Auferstanden aus Ruinen

Seltsame Ideen über den Wiederaufbau der Mauer, aber kein bleibender Eindruck: Der Fernseh-Zweiteiler „Die Grenze“

In immer kürzeren Abständen befragen die Statistiker die Deutschen, ob nicht zu Mauerzeiten alles viel besser lief in Deutschland. Ergebnis der jüngsten Fragerunde: Angeb- lich wünscht sich jeder Vierte die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland zurück. Das Ergebnis wurde pünktlich zur Ausstrahlung eines spektakulären, aufwendig produzierten Fernsehzweiteilers bekanntgegeben, in dem die Mauer tatsächlich wieder aufgebaut wird, nämlich zwischen einem dank neuerlicher Wirtschaftskrise nun gänzlich verarmten Mecklenburg-Vorpommern und dem Rest der Bundesrepublik, das politisch angeschlagen vor sich hin schlingert.

Nachdem alle Konkurrenten das Projekt hatten fallen lassen, ergriff der in die kulturelle Bedeutungslosigkeit abgestürzte Sender Sat.1 die Chance, vermittels des acht Millionen Euro teuren, dreistündigen TV-Zweiteilers „Die Grenze“ das Genre der sogenannten Eventmovies – und sich selbst – wieder verstärkt ins Gespräch bringen und über die inhaltliche Brisanz noch dazu politische Denkanstöße auszulösen. Zumindest ersteres Vorhaben scheint durch massive Werbung geglückt. Nur ob „Die Grenze“ über den Tag der Ausstrahlung hinaus zum Nachdenken über Gefährdungen der Demokratie anregt, bleibt zweifelhaft.

Potpourri auf banalem Niveau

Genügend Ideen wurde jedenfalls aufgeboten: Ein Bundesland (Mecklenburg-Vorpommern), das kurz vor einer Landtagswahl weitgehend ohne eigenes Verschulden in eine wirtschaftliche Abwärtsspirale gerät, und dessen labile demokratische Konstitution von linken und rechten Populisten in die Zange genommen wird – all das war nicht so weit hergeholt, als dass der Zuschauer es als reine Science-Fiction hätte abhaken können. Die meisten der handelnden Personen in dem von den Autoren Christoph und Friedemann Fromm mit Anspielungen und Themen vollgestopften Dreistünder hatten überzeugende Konturen: Da agieren ein alerter Linkspolitiker mit Ost-Biografie und ein smarter, aalglatter Rechtspopulist mit nahezu denselben, plakativen Parolen aus der politischen PR-Trickkiste, während die redliche Bundeskanzlerin (Katja Riemann) das Geschehen an Haff und Bodden zusammen mit ihrem Stab von Berlin aus mitunter so gebannt verfolgt, wie das Kaninchen auf die Schlange blickt.

Der Counterpart bei den Linken war ein radikaler DDR-Ostalgiker mit dem passenden Vornamen Erich im Mao-Look, der an seinen Brüdern und Schwestern das sozialistische Experiment inklusive Mauerbau zu wiederholen versucht. Die Schauspieler vermochten den Klischeefiguren Glaubwürdigkeit zu verleihen, aber einige dramaturgische Zuspitzungen wie etwa die brutalen Guantanamo-Einlagen im Hinterzimmer der Neofaschisten wirkten dann abseits aller gut gemeinten, politisch-pädagogischen Absichten doch zu spekulativ und reißerisch. Verblüffend echt wirkten demgegenüber die nachgestellten Bilder von TV-Nachrichtensendungen, zumal brennende Autos in Großstädten wie Hamburg und Berlin ja leider schon zum Alltagsphänomen geworden sind.

Das eigentliche Problem waren die vielen melodramatischen Passagen des Films, der wie so viele Filme dieser Art aus der Backstube der erfolgsverwöhnten Berliner Produktionsfirma „teamworx“ von Produzent Niko Hoffmann („Dresden“, „Die Luftbrücke“) nicht ohne Liebes- und Familienverstrickungen auskommen mochte. Diese wohl zur Identifikation gedachten Nebenhandlungen brachen das durchaus klug ersonnene Polittheater immer wieder auf ein thematisch banales und dramaturgisch bremsendes Niveau herunter. So wurde die Chance verspielt, an thematisch weniger überbordende, aber politisch brisantere Fernsehfilme wie Wolfgang Menges „Die Dubrow-Krise“ anzuknüpfen, der 1969 die gegenteilige Vision von „Die Grenze“ entwarf: Den fiktive Beitritt eines Dorfes in der DDR zur Bundesrepublik während der Teilung.

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