauspielerinnen Schlachten liefern, wer Faltenfreiheit, Fitness, modisches auf der Höhe sein, viele Kinder und die Dominanz über Männer gleichzeitig am besten auf die Reihe bekommt.

Den Aha-Effekt für religiös musikalische Leser lösen hier erstens weniger solche Beobachtungen denn die Tatsache aus, dass für den Atheisten Voss der verloren gegangene „Sinn für menschliche Souveränität, existenzielle Freiheit“ Folge des Verlustes der kulturellen Fähigkeit ist, den Tod und das Leid als zum Leben zugehörig positiv anzuerkennen. Möglichst lange gesund leben zu wollen, ist für ihn allein aus naturwissenschaftlicher Sicht anachronistisch, weil erst der Tod, „Kurzlebigkeit“ und das Unperfekte Evolution ermöglichen. Es mag also die Erkenntnis fördern, hier über den Zusammenhang der theologischen und evolutionären Sinnzuschreibungen von Tod und Krankheit nachzudenken.

Erstaunlich zweitens, dass Voss diese Phänomene auch durch die religiöse Brille zu sehen versucht. Er wundert sich. Mittels optimierender Psycho- und Körpertechnologien der biopolitisch dominierten Lebenswelt verwandle sich nämlich heute „der natürliche Körper des Einzelnen in einen phantasmatischen Körper mit einer von phallischen Signifikanten gewebten zweiten Haut, in einen Körper, der insofern unsterblich ist, als er sich solcherart einschreibt in einen glänzenden, desinfizierten gesellschaftlichen Gattungskörper. Das heilige Öl der rituellen Verwandlung kehrt wieder im Öl der Bodybuilder.“ Wobei, so Voss: „Die Angst bleibt.“

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