Auf Grundtugenden setzen

Das Buß- und Bettagsgespräch in Walberberg über Lösungen, die aus der Krise führen

Dass die Wirtschaftskrise das beherrschende Thema beim diesjährigen Buß- und Bettagsgespräch des Instituts für Gesellschaftswissenschaften Walberberg sein würde, vermochte nicht zu überraschen. Schließlich erwarten nicht nur die vielen Kenner, Freunde und Interessierte von der renommierten Einrichtung unter Leitung des Dominikanerpaters und Sozialwissenschaftlers Wolfgang Ockenfels mehr als nur ökonomische Antworten auf die Frage nach den langfristigen, mehr noch tragfähigen, belastbaren Konsequenzen aus den zurückliegenden Monaten. Appellativ, ja fast normativ mutete denn auch der Titel der traditionsreichen Veranstaltung an: „Was wir aus der Krise lernen sollten.“ Indes mag es für nicht wenige der über 200 Gäste der Veranstaltung in Bonn überraschend gewesen sein, dass ausgerechnet zwei Journalisten die entsprechenden Impulse lieferten.

Anonyme Wohlfahrtsdemokratie ist eine schwere Hypothek

Indes hatte Pater Ockenfels mit dem Wirtschaftsredakteur Philip Plickert von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sowie dem Autor und Journalisten Alexander Kissler zwei versierte Vertreter der schreibenden Zunft auf das Podium gesetzt, die zunächst einmal wohltuend als Problemerklärer auftraten. Dass ist so selbstverständlich nicht. Denn in dem allgemeinen Diskurs über Krise und deren Ursache sowie Wirkung sind es eben leider auch die Vertreter unterschiedlicher Medien, die sich nur allzu oft mit dem anmaßenden Anspruch des Problemlösers oder aber mit der zweifelhaften Etikette des Problemvervielfältigers gerieren.

In diesem Sinne referierte Philip Plickert zunächst noch einmal die ökonomischen Zusammenhänge und Hintergründe einer Krise, die mit einem Marktversagen begann, in der Folge auf die Realwirtschaft übergriff und am Ende ein Staatsversagen zeitigte. Von den ökonomischen Konsequenzen aus der „Weltwirtschaftskrise als Quittung für die Maßlosigkeit“ wie beispielsweise die Verschärfung der Eigenkapitalvorschriften, die Langfristigkeit der Vergütungssysteme in den Banken, tiefgreifende Veränderungen beim Bankeninsolvenzrecht sowie in der Geldpolitik der europäischen sowie US-amerikanischen Zentralbanken sei es aber insbesondere die Bedeutung der Weltwirtschaftskrise als Gesellschaftskrise. Plickert macht dies unter anderem an einer seit Jahrzehnten zu beobachtenden schleichenden Erosion der Sozialen Marktwirtschaft deutlich. Schon Wilhelm Röpke, einer der markantesten Vertreter des Ordoliberalismus und Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft, hatte Krisen in den meisten Fällen als notwendige Korrekturen vorangegangener Exzesse verstanden, die keinerlei Staatseingriffe bedürften sowie andernfalls zu einer Erosion der Grundlagen einer freiheitlich-bürgerlichen Gesellschaft führten.

An dieser Stelle beginnt denn auch jenseits der ökonomischen Implikationen die grundlegende kulturwissenschaftliche Diskussion über einen Staat, der immer mehr Ansprüchen gerecht werden will, Aufgaben natürlicher Solidargemeinschaften wie etwa der Familien übernimmt und als „anonyme Wohlfahrtsdemokratie auf Jahre mit einer schweren Hypothek belastet ist“. Der Wirtschaftsjournalist erinnerte an Grundtugenden der sozialen Marktwirtschaft, die für staatliches und gesellschaftliches Handeln, womöglich als ein entscheidender Lerneffekt aus der Krise gelten sollten: Freiheit und Verantwortung, Chancen und Haftung, Eigentum und Gemeinwohl sowie bürgerliche Grundtugenden wie Maß halten, Sparsamkeit, Selbstdisziplin.

Alexander Kissler nahm diese Hinweise auf und spitzte sie noch zu. Die System- und Vertrauenskrise habe zu einer wechselseitigen Verkennung geführt: „Der Staat als Gouvernante einerseits und der Bürger als Anspruchsberechtigter andererseits.“ Opake Finanzmarktinstrumente, das Versagen der Staaten sowie die unmäßige Besitzgier sind das Konglomerat der Wirtschafts- und Finanzkrise, die die Frage nach dem Menschenbild, auch und gerade aus staatlicher Sicht aufwirft.

Eine Kultur der Begrenzung statt Entgrenzung fordern

„Was macht den Menschen aus“, fragte Kissler und konstatierte eine Ratlosigkeit über Werte und Wertewandel. „Reden wir so oft über Werte, weil sie uns abhanden gekommen sind?“ Mit Blick auf die Äußerungen des Bundesbankvorstands Thilo Sarrazin sprach Kissler mit bitterem Unterton vom „Schmerz der Konsensgesellschaft“, nur weil jemand Zweifel an den gemeinsamen Nennern eines fragwürdigen „Wir“-Bewusstseins thematisiert. Es klang schlicht, und ist doch so lakonisch und scheinbar so schwer zu erreichen, als Kissler sich für eine „Kultur der Begrenzung statt Entgrenzung, in der Achtsamkeit höher steht als Selbstständigkeit“ aussprach. Vielfach seien es eben Begrifflichkeiten und Vokabeln, die ein solches Denken individuell und gesellschaftlich befördern: „Wir sollten von Idealen statt Leitbildern sprechen und insgesamt von einer Kultur der Rücksichten und nicht nur der Chancen.“

Themen & Autoren

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer