Amerika – Land der Sehnsucht

Die Vielfalt der amerikanische Theaterlandschaft steht im Mittelpunkt der diesjährigen Ruhrfestspiele

Zuerst Lessing, dann Shakespeare und Goethe – nach den Spielzeiten der drei vergangenen Jahre steht diesmal nicht ein einzelner Autor, sondern ein ganzes Land im Zentrum der Ruhrfestspiele: Amerika und die amerikanische Theaterlandschaft bilden den roten Faden für die Saison 2008. Unter dem Leitmotto „A World Stage“ finden sich vom 1. Mai bis 15. Juni amerikanische „Klassiker“ wie Arthur Miller und Tennessee Williams neben neueren Theaterautoren, etwa David Mamet und Sam Shepard im Programm des Traditionsfestivals.

Bei Europäern löst „Amerika“ heute widersprüchliche Empfindungen aus: Faszination einerseits, Ablehnung, moralische Entrüstung andererseits – bis zum Gefühl kultureller Überlegenheit. „Amerika bleibt – trotz aller negativer Konnotationen – immer ein Land der Sehnsucht“, erklärte der Intendant der Ruhrfestspiele, Frank Hoffmann, bei der Vorstellung des diesjährigen Programms. Bei einer Pressekonferenz in Dortmund betonte er, Amerika sei „ein riesiges Land mit einer hierzulande weitgehend unbekannten, aber großartigen Theaterkultur“.

Das Tradition des amerikanischen Theaters begann erst nach dem ersten Weltkrieg mit Eugene O'Neill, entfaltete jedoch im Laufe des 20. Jahrhunderts ihre ganz eigene Ästhetik und Dramatik. Mit der Zeit nahmen amerikanische Einflüsse auf die europäische, auch die deutsche Theaterlandschaft zu, ohne dass dies hierzulande zunächst wahrgenommen wurde. Seit einigen Jahren aber, so Frank Hoffmann, sei in der deutschen Kulturszene eine wachsende Tendenz zu beobachten, die Ästhetik des amerikanischen Kinos, die in Amerika ihre Entsprechung immer auch auf der Bühne gefunden habe, als mögliche Ausdrucksform zu akzeptieren und zu nutzen. „Bisher lautete die Gleichung: deutsches Theater – intellektuelles Theater, amerikanisches Kino, Kino für die Massen.“ Das ändere sich allmählich.

Die Ruhrfestspiele wollen in ihrer diesjährigen Spielzeit die Sensibilität dafür schärfen, dass sich keine radikale Trennlinie zwischen „ernsthafter Kultur“ und Massenkultur ziehen lässt. Nirgends sind ja Film und Theater – auch in Personalunion – so eng verbunden wie in Amerika.

Prominente Schauspieler

Bedeutende Schauspieler wie Kevin Spacey, Jeff Goldblum und Cate Blanchett liefern dafür überzeugende Beispiele und wirken in diesem Jahr in Recklinghausen mit: Spacey und Goldblum verkörpern die Hauptprotagonisten, zwei Filmregisseure, in dem Drama „Die Gunst der Stunde“ des Autors David Mamet. Das Stück, das in einer Inszenierung der Ruhrfestspiele mit dem Old Vic Theatre, London, zu sehen ist, behandelt den Konflikt zwischen Kunst und Kommerz.

Cate Blanchett, vielfach ausgezeichnete Schauspielerin, ist in Recklinghausen als Regisseurin zu erleben. Zusammen mit ihrem Mann Andrew Upton leitet sie seit Anfang 2008 die Sidney Theatre Company. Für die Ruhrfestspiele inszeniert sie das Stück „Blackbird“ von David Harrover: ein Stück über die Wiederbegegnung zweier Menschen nach vielen Jahren, zwei Menschen mit „gebrochenen Flügeln“; wie es in dem schwermütigen Beatlessong heißt, der für dieses Drama titelgebend war.

Die Verbindung von Film und Bühne, die in Amerika für viele Schauspieler charakteristisch ist, lässt sich auch bei immer mehr deutschen Künstlern beobachten: Der Schauspieler Herbert Knaup, der in einer Koproduktion der Ruhrfestspiele mit dem Hamburger St. Pauli Theater auftritt, kehrte nach 14 Jahren bei Film und Fernsehen vor einigen Jahren zum Theater – und damit zu seinen Wurzeln – zurück: „Immer wieder muss ich auf die Bühne, weil ich die unmittelbare Beziehung zu den Zuschauern brauche und weil es für einen Schauspieler ein Hochgefühl bedeutet, ein Gefühl besonderer Einheit, als Teil eines Ensembles auf der Bühne zu wirken, sich vor dem Publikum ,live‘ in eine bestimmte Rolle zu verwandeln. Das ist eigentlich das Schönste.“

Und die Klassiker des amerikanischen Dramas? Von Arthur Miller kommt in Recklinghausen sein berühmtes Werk „Hexenjagd“ auf die Bühne, in einer Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg; von Tennesee Williams unter anderem sein Familiendrama „Die Katze auf dem heißen Blechdach“, unter der Regie von Thomas Ostermeier mit dem Ensemble der Schaubühne am Lehniner Platz Berlin. Ergänzt wird das Programm beispielsweise durch eine Reihe von Lesungen: Prominente Schauspieler, unter ihnen Veronica Ferres und Iris Berben, Ulrich Matthes, Otto Sander und Ulrich Tukur lesen aus Werken großer amerikanischer Autoren wie John Steinbeck und Walt Whitman.

Ein musikalischer Höhepunkt der Ruhrfestspiele ist der Liederabend „Elivs lebt“ mit Harald Schmidt als Conférencier: Er führt das Publikum durch die glitzernde Showwelt Amerikas und wird Songs von Elvis Presley singen: eine Hommage an die Rock-Legende, eine Reminiszenz zudem an einen Elivs-Abend im Theater Stuttgart im Jahr 1977 – dem Todesjahr Presleys – den der junge Harald Schmidt, damals als Musik-Fan, erlebte.

Lessing, Shakespeare, Goethe – diesmal nun Arthur Miller, Tennessee Williams, David Mamet und Sam Shepard, um einige Namen zu nennen. Die Hinwendung bei den Ruhrfestspielen zur Entdeckung der Kultur eines ganzen Landes, die Überschreitung der europäischen Grenzen markiert eine noch stärkere Internationalisierung des Theaterfestivals. Intendant Frank Hoffmann betont, die Ruhrfestspiele seien selbstverständlich im Ruhrgebiet verwurzelt. „Sie sind aber längst ein Europäisches Festival geworden, dessen Wirkung inzwischen sogar über Europa hinausreicht.“ Deshalb, so Hoffmann, seien die Kooperationen, auch mit außereuropäischen Theatern wie in Sydney besonders wichtig: „Wenn unser Festival auch auf anderen Kontinenten wahrgenommen wird, ist das ein großes Glück auch im Hinblick für die Kulturhauptstadt 2010. Das heißt: Die Aufmerksamkeit für diese Region wächst sogar im Weltmaßstab.“

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