Aufruf zum Göttersturz

Der Psychiater, Theologe und Bestsellerautor Manfred Lütz zur „Woche für das Leben“

„Gesundheit ist zum Religionsersatz geworden“, sagen sie. Und die neue Gesundheitsreligion habe totalitäre Züge. Was soll denn totalitär daran sein, wenn jemand sagt: Ich wünsche mir, dass ich gesund bin und gesund bleibe?

Totalitäre Systeme unterscheiden sich von autoritären Regimen bekanntlich dadurch, dass das ganze Leben lückenlos erfasst wird. Und von der Gesundheitsreligion wird ja in gewisser Weise das ganze Leben erfasst. Rund um die Uhr beobachten sich Menschen selber oder werden beobachtet. Der Staat betreibt gesundheitsreligiöse Missionskampagnen und die Krankenkassen erziehen erwachsene Bürger durch Bonus-Malus-Systeme zu tugendhaftem Gesundheitsverhalten. Manch einer ist rund um die Uhr mit diesem Thema beschäftigt. Zudem herrscht in diesem Bereich strenge political correctness. Das heißt: Es gibt bestimmte Tabuthemen, die Sie auf keinen Fall offen ansprechen dürfen. Eben ganz so wie in totalitären Systemen. Ich habe einmal vor vierzig Pflegedienstleitern großer Krankenhäuser über Spätabtreibungen gesprochen und anschließend gefragt, wer die Situation in Deutschland vorher wirklich gekannt hat. Zwei Drittel hatten noch nie gehört, dass man in unserem Land ein Kind im Geburtskanal mit einer Kaliumspritze ins Herz töten darf, de facto mit der einzigen Begründung, dass es behindert sei, zum Beispiel eine Hasenscharte habe. Diese grausame Tötungsprozedur ist im Gegensatz zur Abtreibung von gesunden Kindern nicht rechtswidrig und wird anstandslos von der Krankenkasse bezahlt. Es gibt allerdings ein Mittel, mit dem man die political correctness brechen kann: Satire. Wie in allen totalitären Systemen kann man auch in unserer Gesundheitsgesellschaft die Wahrheit nur satirisch sagen.

Inwieweit verändert die Gesundheitsreligion das Menschenbild?

Wenn nur noch der Gesunde der eigentliche Mensch ist, wird der Kranke, vor allem der nicht mehr heilbar, chronisch Kranke oder der Behinderte, ein Mensch zweiter oder dritter Klasse. Die Gesundheitsreligion hat inzwischen ihren eigenen Fundamentalismus entwickelt: Die „Ethik des Heilens“. Die „Ethik des Heilens“ ist in Wirklichkeit das Ende der Ethik.

Wie meinen Sie das?

Früher war Ethik der argumentative kontroverse philosophische Diskurs über Moral. Sobald heute aber jemand von der „Ethik des Heilens“ spricht, bedeutet dies das Ende jeglicher Debatte. Denn dann wird es sakral. Dagegen anzuargumentieren ist kaum mehr möglich. Man muss sich doch nur die Stammzell-Debatte ansehen. Gerade in der Auseinandersetzung um die embryonale Stammzellforschung sind die Argumente zum Schutz der Menschenwürde des Embryos und vor allem gegen die angeblich „einmalige“ absurde Verschiebung des schon einmal angeblich „einmaligen“ Stichtags geradezu zwingend logisch.

Warum geht die Argumentation bei vielen dennoch so merkwürdig ins Leere?

Ich glaube, dass letztlich die allgemeine gesundheitsreligiöse Atmosphäre beherrschend hinter all den Debatten steht. Es reicht völlig aus, im Sinne der trügerischen angeblichen „Ethik des Heilens“ die Hoffnung zu wecken, man könne über embryonale Stammzellen vielleicht irgendwann einmal irgendwelche Krankheiten heilen, um einen enormen öffentlichen Druck aufzubauen und jede Gegenmeinung als unmenschlich und außerdem ewig gestrig zu diskreditieren. Welcher Politiker will schon verantwortlich dafür gemacht werden, dass es bestimmte Therapien für schwer leidende Menschen zwar im Ausland geben wird, aber möglicherweise nur in Deutschland nicht. Die Heilungsversprechen, die da gemacht werden, müssen noch nicht einmal realistisch sein. Im Grunde genügt eine rein virtuelle Debatte, um entsprechenden Druck auszuüben. Bei solchen Debatten zeigt sich deutlich, wie Politik und Gesellschaft dem gesundheitsreligiösen Trend erliegen.

Katholische und evangelische Kirche begehen in diesen Tagen gemeinsam die „Woche für das Leben“. Am Freitag wird der Bundestag über die Aufweichung des Stammzellgesetzes abstimmen. Ausgerechnet bei einer so grundsätzlichen Frage sprechen katholische und evangelische Kirche nicht mehr mit einer Stimme. Teile des Protestantismus – allen voran der EKD-Vorsitzende Bischof Wolfgang Huber – haben den christlichen Konsens aufgekündigt. Kann eine „Woche für das Leben“ unter solchen Bedingungen überhaupt noch funktionieren?

Zunächst ist wichtig festzuhalten, dass nicht die gesamte evangelische Kirche in Deutschland hinter der Position steht, die Bischof Huber in dieser Frage vertritt. Bischof Huber ist in der Tat aus dem ökumenischen Konsens ausgeschert. Das ist sehr schmerzlich. Zumal es bei der embryonalen Stammzellforschung ja nicht um eine Experten- oder Randfrage geht, sondern um das Zentrum unseres christlich-abendländischen Menschenbildes. Ich finde es wichtig, dass diese Thematik in einem größeren grundlegenden Zusammenhang in der „Woche für das Leben“ angesprochen wird, und dass auch Bischof Huber sich einer kritischen Diskussion stellt. Wir brauchen eine öffentliche Debatte über die Wertigkeit von Gesundheit, auch über die Frage der sogenannten „Ethik des Heilens“. Diese von den ethosbildenden Verbänden, den Kirchen, angestoßene Debatte muss grundsätzlicher geführt werden als das, was im Bundestag passiert. Da kann in dieser Frage von einer „Sternstunde des Parlaments“ zumeist wahrlich nicht gesprochen werden. Da wird der Begriff „Ethik des Heilens“ hemmungslos als Kampfbegriff eingesetzt, der jedes Gegenargument von vorneherein diskreditiert. Es ist ein Glücksfall, dass gerade jetzt die Kirchen mit ihrer „Woche für das Leben“ dazu beitragen können, diese Debatte systematisch zu vertiefen.

Dann diskutieren die Kirchen grundsätzlich und kontrovers untereinander und jeder Politiker nimmt sich das Ethikmodell heraus, das ihm gerade passt. Von einem gemeinsamen christlichen Appell an Politik und Gesellschaft kann keine Rede mehr sein. Im Gegenteil: Das christliche Menschenbild verliert weiter seine Konturen. Die ursprüngliche Idee der „Woche für das Leben“ war doch eine andere...

Mir fällt in letzter Zeit auf, dass Meldungen über die Äußerungen von Kirchenführern allzu oft mit der Formulierung beginnen: Bischof soundso „beklagt...“. In dieser Attitüde werden wir nicht als vitale Verkünder einer frohen Botschaft, sondern bloß als schlechtgelaunte Mahner wahrgenommen, die gegen das Passepartout der dunklen Zeiten ihre lichtvolle Botschaft mit mahnendem Zeigefinger unter die Leute zu bringen versuchen. Dass die Kirchen gegen Abtreibung und gegen Euthanasie sind, wissen die Menschen. Dennoch war es sinnvoll, diese Themen öffentlich bei einer „Woche für das Leben“ in den Blick zu nehmen. Doch wenn man nur mit fertigen Botschaften herüberzukommen versucht, löst das bei manchen Menschen kein großes Interesse aus. Das Spannende im Moment ist doch, dass beide Kirchen die Chance nutzen können, eine öffentliche Debatte über viele grundlegende wesentliche Fragen zu führen. Da ist nicht nur die Gottesfrage, die inzwischen wieder auf der Ebene der intellektuellen Debatte angekommen ist. Da ist die Frage nach der Menschenwürde und damit verbunden die Frage nach der Wertigkeit der Gesundheit. Wir haben heute ja keine Weltanschauungsdebatten mehr, wir haben Menschenanschauungsdebatten. Und in diesem Zusammenhang halte ich das Gesundheitsthema für zentral. Im Umgang damit wird das Menschenbild einer Gesellschaft ganz praktisch. Wie wichtig es ist, dass die Kirchen sich dieser Frage stellen, zeigt übrigens die Beobachtung, dass die Gesundheitsreligion inzwischen auch die christlichen Kirchen selbst erfasst hat.

Wo zeigt sich das?

Na zum Beispiel beim Heilfasten in der Fastenzeit: Der Pfarrer ist ganz stolz, die Quote stimmt, die Leute strömen in Massen. Doch in Wirklichkeit hat Heilfasten mit Fasten gar nichts zu tun. Früher fastete man, um zu verzichten und dadurch vielleicht irgendwann einmal in den Himmel zu kommen. Heute fastet man, um möglichst spät und möglichst gesund in den Himmel zu kommen, was natürlich ein völlig anderer Ansatz ist. Man passt sich also bloß an die gesundheitsreligiöse Atmosphäre an. Dagegen haben wir in dieser „Woche für das Leben“ die Chance, kritisch in die Gesellschaft hinein den scheinbar absoluten Wertbegriff Gesundheit zu hinterfragen. Erst wenn Gesundheit zwar als hohes, aber nicht als höchstes Gut betrachtet wird, ist ernstzunehmende Gesundheitspolitik wieder möglich und ethischen Debatten können wieder argumentativ geführt werden. Wir brauchen also dringend eine gesellschaftliche Debatte. Doch wie soll man so etwas in unserer Gesellschaft eigentlich auslösen?

Haben Sie eine Antwort darauf?

Nun, das kann einer wie Jürgen Habermas. Habermas hat die Gottesfrage wieder in den Mittelpunkt gestellt. Das war sehr verdienstvoll. Jetzt wird wieder darüber diskutiert. Aber die Kirchen können das auch. Davon bin ich überzeugt. Vielleicht gelingt das ja gerade dadurch am nachhaltigsten, dass sie ganz offen tabuisierte Fragen ansprechen, ohne gleich den Eindruck zu vermitteln, die Gesellschaft besserwisserisch belehren zu wollen. Beim Gesundheitsthema zeigt sich besonders deutlich, dass allein die Infragestellung des angeblich absoluten Wertes der Gesundheit ganz handfeste politische Konsequenzen haben kann. Es ist Zufall, dass die diesjährige „Woche für das Leben“ zeitgleich mit der Bundestagsdebatte über die embryonalen Stammzellen läuft. Doch um die grundlegende Bedeutung dieser Fragen richtig einzuschätzen ist das Thema dieses Jahres „Gesundheit – höchstes Gut?“, geradezu hochaktuell. Es geht also keineswegs nur um theoretischen Disput. Das wirkt direkt in die Politik hinein.

Welche Rolle spielt „der Verlust der Ewigkeit“, wenn Gesundheit zum Religionsersatz wird?

Ich glaube, die Ursehnsucht der Menschheit ist die Sehnsucht nach ewigem Leben. Unsere Gesellschaft ist allerdings sehr auf das Diesseits konzentriert. Die Ewigkeit ist aus dem Blick geraten. Das gilt auch für viele Christen. Der mittelalterliche Mensch lebte viel länger als wir heutzutage. Er hatte vor seinem geistigen Auge das Diesseits plus das ewige Leben. Ich meine das jetzt nicht als Gag. Das ist psychologisch wirklich so. Der mittelalterliche Mensch konnte – psychologisch gesehen – gelassener leben, weil mit dem Tod nicht alles aus war. Heute ist das völlig anders. Wenn mit dem Tod alles vorbei ist, dann schnurrt das Leben enorm zusammen. Es wird viel kürzer und es bricht Hektik aus. Die Leute wollen dieses kurze Leben mit allen Mitteln verlängern und sind dann auch für alle möglichen Scharlatanerien anfällig. Wenn heute ein halbwegs seriöses Organ verbreiten würde, eine amerikanische Studien hätte herausgefunden, wer wöchentlich eine halbe Stunde pro Tag um eine Eiche rennt, der lebt statistisch drei Monate länger. Man würde bald keine deutsche Eiche mehr finden, um die nicht irgendein idiotischer Deutscher herum rennt, weil er statistisch drei Monate älter werden will. Dabei verbringt er diese drei Monate dann statistisch wahrscheinlich im Altenpflegeheim, im Zweifel mit Demenz.

Wenn der Glaube an das ewige Leben das Diesseits bereichert und das Leben entkrampft, wäre es dann nicht viel wichtiger, dass sich die Kirche auf ihre Kernkompetenz konzentriert und über Tod, Auferstehung und ewiges Leben spricht als eine „Woche für das Leben“ zu veranstalten, bei der es dann um Budgetierung im Gesundheitswesen, ärztliche Leistungskataloge oder Solidarität in der Krankenversicherung geht?

Wenn wir als Christen über die Frage „Gesundheit – höchstes Gut?“ reden, dann reden wir zunächst natürlich genau über Tod, Auferstehung und ewiges Leben – und über die Nachäffungen der christlichen Hoffnungen durch die halbseidenen gesundheitsreligiösen Plastikversprechungen. Wenn wir aber meinen, Evangelisierung heiße, einfach das Glaubensbekenntnis über Tod, Auferstehung und ewiges Leben vorzulesen und dann traurig darüber zu sein, dass uns keiner zuhört, dann haben wir die missionarische Phantasie des Apostel Paulus nicht verstanden und die vitale Ausstrahlung der christlichen Missionare aller Zeiten. Ich spreche immer von Tod, Auferstehung und Ewigem Leben, wenn ich von den absurden Verrenkungen der Gesundheitsreligion spreche. Die Gesundheitsgläubigen leben heute nach dem Motto: Ich will hier leben. Ich will sinnlich leben, ich will jetzt leben. Deshalb muss man sich zunächst einmal mit den Folgen und Auswirkungen dieser Einstellung befassen. Eben gerade im Blick auf die Gesundheit, die dabei zum absoluten Wert wird. Und dann kann man darüber reden, dass ewiges Leben das intensivste Jetzt und Auferstehung das intensivste Leben ist – und der Auferstehungsleib vielleicht das Sinnlichste, was wir uns vorstellen können. Es ist natürlich völlig richtig: Die Kirchen müssen wieder mehr über das ewige Leben und die leibliche Auferstehung sprechen. Da ist ja auch in der Theologie manchmal so einiges den Bach heruntergegangen. Es ist sehr wichtig, das wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Zunächst aber – meine ich – muss man die alten Götter stürzen. Hier kann die „Woche für das Leben“ mit dem Thema Gesundheit einen Beitrag leisten. Ob jemand Christ ist oder nicht, das wird man in einigen Jahren nicht daran erkennen, ob er trinitarisch denkt oder nicht, sondern daran, ob jemand einen späten Alzheimer-Patienten für schützenswerter hält als einen Schimpansen oder eben nicht, wie Peter Singer und die Seinen. Das christliche Menschenbild wird der entscheidende Unterschied sein. Um die Würde des Menschen in den Auseinandersetzungen, die sicher noch zunehmen werden, verteidigen zu können, brauchen wir auch Debattenfähigkeit. Ich hoffe, dass die „Woche für das Leben“ dazu einen Beitrag leisten kann.

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