Auf dem Höhepunkt französischer Mystik

Matthias Claudius übersetzte die theologischen Schriften des großen katholischen Bischofs Fénelon. Von Till Kinzel

Der französische Bischof François de Salignac de la Mothe-Fénelon (1651–1715) gehörte zu den größten Theologen seiner Zeit. Doch nimmt er auch in der Geschichte der Pädagogik einen bedeutenden Platz ein; sein großer Bildungsroman „Die Abenteuer des Telemach“, der nach ganz Europa ausstrahlte, wird bis heute immer wieder aufgelegt. Und in der damals beliebten Gattung der Totengespräche glänzte Fénelon ebenfalls. Philosophen wie Leibniz, Rousseau, Kant und Schopenhauer gehörten zu seinen Lesern.

Fénelon ist als Philosoph von keinem Geringeren als Robert Spaemann in seiner Habilitation von 1963 gründlich interpretiert worden. Fénelon faszinierte Spaemann als Teilnehmer des letzten großen Theologenstreits in Europa, der sich im frühen 18. Jahrhundert um die Frage entspann: „Sollen wir Gott lieben um seiner selbst willen? Oder um unseretwillen, weil Gott etwas für uns tut – weil er unser Glück bedeutet?“ Für Fénelon war in diesem Streit klar, dass der Mensch sich auf Gott hin transzendieren müsse und nicht, wie etwa Spinoza meinte, nur mit seiner Selbsterhaltung befasst sein dürfe.

Im engen Zusammenhang mit der von Spaemann aufgegriffenen Frage stehen jene Schriften, die jetzt in der alten Übersetzung des Hamburger Schriftstellers und Publizisten des Wandsbeker Boten, Matthias Claudius (1740–1815), wieder aufgelegt wurden. Fénelon wird mit diesem Buch als theologischer Schriftsteller vor Augen geführt, der in bemerkenswerter Weise konfessionelle Grenzen überwand. Denn es gehört zu den faszinierendsten Zeugnissen der Zeit um 1800, dass ein frommer protestantischer Autor und Lieddichter („Der Mond ist aufgegangen“) die geistlichen Werke eines katholischen Bischofs einem deutschen Lesepublikum zugänglich machte. Seine Übersetzung von Fénelons Schriften, die Zeugnisse einer intensiven gelebten Frömmigkeit und eines großen Mystikers sind, liest sich auch nach mehr als 200 Jahren noch erstaunlich gut.

Alle drei Bände der ursprünglichen Ausgabe von 1800 werden hier neu abgedruckt. Die Fülle der wertvollen geistlichen Gedanken, die Fénelons Werk enthält, kann hier nicht einmal angedeutet werden. Unter den erörterten Themen sind die Inhalte des christlichen Glaubens, die Notwendigkeit des Gebets, moralische und pädagogische Fragen (vor allem zur Mädchenerziehung). Gemütsbewegungen wie Traurigkeit, Sanftmut, Nächstenliebe und Innerlichkeit, der Umgang mit sich selbst, das Vertrauen in Gott oder der Nutzen des Stillschweigens und der Sammlung werden hier zum Gegenstand der tiefen Meditation. Dazu kommen Betrachtungen über die kirchlichen Feiertage, aber vor allem auch über die Art, wie Gott zu lieben sei, worin man das Zentrum seiner Meditationen sehen darf. Fénelon steht für ein Christentum, dem es nicht um Nützlichkeit oder andere Abzweckungen zu tun ist, sondern um die un-eigennützige Liebe zu Gott. Damit ist aber auch die Religion im Sinne Fénelons davor gefeit, nur instrumentell etwa als nützliche Veranstaltung zur Hebung oder Sicherung der Moral verstanden zu werden.

Die vorliegende Ausgabe, die sich wie ein Brevier lesen lässt, ist rundherum zu begrüßen; sie bietet in handlicher Form und in einem lesbaren Neusatz einen Text, dem in der Geschichte der christlichen Frömmigkeit eine große Bedeutung zukommt. Zwar hat Claudius den Text da und dort „durch Abkürzung oder durch Veränderung des Ausdrucks“ zu verbessern versucht, dabei aber nicht in die Substanz von Fénelons Gedanken eingegriffen. In der ausführlichen Vorrede zum zweiten Band gibt Claudius für jene, die Fénelons Biographie noch nicht kennen, „eins und das andre aus seinem Leben“.

Claudius' intensives Interesse an einer Apologie des Christentums im Schatten der rationalistischen Aufklärung wird durch diese Übersetzung aufs Schönste dokumentiert. Er selbst ergänzte sie zudem durch Auszüge aus den Gedanken Pascals. Es sei nämlich angenehm zu sehen, „wie ein großer Mathematiker und scharfsinniger Philosoph“ über die Theologie denkt, nachdem man zuvor gesehen habe, wie das ein Erzbischof tue. Das Nachwort von Jean-Claude Wolf stellt die Auffassung Fénelons von der „reinen Liebe“ Gottes dar und meint, man könne sie nach Kant eine „authentische Theodizee“ nennen, weil eine solche Liebe auf alle Rechtsansprüche an Gott verzichte. Wolf stellt Fénelons Gedanken zur Ethik gegen selbstbezogene eudämonistische Konzeptionen und diskutiert die wichtige Frage, wie man die Reinheit der Gottesliebe überhaupt feststellen könne. Auch als Philosoph des Gebets könnte Fénelon heute noch zur Erhellung der christlichen Gebetspraxis beitragen.

Die Beschäftigung mit Fénelon dient zur Klärung unseres Verhältnisses zum Christentum. Das von Fénelon aufgeworfene Problem, wie sich der Mensch zu sich selbst und zu Gott verhalten soll, ist nämlich aktuell. Damit sind auch Fragen nach der Qualität menschlicher Beziehungen im Lichte der Gottesliebe verbunden, vor allem aber auch nach der Praxis der Kon-templation. Denn schließlich gehört Fénelon, der den End- und Höhepunkt der katholischen Mystik in Frankreich verkörpert, zu jenen Mystikerinnen und Mystikern, die über ihre Zeit hinaus wertvolle Anstöße zur auf Gott gerichteten Innerlichkeit geben können. In diesem Sinne ist Fénelon – hier vermittelt durch Claudius – ein unzeitgemäß zeitgemäßer Autor und die Neuausgabe seiner Gedanken zur reinen Gottesliebe ein Geschenk.

François Fénelon: Gedanken zur reinen Gottesliebe. Aus dem Französischen von Matthias Claudius. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Jean-Claude Wolf. Schwabe-Verlag, Basel 2014. ISBN 978-3-7965-3242-9, EUR 24,–

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