Augustinus-Lexikon: Mit einem Klick zur Wahrheit

Benutzerfreundlich und selbsterklärend: Das Augustinus-Lexikon ist online. Von Clemens Schlip
Augustinus-Lexikon
Foto: IN | Konnte seine Texte noch nicht eintippen: der heilige Augustinus.

Die Digitalisierung ist ein zwiespältiges Phänomen, und dies nicht zuletzt im Bildungs- und Wissenschaftsbereich. Nicht alles, was unter diesem Schlagwort von finanziell potenten Lobbygruppen vorangetrieben wird, ist sinnvoll. Darüber sollte man aber nicht die tatsächlich vorhandenen Vorteile einer maßvoll betriebenen Digitalisierung übersehen. Ein anerkanntes Hilfsmittel für die wissenschaftliche Erforschung der Spätantike hat nun den Sprung ins Internet gewagt und kann auch als strukturierte Volltext-Datenbank mit vielfältigen Recherche-, Navigations- und Exportmöglichkeiten genutzt werden: das in den 1970ern ins Leben gerufene und mittlerweile seiner Vollendung entgegenschreitende „Augustinus-Lexikon“, das vom Würzburger „Zentrum für Augustinus-Forschung“ betreut und herausgegeben wird. Es handelt sich dabei um ein auf ungefähr 1 100 Lemmata angelegtes Lexikon der in Augustins Werken auftretenden oder für sein theologisches und philosophisches Denken relevanten Begriffe. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt liegen online bereits die Artikel mit den Anfangsbuchstaben A bis P vor. Bei der Lemmatisierung wurden ausschließlich lateinische Begriffe berücksichtigt. Aufgenommen wurden neben „Begriffen“ im engeren Sinn auch wirkmächtige Junkturen wie „Causa finita est“ (der Fall ist erledigt) als Bekenntnis zur Autorität des Papstes, das die mittelalterliche Inquisition inspirierende „Compelle intrare“ (Nötige sie einzutreten) oder das alttestamentliche „Ego sum qui sum“ (Ich bin der ich bin). Auch den für Augustins Werk relevanten Personennamen und den einzelnen Werktiteln widmen sich eigene Artikel. Die Autoren entstammen allen für das Thema relevanten Disziplinen. Die für die Artikel zugelassenen Sprachen sind Deutsch, Englisch und Französisch. Auf diese Sprachen können auch die Nutzerfelder eingestellt werden.

Die Handhabung des Lexikons in der neuen Online-Version und die Navigation darin sind leicht verständlich, benutzerfreundlich und absolut selbsterklärend. Sobald man einen Zugang erworben hat, kann man über die „eLibrary“ des Baseler Schwabe-Verlags zugreifen. Auf der Startseite des Lexikons findet man unter „Produkthinweise“ hilfreiche Informationen für den Benutzer, ein Werkverzeichnis Augustins und das Abkürzungsverzeichnis (alle als PDF).

Für die Suche selbst stehen verschiedene Möglichkeiten zur Auswahl. Man kann über das alphabetische Artikelregister gehen oder über das Verfasserregister, das die einzelnen Autoren mit den von ihnen geschriebenen Artikeln listet. Ein weiteres „Register der Sachgruppen“ ist zwar schon als Symbol vorgesehen, wird aber erst nach Abschluss des Projekts erstellt werden. Unter der durch eine Lupe symbolisierten Rubrik „Suche im Werk“ können die Suchkriterien „Verfasser“ und „Artikeltitel“ kombiniert werden. Hier ist aber auch die freie Suche nach Begriffen oder einzelnen Wörtern in den Artikeln möglich. So kann der Nutzer herausfinden, in welchen Lexikonartikeln bestimmte Begriffe verwendet werden, die ihn besonders interessieren. Oder beispielsweise auch, in welchen Artikeln ein bestimmter moderner Gelehrter zitiert wird („Ratzinger“ zum Beispiel in 24 Artikeln). Gerade diese Möglichkeit zur freien Suche ist ein wesentlicher Vorteil einer digitalen Fassung. Wenn man etwa wissen will, ob Augustinus etwas mit der theologischen Idee des „Limbus“ zu tun hat (dem Aufenthaltsort der ungetauft gestorbenen Kleinkinder), kann man diesen Suchbegriff eingeben und gelangt so zum einschlägigen Artikel über die Kleinkindertaufe („Baptismus parvulorum“). Hat man sich für einen bestimmten Artikel entschieden und diesen angeklickt, wird zunächst nur dessen Anfang angezeigt. Nach einem Klick auf das Feld „Mehr lesen“ erscheint die Vollversion.

Der Aufbau der einzelnen Artikel variiert notwendigerweise nach Aufbau und Länge und den Arten der gebotenen Informationen. In jedem Fall erhält man einen soliden Überblick, wo und mit welchen Bedeutungsnuancen ein bestimmter Begriff von Augustinus verwendet wird, und implizit oder explizit auch, wie häufig er sich in seinem Werk findet. Diese Auskünfte werden mit mehr oder weniger zahlreichen Belegstellen aus Augustins Werken unterfüttert. Die zahlreichen Anmerkungen folgen auf jeden einzelnen Textblock des Artikels. Am Ende steht jeweils ein Literaturverzeichnis.

Aus den Betrachtungen der einzelnen Begriffe heraus ergeben sich nicht selten aufschlussreiche Einblicke in Augustins Gedankenwelt, die bei Zentralbegriffen wie „Peccatum originale“ (Erbsünde) entsprechend ausführlich und detailreich ausfallen. Wo es nötig ist, wird auch auf die Augustinus vorausgehende (theologische oder auch profane) Geschichte eines Wortes eingegangen.

Durch die in der Online-Fassung mögliche Verlinkung der Artikel untereinander ergeben sich weitere Vorteile. Mit nur einem Klick kommt man beispielsweise durch den entsprechenden Verweis aus dem „Crux“-Artikel zum Stichwort „Arbor“ (Baum). Neben Bildschirmlektüre und Ausdrucken ist auch ein Download der einzelnen Artikel möglich, allerdings mit Hinblick auf Literaturverwaltungssysteme nur im RIS-Dateiformat, mit dem nicht jeder Computer automatisch zurechtkommt.

Wie alle guten Dinge hat auch dieses Online-Lexikon seinen Preis. Die Einzelplatzlizenz ist wohl für eher wenige ausgewählte Privatpersonen interessant (290 Euro in den ersten zwölf Monaten und 99 Euro je Folgejahr). Institutionen werden zur Campuslizenz greifen (2 900 Euro in den ersten 12 Monaten und 1 450 Euro je Folgejahr). Keine akademische Einrichtung, an der ernsthafte geisteswissenschaftliche oder theologische Forschung betrieben wird, sollte auf den Erwerb dieser Lizenz verzichten.

Informationen: www.al-online.ch; Beantragung eines kostenlosen Testzugangs: info@al-online.ch.

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