Annäherungen an den Radius der Wahrheit

Ein neuer Polonius Fischer-Roman von Friedrich Ani

Lichtenberg in Oberfranken. Am 7. Mai 2001 wird die neunjährige Peggy Knobloch aus Lichtenberg auf dem Heimweg von der Schule zum letzten Mal gesehen. Die polizeiliche Suche nach dem Mädchen bleibt erfolglos. Im August 2003 wird ein 23-jähriger, geistig zurückgebliebener Gastwirtssohn festgenommen und am 7. Oktober in einem Indizienprozess zu einer lebenslangen Haftstrafe und Unterbringung in einer Psychiatrischen Anstalt verurteilt. Bis heute wurde Peggys Leiche nicht gefunden, ihr Schicksal ist noch immer ungeklärt.

Das sind die dürren Fakten eines realen Falles, der den Kriminalschriftsteller Friedrich Ani seit Jahren beschäftigt und den er seinem jetzt erschienenen Roman „Totsein verjährt nicht“ zugrunde gelegt hat.

Scarlett Peters, wie das Mädchen im Roman heißt, ist neun Jahre alt, als sie am 8. April 2002 auf dem Heimweg von der Schule im Münchner Stadtteil Ramersdorf verschwindet, fünf Minuten von ihrem Zuhause entfernt. Sie winkt wie jeden Tag dem Busfahrer Kurt Hochfellner zu, danach wird sie nicht mehr gesehen – weder lebendig noch tot.

Drei Jahre später wird der 24-jährige, nach einer frühkindlichen Hirnhautentzündung auf der Entwicklungsstufe eines Zehnjährigen stehengebliebene Jonathan Krumbholz, genannt Jockel, wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Er war kurz nach dem Verschwinden des Mädchens befragt worden und hatte ein Geständnis abgelegt, das er kurz darauf widerrief. Nach Meinung des psychiatrischen Sachverständigen entsprach das Geständnis jedoch der Wahrheit.

Der junge Mann kannte Scarlett, sie kam öfter zum Spielen zu ihm. Und angeblich hatte er sich mehrmals vor Kindern entblößt, war also sexuell auffällig geworden.

Kriminalkommissar Polonius Fischer, ehemaliger Mönch mit eigenwilligen Methoden und den Lesern Friedrich Anis aus „Idylle der Hyänen“ und „Hinter blinden Fenstern“ wohlbekannt, war der damalige Leiter der Sonderkommission Scarlett Peters und nicht von Jockels Schuld überzeugt, er hielt ihn für einen Sprücheklopfer und Geschichtenerzähler, der alles gesteht, wenn man nur lange genug auf ihn einredet. Diese Haltung gefiel nicht allen – Polonius Fischer wurde nach einer Eingabe des Innenministers von der Leitung der SOKO enthoben und Jockel Krumbholz zur Verbüßung seiner Strafe in die psychiatrische Klink eingewiesen.

Sechs Jahre nach dem Verschwinden Scarletts und drei Jahre nach der Verurteilung ihres vermeintlichen Mörders nimmt Polonius Fischer nach einem Hinweis die Ermittlungen wieder auf – ein ehemaliger Mitschüler glaubt, das Mädchen in München gesehen zu haben.

Der Kommissar braucht dringend Ablenkung von dem schweren Schicksalsschlag, der ihn getroffen hat – seine Lebensgefährtin ist in ihrem Taxi überfallen und sehr schwer verletzt worden, sie liegt im Koma –, und so verbeißt er sich wie ein Kampfhund in die magere Hoffnung, Scarlett könne noch am Leben sein.

Dieser Fall bringt den verstörten Kommissar buchstäblich an den Rand des Wahnsinns, seine engsten Vertrauten zweifeln an ihm und fürchten um seinen Verstand – und er selbst in seinen hellsichtigen Momenten auch. Er will begreifen, was damals geschehen ist und das Mädchen finden, wenn nicht lebendig, so wenigstens ihre Leiche.

Sein privates Leiden und seine Schuldgefühle vermischen sich mit dem ungeklärten Fall, er sieht sich als zweifacher Versager – konnte seine Freundin nicht beschützen und hat vor sechs Jahren zu schnell aufgegeben. Das, was ihn vorantreibt, ist die irrwitzige Überzeugung, dass die Freundin aus dem Koma zu ihm zurückfindet, wenn er Scarletts Verschwinden aufklärt.

Die seelischen Monster in ihrer gnadenlosen Kälte und Gleichgültigkeit, mit denen er sich bei seinem zunehmend privater werdenden Feldzug gegen das Böse auseinandersetzen muss, fordern viel vom Leser. Wie Polonius Fischer bei allem existenziellen Schmerz dabei nicht das ihm innewohnende Gottvertrauen verliert, auch wenn er „sich manchmal wie ein Gyrovage vorkam, wie einer jener umherziehenden Mönche auf der Suche nach dem einen Ort ihrer Bestimmung“, berührt zutiefst.

Er lässt uns in seine Seele und in seine Vergangenheit blicken, in die als schuldhaft empfundene Verstrickung des kleinen Polonius in den Tod seiner Mutter, sein letztendliches Scheitern als Mönch im Kloster. Und wir erfahren einiges über sein Lebensthema, das Schweigen – das gute, Kierkegaard zitierende „nur wer wesentlich schweigen kann, kann wesentlich reden“ und das ungute, in das er sich zurückzieht, als er nicht mehr weiter weiß: „Das ist, als hätte dich jemand im Weltall ausgesetzt und dein Atem bestünde aus Nägeln, und jeder Atemzug reißt noch tiefere Wunden in deine Einsamkeit. Das Schweigen Gottes, also das Schweigen der Liebe brachte mich fast um.“

Aber der Kommissar lernt das Reden wieder, am Krankenbett seiner Freundin. Er findet zurück zu sich selbst, denn „nur wer in sich selbst anwesend ist, ist anwesend in der Welt“. Und so klärt sich ganz am Ende des Buches der Nebel, und der Fall Scarlett Peters findet eine bittere Auflösung.

Für Polonius Fischer sind Ermittlungsergebnisse, Beweise und Geständnisse „nichts weiter als Annäherungen an den Radius der Wahrheit“, die ausreichen, einen Verdächtigen zu überführen und anzuklagen.

„Vor dem jedoch, was wirklich in dem einen Moment geschieht, der die Welt aller Beteiligten für alle Zeit verändert, versagt die Leuchtkraft der Beweise.“

„Totsein verjährt nicht“ ist ein weiterer großer Kriminalroman von Friedrich Ani, der dem Leser nicht nur spannungsreiche Unterhaltung bietet, sondern ihn einmal mehr mit den wesentlichen Fragen unserer Existenz konfrontiert.

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