Asyl und Spionage im Gästehaus

„Casa Santa Marta“: In den Jahren 1941 bis 1945 waren im vatikanischen Gästehospiz zunächst die Botschafter der Alliierten, dann die Diplomaten der Achsenmächte untergebracht. Von Ulrich Nersinger
Foto: KNA | Heute: Der Wohnsitz des Papstes, wie wir ihn kennen.
Foto: KNA | Heute: Der Wohnsitz des Papstes, wie wir ihn kennen.

Heute ist das vatikanische Gästehaus, das „Domus Sanctae Marthae“, vor allem als Wohnsitz von Papst Franziskus bekannt. Johannes Paul II. hatte Anfang 1992 entschieden, das alte Hospiz des Vatikans, das auf eine Gründung Leos XIII. (1878–1903) zurückging, abreißen zu lassen und einen Neubau anzuordnen. Es sollte erneut als Gästehaus zur Verfügung stehen, aber auch Bedienstete der Römischen Kurie als Dauermieter aufnehmen – und vor allem bei einem Konklave den Kardinälen als Unterkunft dienen. So wie die „Casa Santa Marta“ als neue Residenz des Heiligen Vaters Papsthistorie schreibt, so hat auch der Vorgängerbau seine Spuren in der Geschichte hinterlassen.

In den Lateranverträgen von 1929 hatte das Königreich Italien feierlich erklärt, dass der Vatikan für ausländische Diplomaten, die beim Heiligen Stuhl akkreditiert sind, in Rom ein Wohnrecht besitze, da es auf dem Territorium des Vatikanstaates nicht genug Möglichkeiten gab, eine so große Anzahl von Diplomaten unterzubringen. Im Artikel 12 des Vertragswerkes hieß es: „Die Gesandten der auswärtigen Regierungen beim Hl. Stuhl genießen im Königreich auch weiterhin alle Vorrechte und Immunitäten, die den diplomatischen Vertretern nach dem internationalen Recht zustehen, und ihre Residenzen können nach wie vor auf italienischem Gebiet verbleiben. Sie genießen die ihnen nach dem internationalen Recht zustehende Immunität, auch wenn ihre Staaten keine diplomatischen Beziehungen mit Italien unterhalten.“ Doch die Regierung des Duce weigerte sich, dieser völkerrechtlich abgesicherten Vereinbarung nachzukommen. Mit dem Eintritt Italiens in den Zweiten Weltkrieg zogen daher die diplomatischen Vertretungen der Allierten, an ihrer Spitze diejenigen Frankreichs, Großbritanniens und Polens, in den Vatikan, und zwar in das Hospiz Santa Marta.

Als im Dezember 1941 Italien den Vereinigten Staaten von Amerika den Krieg erklärte, sah sich auch die Vertretung der USA gezwungen, den Boden des Königreiches Italien in Richtung Vatikan zu verlassen. Nach ihrem Kriegseintritt gelang es den Amerikanern unter Anwendung des entsprechenden Druckes, eine Reihe lateinamerikanischer Staaten davon zu überzeugen, sich dem Kampf gegen das deutsch-italienisch-japanische Bündnis anzuschließen. Es handelte sich um Bolivien, Brasilien, Kolumbien, Kuba, Ecuador, Peru, Uruguay und Venezuela. Deren Vertreter mussten nun auch in die Vatikanstadt übersiedeln. Mit dem Eintreffen acht weiterer Gesandtschaften stellte der Heilige Stuhl ein weiteres Gebäude für die Unterbringung der Diplomaten und ihrer Familien bereit: den Palazzo del Tribunale, den Gerichtspalast des Kirchenstaates. Entgegen internationaler Gepflogenheiten wurde es den alliierten Diplomaten auf Anordnung der italienischen Regierung untersagt, vatikanisches Staatsgebiet zu verlassen. Die Vertreter der Achsenmächte und der neutralen Staaten hingegen hatten freien Zugang zum Kirchenstaat. Hierdurch konnten die lateinamerikanischen und andere alliierte Diplomaten mit ihren Kollegen Informationen austauschen und Nachrichten von ihren noch in Rom lebenden Freunden erhalten. Die Lateinamerikaner unterhielten vor allem Kontakte zu den neutralen Vertretern Spaniens und Portugals. Ebenso konnten sie zu den Vertretungen Argentiniens und Chiles in Verbindung treten, die sich in dem Konflikt als neutral erklärt hatten.

Der Großteil der vatikanischen Würdenträger, an ihrer Spitze der Papst, war in dieser bewegten Zeit antifaschistisch eingestellt. Doch gab es im Schatten von St. Peter auch Männer, die dem Regime gegenüber freundlich, ja favorisierend gesinnt waren. Zu ihnen gehörte Kardinal Nicola Canali, der Präsident der Päpstlichen Kommission für den Staat der Vatikanstadt. Zudem war es Agenten Mussolinis gelungen, die Polizei des Papstes zu infiltrieren. Einer von ihnen, Giovanni Fazio, wurde Chef der „Sezione Speciale“, einer kleinen Einheit von Gendarmen, die in Zivil als eine Art Staatspolizei des Vatikans agierte. Giovanni Fazio – alias „Tassara“ – wird im Verzeichnis der Agenten der „OVRA“, der politischen Polizei Mussolinis, unter dem Sigel „751“ geführt. Seit Beginn der Dreißiger Jahre observiert er für seinen außervatikanischen „Dienstherrn“ bekennende Antifaschisten im Umfeld des Heiligen Vaters, so den Direktor des „Osservatore Romano“, Graf Giuseppe Dalla Torre. Ausgerechnet Giuseppe Fazio zeichnet nun für die Überwachung des Palazzo Santa Marta und der ausländischen Botschafter verantwortlich. Beschwerden der Diplomaten und ihm zugespielte Informationen über die Beziehungen des Gendarmerieoffiziers zu den italienischen Diensten ermöglichen es dem Päpstlichen Staatssekretariat, hier konkret in der Person von Monsignore Giovanni Battista Montini, dem Treiben Fazios dann doch Einhalt zu gebieten. Montini, der spätere Papst Paul VI., gehört dem Lager der Gegner des Faschismus an; er befiehlt einem Gendarmen seines Vertrauens, Anton Call, alle Rapporte, die Santa Marta betreffen, direkt an ihn weiterzuleiten. Als Giovanni Fazio weiter sein doppeltes Spiel trieb und Call massiv behinderte, gelang es Monsignore Montini, Kardinal Canali zu zwingen, den Handlanger Mussolinis aus dem Dienst der Gendarmerie zu entfernen. Der Spion musste den Vatikan verlassen. In einem Brief, datiert vom 29. Februar 1942, klagte er dem Duce sein Leid und bekannte sich als langjähriger und glühender Faschist.

Ein Beispiel für die akribische Arbeit der „Sezione Speciale“ zur Überwachung der Gesandten zeigt ein Rapport vom 22. April 1942 zu den Aktivitäten des US-Diplomaten Harold Tittmann: So wird für die Zeit von 17.00 bis 18.15 Uhr ein Besuch von P. Vincent McCormick, einem amerikanischen Jesuiten, der in der Generalkurie seines Ordens tätig ist, bei Tittmann vermerkt. In der darauf folgenden halben Stunde, so notiert der Bericht, habe sich P. Emmanuel Mistiaen, ein belgischer Jesuit und Mitarbeiter von Radio Vatikan, im Appartement des Amerikaners aufgehalten. Von 18.45 bis 20.00 Uhr hätten Harold Tittmann und Pater Mistiaen, begleitet von der Ehegattin des Diplomaten, die Vatikanischen Gärten zu einem Spaziergang aufgesucht. Der Sekretär des Vertreters der USA sei von 10.45 bis 13.15 Uhr und von 16.40 bis 19.45 Uhr in seinem Büro im Palazzo Santa Marta gewesen.

Anfang Juni 1944 zogen die Deutschen aus Rom ab. Nachdem die alliierten Truppen die Ewige Stadt befreit hatten, waren es nun die Diplomaten der Achsenmächte, die im Vatikan Zuflucht suchten. Der Papst, der an seinem verbrieften Recht der Souveränität und Neutralität festhielt, bot nun diesen dasselbe Privileg an und nahm sie innerhalb des Vatikanstaates auf. Die Diplomaten Deutschlands, Japans, Ungarns, Rumäniens, Finnlands und der Slowakei nahmen das Angebot von Pius XII. an und bezogen im Juni 1944 das Hospiz von Santa Marta und den Palazzo del Tribunale. Sie durften ihren Zufluchtsort erst verlassen, nachdem die alliierten Mächte dem Papst die notwendigen Garantien gegeben hatten, dass die Diplomaten freies Geleit für eine Reise in ihre jeweiligen Länder erhielten.

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