Anmutig die Augen gesenkt

Eine Schau der Superlative: „Gesichter der Renaissance“ im Berliner Bode-Museum. Von Ingo Langner
Foto: Museum | Filippo Lippi Bildnis eines Mannes und einer Dame, um 1440.
Foto: Museum | Filippo Lippi Bildnis eines Mannes und einer Dame, um 1440.

Zuerst die wirklich guten Nachrichten. Die derzeit in Berlin gezeigten Meisterwerke italienischer Porträtkunst sind in dieser Zusammenschau noch niemals zuvor präsentiert worden. Wem die Namen Leon Battista Alberti, Gentile Bellini, Sandro Botticelli, Domenico Ghirlandaio, Leonardo da Vinci, Filippo Lippi, Andrea Mantegna oder Antonio del Pollaiolo etwas sagen, wer deren ausnahmslos großartige Gemälde, Zeichnungen, Medaillen und Büsten schätzt und aus unmittelbarer Nähe in Augenschein nehmen möchte, denn genau das ist in Berlin möglich, der sollte sich auf den Weg ins Bode Museum machen, wo die Ausstellung „Gesichter der Renaissance“ noch bis zum 20. November zu sehen ist.

Den Aussagen der hauptverantwortlichen Ausstellungsmacher Michael Eissenhauer (Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin), Thomas P. Campbell (Direktor des Metropolitan Museum of Art, New York) und Bernd W. Lindemann (Direktor der staatlichen Berliner Gemäldegalerie und Skulpturensammlung) zufolge, stand bei der Auswahl der Exponate die Idee im Mittelpunkt, „die vorherrschenden Konventionen und entscheidenden Neuerungen einer mehr als acht Jahrzehnte umspannenden Zeitspanne herauszustellen“.

Die Werbung verfehlt die großartige Ausstellung

Um der geographischen, politischen und kulturellen Komplexität Italiens im 15. Jahrhundert gerecht zu werden, ist die Ausstellung in drei klar umrissene thematische Sektionen gegliedert. Beginnend in Florenz, richtet sich der Blick anschließend auf die Fürstenhöfe von Ferrara, Mantua, Bologna, Mailand, Urbino, Neapel, Venedig und auf das päpstliche Rom.

Schon allein wegen Leonardo da Vincis „Dame mit dem Hermelin“, ein Porträt der Cecilia Gallerani, gemalt in den Jahren 1489/90, aus dem Besitz der Prinz Czartoryski Stiftung, die im Krakauer Nationalmuseum „zuhause“ ist, lohnt sich der Weg an die Spree. Ist es doch ein Gemälde, das mancher Leonardo-Verehrer für noch bedeutender hält als dessen weltberühmte Mona Lisa, und für manche ist es das wertvollste Gemälde auf polnischem Boden.

Aber auch wegen Donatellos „Büstenreliquiar des heiligen Rossore“. Donatello hat dieses Meisterwerk, das den Schädel des heiligen Rossore zeigt, eines christlichen Soldaten, der sein Martyrium vermutlich unter Kaiser Diokletian erlitten hat, um 1425 nicht wie bis dahin üblich in getriebenem Silber gearbeitet, sondern in Bronze gegossen und danach ziseliert, graviert und vergoldet. Wie schon bei seinem „Jeremias“, einer Statue für den Campanile des Florentiner Doms, gelang es Donatello auch hier, über die bis dato scheinbar festgefügten Grenzen des Materials hinaus, die bis heute Entzücken hervorrufende Anmutung eines Lebenden zu schaffen.

Oder wegen Giovanni Bellinis „Porträt des Fra Teodoro von Urbino als heiliger Dominikus“, das einen Mönch im schwarzen Kapuzenmantel seines Ordens vor einem grünen Vorhang mit einem Muster aus Margeritenranken und kleinen roten und weißen Blumen zeigt und kunstgeschichtlich deswegen interessant ist, weil bislang nicht endgültig geklärt werden konnte, ob Bellini „nur“ ein Heiligenbild malen wollte oder das Porträt einer realen Person, in diesem Fall des Fra Teodoro in der Pose eines berühmten Heiligen.

Der Ausstellungsbesuch lohnt sich darüberhinaus auch deshalb, weil die etwa einhundertsiebzig Exponate aus den Beständen der Berliner Staatlichen Museen, dem New Yorker Metropolitan Museum in New York, den Florentiner Uffizien, dem Pariser Louvre, der Londoner National Gallery und rund fünfzig anderen, auch privaten Leihgebern, die Gegenüberstellungen und Vergleiche möglich machen, die so nur dann wieder möglich sein werden, wenn die Ausstellung Anfang 2012 in New York gezeigt wird.

Nirgendwo sonst werden alle drei Porträts präsentiert, die Sandro Botticelli von Giuliano de'Medici gemalt hat, und die in gleichbleibender Pose, aber vor wechselndem Hintergrund den am 26. April 1478 bei der Verschwörung der Pazzi im Florentiner Dom ermordeten Giuliano zeigen. Unter Kunsthistorikern umstritten ist die Frage, ob die ungewöhnliche Ikonographie, Giuliano schlägt auf allen Tafelbildern demonstrativ und zugleich höchst anmutig die Augen nieder, eine auf seinen gewaltsamen Tod hindeutende Bildfindung ist oder ob Giuliano de'Medici diese Pose noch zu Lebzeiten selbst in Auftrag gab, um seiner Trauer über den Tod der platonisch verehrten Simonetta Cattaneo Vespucci beredten Ausdruck zu verleihen

Auf Sandro Botticellis „Porträt einer Dame“ trägt eben diese engelhaft blondgelockte und atemberaubend schön gemalte Simonetta Vespucci an einer feinen mehrgliedrigen Goldkette ein Medaillon, von dem der Betrachter vermuten kann, dass die darauf befindliche Figurengruppe auf einen möglicherweise antiken Mythos verweist. Kunstfreunde werden die Beglückung ermessen, die den Betrachter ergreift, wenn er in der Berliner Ausstellung gleich links neben Botticellis Tafelbild eine Medaille entdeckt, auf der just dieselbe Szene aus einem antiken Mythos dargestellt wird. Eine Szene, die übrigens auf den musischen Wettstreit zwischen dem Gott Apollon und dem Satyr Marsyas verweist und – Antikenkenner wissen das – fatalerweise mit der Häutung des unterlegenen Satyr endet. Götter herauszufordern, endet für Sterbliche in aller Regel mit einem Fiasko. Was den sogenannten alten Griechen wohlvertraut war. Womit wir bei den weniger guten Nachrichten angelangt wären.

Wie schon im Ausstellungstitel deutlich wird, werden Gesichter der Renaissance gezeigt. Folgt man dem Kulturgeschichtler Egon Friedell, dann bestand „der Gedanke“ dieser Epoche darin, dass der Mensch erkannte – „oder vielmehr zu erkennen glaubte, dass er ein gottähnliches schöpferisches Wesen, ja selbst eine Art Gott sei. Es ist der uralte Prometheusgedanke, der sich hier mit neuer Kraft Bahn bricht. Und die Formel, unter der er sich äußerte, lautet: „Rückkehr zur Antike“. Nicht nur Friedell fragt sich, „wie war es einem Volk möglich, gerade in dem Augenblick, wo ein neuer Lebensstrom durch seine Kultur ging, auf den Einfall zu kommen, eine andere, längst versunkene Kultur nachzuahmen?“ Vor und nach ihm haben zahlreiche andere Denker diese Frage auch gestellt und sind, je nach eigenem Standort, geistigem Horizont und gesellschaftspolitischen Absichten, zu oft genug sehr unterschiedlichen Antworten gelangt.

Für die geistigen Vorbereiter und ideologischen Nachlassverwalter der Französischen Revolution war die Renaissance der erste gewichtige Schritt weg von der alles beherrschenden römisch-katholischen Kirche und hin zu einem säkularen, atheistisch getönten „Humanismus“. Heutige wiederum stellen manche dieses Geschichtsbild deswegen in Frage, weil sich der angebliche Bruch mit dem Mittelalter – dessen gedankliche Tiefe und staunenmachende Glaubensinbrunst im 19. Jahrhunderts dann auch noch zu einem „dunklen Zeitalter“ verfälscht worden ist – weniger radikal vollzog, als lange Zeit angenommen. Und mit dem „Census“ existiert an der Berliner Humboldt-Universität, mithin in unmittelbarer Nachbarschaft vom Bode Museum, sogar ein kulturwissenschaftliches Forschungsprojekt, das sich ausdrücklich mit dem Nachleben der Antike in der Renaissance befasst und bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg am Londoner Aby Warburg-Institut ins Leben gerufen worden ist.

Fragen gäbe es also genug. Antworten auch. Doch die werden innerhalb der Ausstellung oder in ihrem unmittelbaren Umfeld oder im Katalog nicht einmal angedeutet. Als ob das nicht schon unverständlich genug wäre, bewirbt das Bode Museum die Schau auch noch mit einem Videoclip, in dem unter den Stichworten „Hochgesteckt. Feingemacht. Durchtrainiert. Die Renaissance bringt sich in Form“ ein langes blondes Frauenhaar hochwirbelnder Fön und ein Bodybilder in Rückenansicht und ein paar angeblich dazu passende Ausstellungsexponate gezeigt werden. Ja, man scheut nicht einmal davor zurück, in Begleitprogrammen sogenannte „Styling-Experten“ wie Udo Walz oder Wolfgang Joop zu Wort kommen zu lassen. Wen immer man mit dieser Verbeugung vor einem dumpfsinnigen Zeitgeist anlocken will, die Freunde des Wahren, Guten und Schönen sind es wohl nicht. Doch die werden, jenseits von Marketing und der vom Bode Museum verschmähten inhaltlichen Diskussion über das Wesen der Renaissance, durch die Fülle der gezeigten Kunstwerke gleichwohl auf ihre Kosten kommen.

„Gesichter der Renaissance. Meisterwerke italienischer Porträt-Kunst“ im Bode Museum, geöffnet bis 20. November. Staatliche Museen zu Berlin, Am Kupfergraben 1, 10117 Berlin. Der Katalog zu Ausstellung ist im Hirmer Verlag erschienen für 47,50 EUR.

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