Auf Ausflügen zu Pferd die Campagna entdeckt

Der bayerische Landschaftsmaler Johann Christian Reinhart in der Casa di Goethe – Vom freien Künstlerleben im Rom der Päpste. Von Urs Buhlmann
Foto: Museum | Italienische Landschaft, Radierung von Johann Christian Reinhart, 1794.
Foto: Museum | Italienische Landschaft, Radierung von Johann Christian Reinhart, 1794.

Einen Deutsch-Römer stellt die aktuelle Ausstellung des römischen Goethe-Hauses an der Via del Corso vor – nein, den Deutsch-Römer schlechthin: Johann Christian Reinhart, einen der großen Landschaftsmaler und Radierer der Goethe-Zeit. 1761 in Hof geboren, kam er mit einem Stipendium seines Landesherren, damals noch der Markgraf von Ansbach-Bayreuth, 1789 nach Rom, wo er fast 58 Jahre blieb und wo er auch sterben sollte. In dieser Zeit wurde er zum Mittelpunkt der bedeutenden deutschen Künstlerkolonie und beliebten Cicerone für durchreisende Landsleute. 1839 zum bayerischen Hofmaler ernannt, blieb er doch für immer in der Ewigen Stadt, über die er schon kurz nach seiner Ankunft schreiben konnte: „Rom ist mein Vaterland geworden“. Davon legt auch seine Heirat mit einer einheimischen Handwerkertochter Zeugnis ab, mit der er in eher bescheidenen Verhältnissen bei den Quattro Fontane lebte. Die Priester drängten ihn, den Protestanten und Pfarrersohn, der die Form der Zivilehe gewählt hatte, zu konvertieren. Doch Reinhart, der in Leipziger Studienzeiten Freimaurer geworden war und sich zeitlebens als Freigeist, wenn nicht als Ketzer sah, pflegte die Distanz zur übermächtigen Katholizität der Umgebung und blieb stets aufklärerisch-freisinnigem Gedankengut verbunden.

Von daher begegnete Reinhart der bewusst katholischen Künstlergruppe der Nazarener, die bald einen nicht unbedeutenden Teil der deutschen und deutschsprachigen Künstler in Rom stellte, mit Ablehnung. Das hinderte ihn, der 1846 gedichtet hatte: „Dein Stolz, o Mensch, erkühnte sich zu sagen: Nach seinem eigenen Bilde schuf mich Gott. Sei ehrlich, Mensch, antworte meinen Fragen: Schufst Du nach Deinem Bild nicht Deinen Gott?“ allerdings nicht, im nämlichen Jahr die Wahl Papst Pius IX. mit einem anderen, einem Huldigungsgedicht zu begrüßen, galt der letzte Papa-Re damals seinen Zeitgenossen doch zunächst als Liberaler.

Über diese heute wenig bekannte Form künstlerischen Schaffens durch Reinhart, seine Gedichte, legt die kleine, feine Ausstellung im Herzen Roms mit neu erworbenen Autographen ebenfalls Zeugnis ab, aber natürlich steht zunächst der Maler Johann Christian Reinhart im Mittelpunkt.

Unumstrittener Mittelpunkt seines künstlerischen Oeuvres sind die „Malerisch radierten Prospekte von Italien“, die Reinhart bekannt gemacht haben. Mit diesem druckgraphischen Hauptwerk, das, dem Titel zum Trotz, sich auf die Hauptstadt und deren Umgebung beschränkt, prägte er entscheidend das Bild Roms im Norden. Für den Italienbegeisterten König Ludwig I. von Bayern schuf er die vier Ansichten aus der Villa Malta, die heute in der Münchner Neuen Pinakothek sind. Reinharts Malerei wollte die „ideale“ Landschaft im klassizistischen Stil wiedergeben, die er etwas außerhalb der Stadt in der Campagna wiedergespiegelt fand. Historien- und Porträtmalerei, die bei den Zeitgenossen in höherem Ansehen stand, war von Anfang an nicht sein Metier gewesen. Menschliche Figuren sind bei Reinhart bloße Staffage; wohl gibt es einige Tierdarstellungen, die ihn als genauen Beobachter seiner Umwelt zeigen. Interessantes erfährt man in der vom emeritierten Bremer Literaturhistoriker und profunden Italienkenner Dieter Richter mustergültig kuratierten Ausstellung auch über Leben und Denken der zeitweise großen deutschen Künstlerkolonie in der Ewigen Stadt, deren unangefochtenes Oberhaupt Reinhart schon lange vor seinem Tod mit 86 Jahren geworden war.

Rom war damals eine Stadt von 160 000 Einwohnern, die meisten der Künstler-Emigranten kamen aus Kleinstädten wie Reinharts Heimat Hof. Sie empfing Rom vor allem mit einem viel freieren Milieu, als es die häufig noch im absolutistischen Geist regierten deutschen Kleinstaaten bieten konnten und wollten. Dass über Stadt und Land ein unbeschränkt herrschender Papst gebot, stand der freien Entfaltung der Künstler nicht entgegen. Ein Jahr nach Reinharts Tod, im Revolutionsjahr 1848, durfte über dem Haus des „Deutschen Künstlervereins“ die schwarz-rot-goldene Fahne unbeanstandet wehen. Mit vielen Details wird in der Ausstellung das durchaus fröhliche Künstler-Leben der Deutschen beleuchtet. Das heute noch bestehende Kaffeehaus Greco und das Lokal Lepre, das auf seiner umfangreichen Speisekarte damals schon Sauerkraut aufführte, waren bevorzugte Treffpunkte für oft ausgedehnte Gastlichkeiten. Reinhart selber, den die Künstlerkollegen nicht nur als „Malerpatriarchen“, sondern auch als „wackeren Zecher“ ehrten, trug zum bohemehaften Leben entscheidend bei, als er zu Beginn des neuen Jahrhunderts bei einem seiner Ausflüge zu Pferd die Cervaro-Grotten in der Campagna entdeckte und sie in der Folge zum Ort wilder Künstlerfeste machte. Man sieht Abzeichen und Urkunden der „Ponte-Molle“, einer Spaßgesellschaft, deren umtriebiges Mitglied Reinhart war. Erstmals kann das Goethe-Haus auch ein wiederentdecktes Porträt des Malers aus dem Besitz der Accademia di San Luca zeigen, das uns einen lebhaften Eindruck des temperamentvollen und auch äußerlich den Bonvivant nicht verleugnenden Künstlers verschafft. Dieter Richter, dem wir spannende Publikationen zur Kulturgeschichte des Vesuv und zur Geschichte einer Himmelsrichtung, nämlich des Südens, verdanken, hat alle diese Dinge kenntnisreich zusammengetragen. Wie Reinhart aus Hof stammend, widmete er seinem Landsmann im letzten Jahr eine vielgelobte Monographie („Von Hof nach Rom. Johann Christian Reinhart. Ein deutscher Maler in Italien“, Berlin 2010).

Casa di Goethe, Via del Corso 18 (Piazza del Popolo), Rom, bis 15. Mai 2011, täglich außer Montags, 10 bis 18 Uhr, Te. 0039 06 32 650 412, www.casedigoethe.it

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