Auf dem unendlichen Meer des Dialogs

Das Christentum ist eine dogmatisch verfasste Religion. Daran stößt sich die moderne Welt. Gerade wird das wieder sichtbar an manch zynischer Reaktion auf die Verfolgung von Christen in aller Welt oder der Forderung, der Papst soll auf seinem Deutschlandbesuch nicht vor dem Bundestag reden dürfen, weil sein Amt der Werteordnung des Grundgesetzes widerspricht, so etwa die „Frankfurter Rundschau“ – die Frage nach der letzten Wahrheit ist so aktuell wie zu allen Zeiten und auch der Dialog kann sie nicht einfrieden. Von Johannes Seibel
Foto: dpa | Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe – wenn es um Fragen von Leben und Tod geht, um Wahrheit oder nicht, dann wendet sich die Politik an das Richteramt, das entscheiden muss.
Foto: dpa | Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe – wenn es um Fragen von Leben und Tod geht, um Wahrheit oder nicht, dann wendet sich die Politik an das Richteramt, das entscheiden muss.

„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ So überliefert das Johannes-Evangelium einen Ausspruch Jesu. „Keiner kommt zum Vater außer durch mich.“ Mit der heutigen Lebenswelt verträgt sich dieser Anspruch nicht. Sagt Jesus ins Heute übersetzt doch: Es gibt eine Wahrheit und nicht mehrere, es gibt eine Art und Weise, einen Weg und nicht mehrere, diese Wahrheit zu erkennen und damit dieser Wahrheit gerecht zu werden. Jesus beansprucht weiter, dass allein gemäß dieser Wahrheit und auf diesem Weg gelingendes, erlöstes Leben möglich ist. Das Christentum ist also in der Nachfolge seiner Gründergestalt eine zuerst dogmatische Offenbarungsreligion.

Der Konflikt zwischen einer dogmatisch verfassten Kirche wie der römisch-katholischen und einer dem Pluralismus und Relativismus verpflichteten zeitgenössischen westlichen Gesellschaft, für die es keine exklusive Wahrheit und immer mehrere Wege zu einem gelingenden, sprich erlösten Leben gibt, für die also auch der des Jesus Christus nur einer unter vielen sein kann, ist mit Blick auf das zitierte Jesus-Wort fundamental. Dieser durch dieses Wort auf den Begriff gebrachte Konflikt ist auch einer, der dauerhaft sowohl im Verhältnis von Kirche und Welt schwelt, als auch innerhalb der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Fraktionen im Streit um den angemessenen Umgang mit diesem An- und Widerspruch sich ständig neu entlädt. Dass dieser Konflikt sich zudem bevorzugt am Amt des Papstes in der römisch-katholischen Kirche entzündet, verwundert ebenfalls kaum, bedeutet dieses Amt doch geradezu die Personalisierung des dogmatischen Prinzips.

So hat der biblisch geoffenbarte allgemeine Wahrheitsanspruch des Christentums und seine jeweilige Inkulturation über die Zeiten hinweg immer neue historische, partikulare Ausformungen gefunden – Verschärfungen wie Koexistenzen wie Harmonisierungen wie Auflösungen gleichermaßen. Das Abarbeiten am Dogma, wie es das Christentum verkörpert, erzählt im Grunde und ermöglichte die Geschichte mit, wie Europa zu dem geworden ist, was es heute ist. Die Wahrheitsfrage und die Frage nach der Verbindlichkeit der Wahrheit ist eine der entscheidenden im privaten wie öffentlichen Leben zu allen Zeiten gewesen und geblieben – jeder postmodernen Philosophie zum Trotz.

Der deutschsprachige Raum erlebt das alles gerade wieder in heftiger Form. In Ägypten fallen 21 koptische Christen an Silvester einem Attentat zum Opfer, Papst Benedikt XVI. fordert für christliche und andere religiöse Minderheiten Religionsfreiheit ein – und prompt wirft Arno Widmann in der „Berliner Zeitung“ der Kirche vor, das „Entsetzen über diesen Anschlag auszunutzen“ – sprich: zu instrumentalisieren. „Jetzt den Eindruck zu erzeugen, das Christentum sei das arme, verfolgte Opfer, ist Demagogie“, formuliert Widmann scharf. Dagegen müsse weiterhin der Wahrheitsanspruch und der Missionsbegriff, wie ihn das Christentum habe, „bekämpft werden“.

Da kündigt Papst Benedikt XVI. seinen Besuch in Deutschland an, wo er auch vor dem Bundestag reden soll – schon fordert in der „Frankfurter Rundschau“ Christian Bommarius: „Das Parlament hätte den Auftritt des letzten absoluten Monarchen Europas besser ablehnen sollen“. Und erstaunlicherweise begründet dies der Leitartikler unter anderem damit, dass ein Papst sich als Stellvertreter Christi verstehe und insofern die Wertordnung, die er vertrete, nicht allein von der Mehrheit der Bevölkerung in wesentlichen Fragen nicht geteilt werde – beispielsweise beim Thema Abtreibung –, sondern auch in vielen Fällen in direktem Gegensatz zur objektiven Wertordnung stehe, die das Grundgesetz für die Bundesrepublik bestimme. „Ein Bekenntnis zur freien Entfaltung der Persönlichkeit war jedenfalls noch von keinem Papst zu hören“, schreibt Bommarius – schon sind die Leser wieder mitten im grundlegenden Konflikt zwischen dogmatischer Verfasstheit der Kirche und dem Autonomie- und Freiheitsbegriff der Moderne angelangt.

Zunächst einmal sollen bei Widmann wie Bommarius die Angriffe und Argumentationen gegen das Christentum allerdings auch dabei helfen, gleichsam negativ die eigene Identität und damit die ihres Milieus zu stabilisieren. Diese Kommentare, die die Meinungen eines Teils der Gesellschaften in den deutschsprachigen Ländern sicherlich treffend abbilden, können somit in ihrer Vehemenz auch psychologisch und mentalitätsgeschichtlich erklärt werden – denn die römisch-katholische Kirche in Deutschland und auch das Amt des Papstes verfügen nicht über die tatsächlichen Machtmittel, um die kirchlichen Dogmen und das christliche Ethos oder gar die römisch-katholische Morallehre für alle als verpflichtend durchsetzen zu können, von denen man sich noch in Form eines gefährlichen, heroischen Aktes der Häresie emanzipieren müsste. Insofern bauen Widmann und Bommarius einen Popanz auf, vom dem sie sich dann umso effektvoller absetzen können.

Inszeniert sich Widmann jedoch dabei bloß zynisch, weil er erst dann von Christenverfolgung sprechen will, wenn Christen im übertragenen Sinne wieder den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden, so ist Bommarius zumindest ehrlich – auch wenn er das Dogma des Christentums, wie es sich im Papstamt manifestiert, ablehnt und daraus die laizistische Konsequenz zieht, die Religion aus dem öffentlichen, das heißt politischen Leben zu verbannen, so gibt er doch zu, dass es sich bei der Auseinandersetzung mit der römisch-katholischen Kirche um einen Streit um die „objektive Wertordnung“ handelt. Bommarius erkennt an, dass es auch in der Demokratie und einer pluralen Gesellschaft um letzte Fragen, um die Wahrheit geht, die für alle verbindlich gelten soll, und eben nicht alle Überzeugungen gleich gültig sind – wofür stellvertretend der Streit um die Legalisierung von Abtreibung steht, den Bommarius als Beispiel anführt.

Entweder man ist für Abtreibung, oder man ist gegen Abtreibung. Ein Drittes gibt es nicht. Der Leitartikler der „Frankfurter Rundschau“ markiert damit Gegensätze, die zur persönlichen Entscheidung aufrufen: Für ihn steht die Wahrheit der Aufklärung gegen die des Dogmas. Wo Aufklärung im wahrsten Sinne des Wortes herrscht, ist kein Platz für das Christentum. Das ist seine klare Ansage in der und für die „Frankfurter Rundschau“.

Bommarius ist also nicht am Dialog mit der römisch-katholischen Kirche gelegen, solange sie durch das Papstamt dogmatisch repräsentiert ist. Er betreibt politische Kommunikation in Form der „Insistenz“, wie dies einmal der Philosoph Rüdiger Bubner genannt hat: Er besteht auf der Gültigkeit der eigenen Wahrheit, die andere Wahrheit ausschließt. Die politische Kommunikation, für die Bommarius keine Urteilsenthaltung vorsieht, dient dazu, eigene Standpunkte und Interessen als allgemein verbindlich durchzusetzen.

Diese Ehrlichkeit in den sich anbahnenden kontroversen Debatten um den Papstbesuch in Deutschland, die ja im Kern dem Wahrheitsanspruch des Christentums gelten, sollte gerade innerhalb der kirchlichen Öffentlichkeit ernst genommen und reflektiert werden. Gerade weil die katholische Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil auf den Dialog als Mittel der religiösen und politischen Kommunikation setzt – dem „Leitparadigma der Epoche“, wie der Philosoph Bubner den Dialog bezeichnet –, sollte die Kirche sich dessen Schwächen bewusst werden.

Für Bubner beruht der Erfolg des Dialoges als Inbegriff politischer Kommunikation der westlichen Demokratien darauf, dass seine Praxis den Anschein erweckt, als seien jegliche „Autoritäten“ ausgeschaltet, als habe man die „naturwüchsige Interessenverfolgung“ hinter sich gelassen und als sei die „Überzeugtheit von der exklusiven Richtigkeit der eigenen Sache“ gebrochen. Analysiere man aber die Dialogprozesse, so Bubner weiter, dann erweise sich ein Dialog oft auch als ein „austauschbares Mittel zur Durchsetzung der je eigenen Ziele, nachdem die direkte Zielverfolgung durch das Auftauchen von Konkurrenz blockiert wurde“. Das liegt für Bubner daran, dass mit dem Dialog als solchem „noch nichts geklärt oder entschieden“, sondern die „Materie von Kontroversen nur in ein anderes Medium verlagert“ worden sei. Kontroversen laufen aber auf eine Entscheidung zwischen Alternativen hinaus und durch diese Entscheidung wird eine Hierarchie von Wahrheiten, von inhaltlich Verbindlichem hergestellt – erhält eine Überzeugung Gesetzeskraft, dann wird ihr damit auch „exklusive Richtigkeit“ zugesprochen, die ja der Dialog vorgab, suspendieren zu können. Die Ordnung von Wahrheiten, deren Geltung entschieden werden muss, wenn sie sich gegenseitig ausschließen, kann für Bubner auch nicht in einem Konsens aufgehoben werden, sonst „segeln wir auf dem unendlichen Meer des Dialogs und müssen dessen Risiken struktureller Zweideutigkeit auf uns nehmen“.

Für die Debatte um die Präimplantationsdiagnostik (PID) bedeutet das: Sicher kann der Dialog darüber geführt werden, ob ein Verbot der PID gerechtfertigt ist oder nicht, welche Gründe dafür und dagegen sprechen – und man kann von den Kontrahenten auch fordern, dass sie die jeweils andere Position respektieren. Damit ist aber noch nichts entschieden. Denn die Zulassung der PID bedeutet, dass hier dem subjektiven Wunsch nach einem gesunden Kind der Status eines Rechtes zugesprochen wird und damit dieses Recht mit dem übergeordneten Recht auf Leben, die beide ihrerseits wieder in allgemeineren Werten wie etwa dem christlichen Menschenbild oder utilitaristischer Ethik fundiert sind, in Konkurrenz tritt – und diese Konkurrenz muss entschieden werden, indem der Gesetzgeber das Recht auf PID für alle entweder zugesteht oder verbietet. Wird PID zugelassen, dann gilt also der Standpunkt des PID-Gegners weniger als der des PID-Befürworters. Von einer gleichen Gültigkeit der Meinungen, der ja der Dialog glaubt, gerecht werden und garantieren zu können, kann dann keine Rede mehr sein. Oder wie es der Philosoph Bubner ausdrückt: Der Dialog birgt die Gefahr, dass Dinge Realität werden, die mit seiner Hilfe „lange Zeit in der Schwebe gehalten“ worden waren.

Die Frage nach der zeitgenössischen politischen Kultur im deutschsprachigen Raum, und der Rolle der Religion, also hier vor allem des Christentums und der Kirchen, die sie für und in dieser Kultur spielen soll, ist keine, die sich allein mit dem Mittel des Dialogs und der Urteilsenthaltung lösen lässt. Es geht hier um die Geltung von Wahrheit, es geht hier um Letztbegründungen, es geht um eine existenziell spürbare Differenz von Menschenbildern und Freiheitsverständnissen, um deren allgemeine Geltung gerungen werden muss – dieser Einsicht sollten sich weder die Kirchen noch die Gegner der Kirchen entziehen. Nur – die Form des Wettbewerbes zwischen den Wahrheiten und ihrer Verfechter muss fair sein, und da müssen derzeit eher die Gegner der Kirchen und von Papst Benedikt XVI. aufpassen, dass sie die Regeln des anständigen Umgangs miteinander nicht verletzen.

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