Auf Friedensmission in Moskau

Mönche der Abtei Münsterschwarzach haben der russisch-orthodoxen Kirche eine Ikone zurückgegeben

Mit einem ungewöhnlichen Auftrag sind zwei Mönche der Abtei Münsterschwarzach, Pater Fidelis Ruppert und Bruder Julian Glienke, nach Moskau gereist: Sie hatten eine Ikone im Gepäck, um sie der russisch-orthodoxen Kirche zurückzugeben. Die Ikone der Gottesmutter „Kasanskaja“ hat eine ungewöhnliche Geschichte: Ein deutscher Soldat namens Josef Bertram fand sie im Zweiten Weltkrieg in der Nähe der Stadt Mzensk in einem Schutthaufen. Er war von ihrer Schönheit berührt und nahm sie mit nach Deutschland. Kurz vor seinem Tod übergab er sie Abt Fidelis mit der Bitte, sie bei Gelegenheit nach Russland zurückzugeben; sein Sohn war mittlerweile Mönch der Abtei geworden.

Ein Symbol des Gedankens

Zwanzig Jahre hing sie in seiner Zelle, bis sich durch die Russland-Kontakte von Bruder Julian eine Möglichkeit fand, einen Kontakt zum Moskauer Patriarchat aufzubauen. Dort fand das Vorhaben und die Geschichte der Ikone sofort großen Widerhall. Kürzlich wurde die Ikone im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes von Erzbischof Hilarion Alfejew in der Moskauer Kirche „Freude der Trauernden“ an der Bolschaja Ordynka entgegengenommen. Pater Fidelis hielt eine Ansprache, in der er die Rückgabe als Zeichen des Friedens und der Versöhnung bezeichnete. Zunächst jedoch sprach er von dem Leid und Unglück, das deutsche Soldaten während des Krieges über Russland gebracht haben und bat dafür um Verzeihung. Dann erzählte er die Geschichte der Ikone, die für Josef Bertram, der als feindlicher Soldat nach Russland gekommen war, „Bindeglied zwischen seinem Glauben und dem Glauben der Menschen in Russland“ wurde. Abschließend sprach er den Wunsch aus, dass „der Geist der Versöhnung, des Friedens und der Liebe zwischen unseren Völkern, unseren Kirchen und allen Menschen immer mehr wachse“, damit es uns gelinge, „als Brüder und Schwestern des einen Vaters zusammenzuleben“. Die Worte wurden von den russischen Gläubigen mit spürbarer Bewegung zur Kenntnis genommen. Erzbischof Hilarion bedankte sich für die Rückgabe, die er als Wunder unserer heutigen Zeit ansah. Er nannte die Ikone, die auf ihrem langen Weg selbst so viel gelitten hat, ein Symbol des Gedenkens für alle, die im Krieg gelitten haben und umgekommen sind. Die einfachen Soldaten auf beiden Seiten bezeichnete er als Opfer, die in ihrer Mehrheit schuldlos gelitten haben. „Wir bitten Gott, dass sich jene Ereignisse nie wiederholen mögen, die im 20. Jahrhundert geschahen, als die Kräfte des Bösen über die Kräfte der Vernunft zu triumphieren schienen“, sagte der Erzbischof. Er unterstrich auch die Bedeutung der Rückgabe, die er als „gutwillige Geste“ ansah, für den orthodox-katholischen Dialog. Das Ziel des Dialoges bestünde darin, „das historische Gedächtnis zu heilen. Alle unsere Teilungen und Nöte geschehen dadurch, dass irgendjemand irgendwann – vor 60 Jahren, oder vor 600 Jahren, oder vor tausend – sich nicht richtig verhalten hat, Böses begangen hat. Die Heilung dessen, was damals geschehen ist – darin besteht das Ziel des Dialoges“, sagte er.

Zeichen der Versöhnung

Nicht nur die Geste an sich, auch die Tatsache, dass die beiden Münsterschwarzacher als Mönche gekommen waren, hatte offensichtlich eine verbindende Wirkung. In der orthodoxen Kirche hat das Mönchtum eine große Bedeutung, alle kirchlichen Würdenträger in höheren Positionen entstammen dem Mönchtum. Es wurde sehr deutlich, dass gerade der benediktinische Orden, der ja vor der Spaltung der Kirche entstanden ist, dort sehr geschätzt und als verbindendes Glied wahrgenommen wird.

Überraschend war auch, wie stark das Ereignis von den Medien wahrgenommen wurde. Zwei Fernsehteams waren anwesend, und einer der größten Fernsehsender brachte landesweit einen fast vier Minuten langen Bericht in den Abendnachrichten. Dabei wurde das Ereignis auch mit der Rückgabe eines anderen und wesentlich wertvolleren Exemplars der Kasaner Gottesmutter durch Kardinal Kasper im Auftrag von Papst Johannes Paul II. im Jahr 2004 verglichen. Diese war sicherlich kirchenpolitisch wichtiger. Im Nachhinein wurde deutlich, dass die Mzensker Ikone mit ihrer gerade für die russisch-orthodoxe Seele so anrührenden Geschichte einen hohen Symbolwert besitzt, dass sie wirklich ein Zeichen der Versöhnung geworden ist. JG

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