Bildungsmisere

Anstatt freies Denken zu lehren, werden Denkmustern vorgegeben

Nicht mehr die Vernunft scheint in der Gesellschaft zu zählen, sondern Verklärung und Emotionen. Das scheint Grundlage dessen zu sein, was man sich seitens der regierenden Parteien als „Bildung“ vorstellt.
Bildungsticket Sachsen vorgestellt
Foto: dpa | Ein Ticket zu benutzen, mit dem man als Schüler oder Student öffentliche Verkehrsmittel billiger benutzen kann, ist eine Sache. Wirkliche Bildung zu erwerben, eine andere.

Freiheit und Verantwortung sind essentiell für eine aufgeklärte Gesellschaft. Doch was meint Aufklärung? Eben diese Frage versuchte Immanuel Kant bereits 1784 mit einem Essay zu beantworten. Obwohl seine Antwort weltbekannt ist, hier zur Erinnerung der genaue Wortlaut eines häufig zitierten Satzes: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, weil der Mensch faul und feige sei, so Kant.

Daher spielt Geld auch eine wichtige Rolle. „Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann“. Dass es Dienstleiter, Berater und Coaches für fast jeden Aspekt des Lebens gibt, spielt der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ in die Hände – trotz der Vorteile, die sie bieten, wie etwa eine zeitliche Entlastung oder grundsätzliche Erleichterung des Lebens. Von der Typberatung über den Lebensberater bis hin zum Ghostwriting. Scheitert man, hat man sich wenigstens nicht die Hände schmutzig gemacht.

„Während mehr und mehr Schüler an die Schulen strömen,
mangelt es zunehmend an Lehrpersonal“

Ein konkretes Beispiel für die „selbstverschuldete Unmündigkeit“: Lebt ein Ehepaar eher nebeneinander statt miteinander? Kein Problem. Der Eheberater richtet es in den wöchentlichen Sitzungen. Er gibt Hilfestellungen und praktische Tipps. Selbstständig die Initiative zu ergreifen, gar aufkommende Probleme eigenständig zu lösen, bleibt für beide Ehepartner unnötig. Sollte im schlimmsten Falle die Ehe auseinander gehen, können beide Partner aufatmen. Der Eheberater war inkompetent. Eine Niete eben. Er allein trägt die Verantwortung für das Scheitern der Ehe.

In diesem Zusammenhang erwähnenswert ist das Phänomen der „Adiaphorisierung“. Der polnisch-britische Soziologie und Philosoph, Zygmunt Bauman, führte es ein. Damit meint Bauman, dass die gesellschaftlichen Strukturen zu einer Verantwortungsdiffusion führen. Jeder ist von jedem in diesen Strukturen abhängig. Ergo, trägt niemand so richtig die Verantwortung, sowohl für Erfolge als auch Niederlagen.

Auch hierzu ein Beispiel: Der Eigentümer eines Unternehmens beauftragt einen seiner CEOs Mitarbeiter zu entlassen. Hierfür solle der CEO eine Beraterfirma anheuern. Auf Nachfrage der betroffenen Mitarbeiter, wer für ihre Entlassung zuständig sei, schieben sich beide Parteien den schwarzen Peter zu. Der CEO bekräftigt, diese Entscheidung liege außerhalb seines Radius, schließlich führe er nur die Empfehlungen der Beraterfirma aus. Die Firma hingegen weist auf den Auftrag hin, Mitarbeiter zu entlassen. Im Endeffekt fühlen sich weder Unternehmen noch Beraterfirma für den beruflichen Todesstoß verantwortlich.

Bildung ist zum Konsumgut avanciert

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Sowohl die Natur des Menschen (Kant) als auch die gesellschaftlichen Strukturen (Bauman) fördern demnach die „selbstverschuldete Unmündigkeit“. Dieses Wechselspiel von Umwelt und Mensch verstärkt das hiesige Bildungssystem. Zwei Faktoren spielen eine entscheidende Rolle. Auf Schüler- und auf Lehrerseite.

Weil Bildung irrtümlicherweise noch immer als das Allheilmittel gegen Armut und Aufklärung angepriesen wird, drängen sich mehr und mehr Schüler in höhere Bildungseinrichtungen. Während im Jahr 2009 32, 3 Prozent eines Geburtsjahrgangs in Deutschland die allgemein Hochschulreife erreichten, waren es im Jahr 2019 bereits 40, 2 Prozent. Dreißig Jahre früher (1989) betrug der Anteil der Abiturienten sogar nur 22, 2 Prozent. So die Zahlen laut dem Online-Portal Statista aus dem Jahr 2009.

Während mehr und mehr Schüler an die Schulen strömen, mangelt es zunehmend an Lehrpersonal. Die Stunde der Quereinsteiger schlägt. Laut Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2019 machen Quereinsteiger in Sachsen ganze 50, 2 Prozent, in Berlin nicht weniger beachtliche 40, 1 Prozent aus. In der Bundeshauptstadt reicht sogar ein einwöchiger Crashkurs aus, bevor die „bestens ausgebildeten“ Quereinsteiger“ auf die Kinder losgehen können. Ob mit Quereinsteigern das Lehrniveau gehalten werden kann? Fraglich.

Entspricht die Quantität einer guten Qualität?

Dieses Mehr betrifft nicht nur die Abschlüsse der Hochschulreife, des Bachelors oder Masters, sondern erweitert sich auf den Doktor- und Professorentitel. Wie man gedankenlos Fernsehserien auf Netflix guckt (Binge-Watching) oder das Flair einer Stadt während eines Wochenendtrips erhascht (Binge-Travelling), genauso kopflos liest man Thomas Manns „Der Zauberberg“ oder besucht Mozarts „Le nozze die Figaro“ in der Mailänder Scala.

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Bildung ist endgültig zum Konsumgut avanciert. Das Credo lautet auch in der Bildung „Masse statt Klasse“. Das Gymnasium ist schon seit Jahrzehnten keine Ausleseschule mehr, die Universität noch weniger eine Bildungsanstalt. Schweigend akzeptiert man die bereits abgedroschene Phrase: „Wir müssen die Schüler dort abholen, wo sie stehen“. Nicht die Leistungsfähigsten, gar den Durchschnitt fördert man. Die Schwächsten geben heute den Ton an.

Das führt zu folgendem Paradoxon: Die Gesellschaft produziert Ausgebildete, aber nicht Gebildete; Wissende, aber Unfähige, wenn es um die richtige Anwendung des Wissens auf das Leben und den Regeln der Logik geht. Nicht mehr die Vernunft und ihr Grundstein, das Sachargument, zählen, sondern Ideologien und Emotionen. Der Sozialpsychologe Erich Fromm sprach bereits vom „halbgebildeten Spezialistentum“. Heute müsste es richtigerweise „ungebildetes Spezialistentum“ heißen.

Die Bildungslücke wird mit Ideologie gefüllt

Anstatt diese Bildungslücke durch selbstständiges Denken, also Aufklärung, zu füllen, wird Füllmaterial geliefert. So erhalten zum Beispiel Schüler die Hausaufgabe genaustens zu protokollieren, wie umweltbewusst und nachhaltig die Familie lebt. Dementsprechend sollen die Schüler den elterlichen Kühlschrank inspizieren und detailliert Protokoll über die gekauften Produkte führen.

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit sieht in solchen Aufgaben offensichtlich genau seinen Bildungsauftrag: „Es gehört zu den Aufgaben des Staates, in Verantwortung für die zukünftigen Generationen die natürlichen Lebensmöglichkeiten zu schützen“. Das ist grotesk. In erster Linie gehört es zu den Aufgaben des Staates seine Bürger zu eigenständig denkenden Bürgern zu erziehen.

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