Atheisten noch ohne Plakatflächen

Anfang Oktober sollte in Polen eine Atheismus-Kampagne starten – Nun will sie mit Verspätung beginnen. Von Stefan Meetschen
Foto: IN | Der polnische Atheist Tomasz Lis.
Foto: IN | Der polnische Atheist Tomasz Lis.

Die Botschaft drang bis in den Westen: Polnische Atheisten planen eine Kampagne gegen Gott und Kirche. Die Stiftung „Freiheit von der Religion“ buche Plakatflächen in mehreren Großstädten. Mit Slogans wie „Ich töte nicht. Ich stehle nicht. Ich glaube nicht.“ Oder: „Du glaubst nicht an Gott? Du bist nicht allein.“

Nun, unmittelbar vor dem offiziellen Beginn am 1. Oktober, rudern die Organisatoren zurück. „Wir haben Probleme mit den Plakatwänden“, gibt Stiftungsdirektorin Dorota Wojcik offen zu. „Die dazu beauftragte Agentur Modart Outdoor hat sich von der Aktion zurückgezogen, weil sie fürchten, mit der Aktion ihr Verhältnis zur Kirche zu beschädigen.“ Ursprünglich sollte die Kampagne in Lublin, Krakau, Tschenstochau, Warschau und anderen polnischen Städten laufen. Der Geschäftsführer der von Modart Outdoor bestreitet diese Erklärung. Er habe keine Angst vor Rufschädigung, betont er, es sei lediglich vertraglich nicht alles so korrekt gelaufen zwischen der Stiftung „Freiheit von der Religion“ und seiner Agentur, wie es eigentlich vereinbart gewesen sei. In den polnischen Medien wird vermutet: Den bekennenden Atheisten, die vor einem Monat noch um Spenden und finanzielle Unterstützung baten, fehlt es an Geld. Die Bekanntgabe der Kampagne hat nicht die gewünschte monetäre Mobilmachung bei Kirchenkritikern ausgelöst. Das dürfte auch die Erklärung sein, wieso bislang keine andere Agentur als Ersatz für Modart Outdoors eingesprungen ist. Trotz der garantierten Aufmerksamkeit. Dorota Wojcik will aber nicht aufgeben. „Am 16. Oktober werden wir unsere Aktion mit Verspätung starten“, verkündet die Vorsitzende, die Mitglied der liberalen Palikot-Partei ist, trotzig. Ein Datum, das zwar provozierend klingt, ist es doch der Tag der Wahl von Karol Wojtyla zum Papst, jedoch unabhängig vom Finanzloch wenig Erfolgsaussichten besitzen dürfte. In Lublin, wo die Stiftung ihren Sitz hat, ist die atheistische Kampagne durch die Intervention von regionalen Politikern jedenfalls verboten worden. Auch in anderen Städten regt sich Widerstand. Viele katholische Gruppen, wie die Bewegung „Contra in-Vitro“ haben Demonstrationen gegen die Atheisten angekündigt. Ein Beweis, dass es sich kirchlicherseits immer lohnt, gegen aggressiv bis trivial anmutende Attacken zu protestieren. Die Präsenz der Religion im öffentlichen Raum also nicht aus Bequemlichkeit aufzugeben.

Wie nötig dies im katholischen Polen ist, zeigt sich gerade auch durch die zunehmende Diskriminierung der Gläubigen im Magazin „Newsweek“, das der Star-Journalist Tomasz Lis herausgibt. Lis ist eine Art Günther Jauch Polens mit eigener Talk-Show, allerdings mit unverhohlener Katholizismus-Allergie. War es vor einem Jahr der Fall des Satanisten Nergal, der von „Newsweek“ mit skandalösen Titelgeschichten gefördert wurde, so richten sich die Angriffe in diesem Jahr direkt gegen Geistliche. Vor einem Monat hieß das Titelthema „Mein Vater, der Priester“. Auf der aktuellen „Newsweek“-Ausgabe sind zwei sich küssende Priester abgebildet. Titel: „Kirche verdammt Schwule, aber duldet Homopriester“. Der Redakteur Tomasz Rozek von dem Kirchenmagazin „Gosc“ blickt mit Sarkasmus auf diese Entwicklung. „In der Newsweek-Ausgabe über Priesterväter steht, dass 60 Prozent der polnischen Priester ein Verhältnis mit einer Frau haben. In der Homo-Titelgeschichte steht, dass 30 Prozent der Priester schwul sind. Jetzt bin ich gespannt, was Tomasz Lis zu den restlichen zehn Prozent des Klerus einfällt.“

Dem langjährigen polnischen „Newsweek“-Journalisten Szymon Holownia, der sich selbst als „liberaler Katholik“ bezeichnet, fällt zu dem antikirchlichen Kurs des Herausgebers Tomasz Lis jedenfalls nichts mehr ein. Er hat seine Stelle gekündigt, weil er diese antikirchliche Propaganda nicht mehr aushalte. Das habe, so Holownia, nichts mehr mit kritischem Journalismus zu tun. Soviel Zivilcourage wünscht man sich auch in Westeuropa.

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