Amerika streitet über ein Wort

„Huckleberry Finn“ wird umgeschrieben. Von Alexander Riebel

„Der Unterschied zwischen einem fast richtigen Wort und einem richtigen Wort ist der Unterschied zwischen einem Leuchtkäfer und dem Leuchten“, schrieb einst der amerikanische Schriftsteller Mark Twain und schuf damit ein geflügeltes Wort für nachfolgende Autoren und Herausgeber. Jetzt ist aber Twain selbst zum Gegenstand von Überlegungen über diesen Unterschied geworden, oder wie es in der hitzigen Debatte amerikanischer Medien heißt, eines Sturms ständig gespitzter Lippen. Das „N-Wort“, wie es viele Zeitungen schlicht nennen, um das Wort Nigger zu vermeiden, soll jetzt in einer neuen Ausgabe der „Abenteuer des Huckleberry Finn“ durch Sklave ersetzt werden. Der Herausgeber, Alan Gribben, stößt sich daran, dass das Wort Nigger in dem Roman immerhin 219 Mal vorkommt. Täglich gibt es nun Artikel in den Medien von Befürwortern und Gegnern dieser Änderung.

So schreibt etwa Boyce Watkins bei CNN-Online, Gründer der „Black World Coalition“ und Autor des Buchs „Black American Money“, Gribbens Vorhaben sei keine Zensur, wenigstens nicht in der reinsten Form, wie Watkins hinzufügt. Allerdings sollte der Freiheit eines Schriftstellers, seine Sicht der Welt auszudrücken, unsere Freiheit entsprechen und diese Form des Ausdrucks rassistischer Erniedrigung an öffentlichen Schulen zurückzuweisen.

Offenbar trifft die Neuausgabe des „Huckleberry Finn“ einen amerikanischen Nerv, der mit dem Selbstverständnis der Nation zu tun hat. Die Frage ist, ob durch die Wort-Veränderung, durch die etwa Jim, der Freund von Huckleberry, vom Nigger zum Sklaven wird, der er ohnehin war, die amerikanische Geschichte umgeschrieben werden soll. Dass dies sowie nicht möglich sei, darauf weisen die Gegner der Änderung hin. Kathleen Parker wehrte sich am Montag in der „Washington Post“ gegen das Umschreiben literarischer Klassiker und es sei die Frage, was mit anderen Autoren geschehen soll, die das Wort ebenfalls benutzt hätten wie William Falkner, Flannery O'Connor, Robert Penn Warren, Herman Melville und anderen: Waren sie alle Rassisten, wie es jetzt Mark Twain unterstellt wird? Und Twain-Biograph Ron Powers witzelt, ob nun auch Shakespeares Othello als „hübscher Mann“ anstatt als Mohr bezeichnet werde, den es ja auch bei Schiller gibt. Powers weist darauf hin, dass jetzt auch der 150. Jahrestag der Unabhängigkeit von South Carolina gefeiert wird, wonach Rasse, Bildung und Geschlecht nicht mehr zu Diskriminierungen führen sollten.

Wie dieser sehr emotionale Streit auch ausgehen mag, falls es überhaupt ein Ergebnis gibt, so sollte doch das Weltbild eines Schriftstellers, das in einer besonderen Sprachwahl seinen Ausdruck findet, nicht einfach ausradiert werden. Eine kommentierende Buch-Ausgabe wäre ein Leichtes, um künftigen Lesern die zeitlichen Umstände des Romans zu erklären. Der„Pool der Desinformation über Amerikas Vergangenheit“, wie es bei Powers heißt, wäre abgedichtet. An den häufig ironischen Kommentaren der Gegner einer Änderung ist spürbar, dass Amerika in eine neue Phase der Aufarbeitung seiner Vergangenheit tritt.

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