An der Quelle der modernen Musik

Melodik und Polytonalität: Zum 125. Geburtstag des Komponisten Darius Milhaud, der die heutige Musikkultur beeinflusste. Von Barbara Stühlmeyer
Foto: IN | Bezeichnete sein Leben als glücklich: Der Komponist David Milhaud.
Foto: IN | Bezeichnete sein Leben als glücklich: Der Komponist David Milhaud.

Wer den Namen und die Musik von Darius Milhaud hört, würde nicht vermuten, dass dieser Komponist noch im 19. Jahrhundert, näherhin Anfang September 1892, geboren wurde. Seine ganz und gar nach vorne gerichtete Persönlichkeit ist vielmehr völlig im 20. Jahrhundert verwurzelt. Als Mitglied der aus Georges Auric, Louis Durey, Arthur Honegger, Francis Poulenc und Germaine Tailleferre bestehenden Groupe des Six lehnte er die romantische Musik, speziell die Musikauffassung- und Ästhetik Richard Wagners strikt ab. Seine jüdischen Eltern zogen den in Marseille zur Welt gekommenen Darius in Aix en Provence auf und beides, die jüdische Herkunft und seine Heimatregion prägten den Komponisten tief.

Die musikalische Begabung ihres Kindes entdeckten die Eltern früh und vermittelten ihm von seinem siebten Lebensjahr an systematischen Musikunterricht, zunächst in Violine, die er auch am Pariser Konservatorium zu studieren begann. Der junge Mann, dessen erste Kompositionsversuche ins Jahr 1905 zurückreichen, wechselte jedoch nach sechs Semestern ganz ins Kompositionsfach. Zu seinen Lehrern zählten neben André Gedalge und Vincent d' Indy auch der bedeutende Kirchenmusiker Charles-Marie Widor. Schon früh knüpfte der kommunikationsfreudige Musiker zudem Kontakte zu anderen jungen Komponisten wie Arthur Honegger und Jacques Ibert, die ebenfalls bei Gedalge studierten.

Milhauds im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts entstandene Lieder basieren auf den Werken französischer Dichter. Mit einem von ihnen, Paul Claudel, entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft. Claudel arbeitete zu dieser Zeit als französischer Botschafter in Brasilien und lud den vom Wehrdienst befreiten Milhaud ein, ihn als Attaché nach Südamerika zu begleiten. Für Milhaud wurde diese Tätigkeit zu einer musikalischen Entdeckungsreise, denn natürlich beschäftigte er sich während seines Aufenthaltes intensiv mit der brasilianischen Folklore und Popularmusik, die in seinem Werk hörbare Klangspuren hinterließen.

Wie bei allen Mitgliedern der Groupe des Six waren auch die Kompositionen Milhauds durchaus erfolgreich, lösten mitunter aber auch Skandale aus. Bedingt durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verlegte der inzwischen mit seiner Cousine Madeleine verheiratete Milhaud seinen Lebensmittelpunkt in die USA, wo er einen Lehrauftrag für Komposition am Mills College in Oakland erhielt. Nach dem Krieg blieb Milhaud in den USA, hielt sich aber aufgrund seines Unterrichts an der Kompositionsklasse am Konservatorium in Paris immer wieder in der französischen Hauptstadt auf. Die Liste seiner Schüler weist ein ebenso breites Spektrum an musikalischen Ausdrucksformen auf wie Mil-hauds Musik selbst. Ob Jazz, wie Dave Brubeck ihn bevorzugte, Minimal Music, wie Steve Reich sie schrieb, Sinfonik, die Alan Petterson komponierte, oder avantgardistische Klänge, wie wir sie von Karlheinz Stockhausen oder Iannis Xenakis kennen – sie alle haben ihre Wurzeln in Person und Werk von Darius Milhaud.

Sein Unterrichtsstil war, wie Burt Bacharach, ein in den USA sehr populärer Pianist und Komponist von Popsongs betont, stets ermutigend. Ihm, der aus einem ganz anderen Genre kam als die anderen Studenten Milhauds, einem, in dem Dissonanzen nicht zuhause waren, sagte sein Lehrer: „Hab keine Angst, etwas zu schreiben, an das die Leute sich erinnern und das sie mitpfeifen. Fühle dich nie unwohl mit einer Melodie. Tatsächlich unterscheidet Mil-hauds Musik sich von der anderer zeitgenössischer Komponisten wesentlich dadurch, dass auch er selbst sich nicht scheute, erinnerbare melodische Elemente in seine Kompositionen einzuflechten. Sein Sinn für Klangentwicklung prägt seine Werke ebenso wie sein Verzicht auf die formalen Techniken des strengen Tonsatzes. Innovativ ist seine Klangsprache hingegen im Bereich der Tonalität. Hier präferierte der gebürtige Franzose und Wahlamerikaner die Polytonalität, eine Kompositionstechnik, unter der man die Überlagerung mehrerer Tonarten versteht. Bi- oder Polytonalität ist ein typisches Stilmerkmal der Kompositionen Milhauds, der hier in den Spuren Igor Strawinskys wandelte, der diese Technik in seinem Le Sacre du Printemps einsetzte. Vielfältigkeit und Facettenreichtum schätzte Milhaud auch im Bereich der Rhythmik, in dem er ebenso wie auf dem Felde der Tonalität zum Stilmittel der Überlagerungen mehrerer verschiedener Rhythmen, der Polyrhythmik, griff. Als prägende Einflüsse auf seine Musik – Milhaud komponierte über 400 Werke in den Gattungen Sinfonie, Konzert, Kammermusik, Vokalmusik und Lied – benannte der Tonsetzer die Musik des Mittelmeerraumes. Angesichts seiner Distanz zum strengen Tonsatz liegt es nahe, dass er von der deutschen Kompositionskultur weniger beeindruckt war.

Stärker als andere Komponisten seiner Zeit beschäftigte sich Milhaud mit dem seinerzeit neu aufkommenden Jazz, der in vielen seiner Werke starke Spuren hinterließ. Hin und wieder widmete sich Darius Milhaud auch religiösen Themen wie beispielsweise in seiner Musik zum Ballet La création du monde (Die Erschaffung der Welt), das afrikanische Schöpfungsmythen thematisiert und in seiner Tonsprache von Maceo Pinkards 1922 uraufgeführtem Jazz-Musical Liza inspiriert ist. Bemerkenswert ist auch seine Beteiligung an dem Projekt Genesis Suite, an dem Darius Milhaud gemeinsam mit seinen Kollegen Arnold Schönberg, Nathaniel Shilkret, Alexandre Tansman, Mario Castelnuovo-Tedesco, Ernst Toch und Igor Strawinsky arbeitete. Jeder der Komponisten übernahm einen Teil der Suite, die die Sätze Prelude, Creation, Adam und Eve, Cain und Abel, The Flood, The Covenant und Babel umfasst. Milhaud zeichnet für den Teil Cain und Abel verantwortlich, der für Sprecher und Orchester konzipiert ist. Es ist interessant, dass die besten Komponisten ihrer Generation sich zu einem solchen Projekt zusammenschlossen und die Wahl des Sujets unter anderem auch damit begründeten, dass sie sich von einem biblischen Thema eine breite Rezeption und gute Verkaufszahlen erhofften. Gemeinschaftsprojekte blieben ein Thema für Darius Milhaud, der 1939 gemeinsam mit Arthur Honegger und Roger Désormiere die Filmmusik zu Calvalcade d'amour schrieb, bei der jeder der Komponisten einen der drei dargestellten Charaktere musikalisierte und Milhaud den Soundtrack zum Leben des aus seiner französischen Heimat stammenden Troubadours René d'Anjou beisteuerte.

Milhaud gehört zu jenen glücklichen Komponisten, deren Werk sich schon zu Lebzeiten allgemeiner Anerkennung erfreut. Davon zeugt unter anderem seine Mitgliedschaft in der American Academy of Arts and Sciences, der Académie des Beaux-Arts und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Milhaud selbst hat sein Leben als geglückt erlebt, nannte er seine zunächst unter dem Titel „Noten ohne Musik“ erschienene Biografie später „Mein glückliches Leben“.

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