Auf der Spur der Lebenslichter wandeln

Eine flammende Meditation zum Jahreswechsel 2021/22
Paulus-Dom Münster
Foto: dpa | Wie lange leuchtet das Licht im Leben eines Menschen? Der Blick auf die Kerzen im Paulus-Dom in Münster zeigt: alles hat irgendwann ein Ende.

Zum Glück gibt es dieses Jahr kein Feuerwerk. Dieser heidnische Budenzauber kostet viel Geld, verpestet die Luft und verschreckt unseren Golden Retriever Tobit. Wir begehen die Nacht des Heiligen Sylvester in weihnachtlicher Stille. Dann schließe ich die Augen und sehe Lichter: Sie brannten an den Geburtstagen in einem Lichterkranz. Für jedes neue Lebensjahr gab es eine Kerze. Irgendwann wurde dieser Brauch nicht mehr gepflegt. Wahrscheinlich mit dem Erreichen des zehnten Lebensjahres. Mit diesem Geburtstag jedenfalls verbinde ich eine ungute Erinnerung. Zum letzten Mal konnte ich die Lebensjahre an meinen zehn Fingern abzählen. Ich wurde alt und älter. Wie groß müsste der Lichterkranz eines 30jährigen sein? Mir schauderte. Heute werde ich still. Wie viele Lichter des Lebens werde ich noch entzünden können?

In der Mitte des Lichterkranzes stand alle Jahre wieder eine besondere Kerze. Es war das Lebenslicht. So hatte es uns die Mutter gelehrt. Doch was ist ein Lebenslicht? Das ließ sich nicht einfach in Worte fassen, denn es war ein Geheimnis. Abends, wenn die Mutter aus dem in rotes Leinen gebundenen Märchenbuch vorlas, flackerte zuweilen auch das Lebenslicht auf. In einem Märchen betrat der Held eine Höhle. In ihr brannten Kerzen unterschiedlicher Länge. Große, hohe Kerzen symbolisierten ein langes Leben, kleine Kerzen dagegen deuteten den baldigen Tod an. Für jeden Menschen auf der Welt gab es hier unten eine Kerze. Sie war das Lebenslicht. Der Held war jung und dachte, sein Lebenslicht sei eine der großen Kerzen. Er täuschte sich.

Überall begehen Menschen Feste, bei denen Kerzen und Lampen wichtig sind

Licht ist Leben. „Freut euch des Lebens, solange noch das Lämpchen glüht...“, sang Oma Selma. Die fromme Katholikin aus Breslau wurde 104 Jahre alt. Auch wir Kinder sangen vom Licht. Mit unseren selbst gebastelten Lampions zogen wir durch die Abenddämmerung, wenn im Münsterland das Lambertusfest gefeiert wurde. Auf dem Prinzipalmarkt steht die Lambertikirche. Hier erinnert eine Bronzetafel an Kardinal von Galen, der an diesem Ort gegen die Ermordung geistig Behinderter gepredigt hatte. Er war ein Licht in dunkler Zeit. Vor dem Lambertusfest zimmerten die Väter Holzpyramiden aus Dachlatten, schmückten sie mit Zweigen der Thuja und steckten Lichter zwischen das Grün.

Wir Kinder zogen im Kreis um die Lichterpyramide und sangen: „Da oben leuchten die Sterne, hier unten, da leuchten wir!“ Im Nachglanz nehmen die Lichter der Kindheit an Leuchtkraft zu. Das Lambertussingen machte Spaß. Dazu kam, dass wir noch aufbleiben durften, obwohl es bereits Dunkel geworden war. Aber spürten wir auch jenen Zauber einer anderen Welt, deren Lichter oben am Himmel unseren kleinen Lichtern Antwort zu geben schien? Da oben leuchten die Sterne, hier unten, da leuchten wir: Welch ein Bild der Harmonie! Erst im Rückblick auf die Kindheit geht uns ein Licht auf und wir erkennen: Die Welt ist wunderbar im Ganzen. Sie ist in Licht gehüllt.

Ohne Helligkeit, kein Durchblick, keine Wahrheit, keine Wahrhaftigkeit

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Licht ist Erkenntnis. Licht steht für Vernunft, Klarheit und Durchblick. Licht ist deshalb auch Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Der Ehrliche braucht sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen (Matthäus 5, 15f.). Er ist wie die Stadt auf dem Berge, deren Licht weit in der Dunkelheit zu sehen ist. „Ihr seid das Licht der Welt – lux mundi“ (Matthäus 5, 14), sagt Jesus zu seinen Jüngern. Licht schafft Klarheit. Licht vertreibt die Dunkelheit. Licht schenkt Orientierung. Licht ist Liebe. Lichtscheues Gesindel dagegen hat etwas zu verbergen, und wer sich selbst ins Licht stellt, der gilt zu Recht als überheblich. Alle Religionen kennen das Symbol des Lichtes.

Wer mit Buddha den vierfachen Pfad geht, so heißt es, kann am Ende die Erleuchtung erfahren. Das Licht symbolisiert den spirituellen Durchblick. Auf Bildern werden deshalb die heiligen Männer und Frauen in Lichtkränzen dargestellt. Den Propheten Mohammed umgeben feurige Flammen, die Heiligen tragen einen Lichtkranz (Nimbus) um das Haupt. In jedem Menschen leuchtet das Licht des Lebens. Aber es ist verborgen, wir sehen es nicht. Der Heiligenschein dagegen deutet an: Dieser Mensch ist selbst zum Lichtträger geworden. Er leuchtet nicht aus eigener Kraft, sondern ist ein Spiegel des himmlischen Lichtes. Im Johannesevangelium bezeichnet sich Jesus als das Licht der Welt:

Jesus selbst bezeichnet sich als das „Licht der Welt“

„Ich bin das Licht der Welt.
Wer mir nachfolgt,
der wird nicht wandeln in der Finsternis,
sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Johannes 8,12)

Die Kirche hat das Bild vom Licht aufgenommen. Sie bekennt Christus als „Deum de Deo, lumen de lumine“ (Gotteslob 586. 2). Er ist „Licht, Leben, Freud und Wonne“, er hat „das werte Licht des Glaubens“ (Gotteslob 256. 3) geschenkt. Lichter begleiten den Katholiken in allen Situationen. Der Täufling, die Kommunionskinder und das Brautpaar bekommen Kerzen geschenkt. Zur Erinnerung an den Verstorbenen brennt eine Kerze. Bei einem festlichen Essen schmücken Kerzen den Tisch. Der Duft einer Bienenwachskerze erfüllt den Raum. Teelichter bilden ein großes Kreuz beim Taizé-Gottesdienst. In der Osternacht wird die geweihte Osterkerze entzündet. Sie symbolisiert den Glauben an die Auferstehung. Das große Fest der Kerzenweihe ist Maria Lichtmess (2. Februar). Hier werden die Kerzen für Kirche und Haushalt vom Priester geweiht. Lichter werden als Votivgaben in christlichen Wallfahrtsorten und einfachen Dorfkirchen entzündet.

Wir sind Kinder des Lichts

Mit der Geburt treten wir ins Licht dieser Welt. Das Licht der anderen Welt sind die Engel. „Es werde Licht!“ Mit diesen Worten beginnt das Leben. Worte des Lichtes stehen am Anfang der Schöpfung. Das Licht des ersten Schöpfungstages aber begleitet uns ein Leben lang. In Momenten blitzhaften Erkennens leuchtet es plötzlich auf und wir erfahren: Du gehst deinen Weg nicht allein. Wir wissen nicht, wie lange unserer Lebenslicht leuchten wird. Aber am Ende werden wir in das Licht des Anfangs wieder zurückkehren. Hinter allem leuchtet ein großes Licht.

Licht begleitet uns, Licht leuchtet in uns, Licht kommt uns entgegen. Wir sind Kinder des Lichtes. Aber es gibt auch die Stunden der Dunkelheit. Ein geliebter Mensch stirbt, Schüler werden das Opfer eines Verrückten, ein Freund liegt schwer erkrankt danieder, eine Gemeinde verunglimpft ihren Pfarrer. Dann stellen, wo immer ein Zeichen der Hoffnung jetzt gut tut, Kerzen auf. Ihr Licht leuchtet in der Dunkelheit und ist Vorschein des großen Lichtes am Ende des Tunnels. „Mehr Licht!“, soll Goethe kurz vor seinem Tod gesagt haben.

Das Lebenslicht erlischt, aber nur in dieser Welt

Lichter der Hoffnung wurden einst in meiner Grundschule verkauft. Für zehn Pfennig gab es eine rote Kerze mit Ständer, für fünfzig Pfennig eine weiße Kerze, die auf einer goldfarbenen Glocke stand. In der Adventszeit stellten wir sie ins Fenster. Sie waren „Licht von drüben“ aus einer freien Welt, das leuchten sollte für die Menschen hinter der Maurer und in den Gulags der Sowjetunion. Später in der Unterprima fuhr ich für „Blumen Miensopust“ Grabgestecke auf die Gräber, besonders an Allerheiligen, wenn hundert mal hundert Lichter die Dunkelheit der Gräberwelt auf dem Zentralfriedhof in Münster erhellten. Hier stand ich jedes Jahr an Allerheiligen und Allerseelen und verkaufte die roten Grablichter.

Auch sie waren „Licht von drüben“. Auch sie gaben Antwort. Die Jahre vergehen. Das Lebenslicht erlischt eines Tages. Aber nur in der sichtbaren Welt und nur, damit das Unsichtbare sichtbar wird: das in uns verborgene Licht der Seele. In der Mystik wird das Licht der Seele als unsterblicher Funke beschrieben, als Licht aus dem Licht. Noch immer sehe ich die Lichter der Kindheit, jetzt mit geschlossenen Augen. Sie haben sich in inneres Licht verwandelt. Das alte Lied aus frühen Kindertagen bekommt einen neuen Sinn. Draußen ist es still. Der Hund schläft vor dem warmen Kaminofen. Er träumt nicht vom Licht. Er ist im Licht.

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