Am größten aber ist die Liebe

Partnersuche und Ehevorbereitung: Kriterien und ihre Grenzen. Von Jürgen Liminski

Das neunte Weltfamilientreffen des Papstes in zwei Wochen in Dublin steht – in Anlehnung an Amoris laetitia – im Zeichen der Freude, die die Botschaft der Familie der Welt bringt. Dabei sind Familie und Ehe untrennbar verbunden, nach christlichem Verständnis geht jeder Familie die Ehe von Mann und Frau voraus, die Ehe ist der Kern der Familie. In der Ehe wird die Botschaft der Familie grundgelegt, sie ist die Keimzelle der Familie. Deshalb legt Amoris laetitia auch großen Wert auf die Ehevorbereitung.

Der erste Schritt der Ehevorbereitung ist die Suche nach einem geeigneten Partner, mit dem man in diese Vorbereitung geht. Allensbach hat schon vor Jahren eruiert, dass der Hauptgrund für den Kindermangel in Deutschland das Fehlen eines geeigneten Partners ist. Wenn es schon in der Gesellschaft insgesamt so ist, wieviel schwieriger ist es für junge, im christlichen Geist erzogene Menschen heute, solche Partner für einen Lebensentwurf zu finden, der de facto dem Zeitgeist und der veröffentlichten Meinung zuwiderläuft. Eine christliche Ehe führen heißt oft auch, gegen den Strom schwimmen. Amerikanische Autoren klassifizieren gern, auch wenn es nicht um die Organisation von Unternehmen geht, sondern um Beziehungen. In einem viel beachteten Artikel zählte J. Lee Grady, Leitartikler des in protestantischen Kreisen weit verbreiteten „Charisma Magazine“, kurz vor dem Valentinstag zehn Männertypen auf, „die christliche Frauen nie heiraten sollten“. Der Artikel verbreitete sich in Windeseile und schon nach wenigen Wochen hatte er mehr als zwei Millionen Leser. 1,5 Millionen hatten ihn im Netz weitergeleitet oder für gut befunden und 1 200 hatten ihn mit einem Kommentar versehen. Fast alle waren Christen, die der Ehe eine hohe Bedeutung beimaßen. Lee Grady kommt in einem letzten Ratschlag zu dem Schluss: „Senke Deine Anforderungen nicht unter das Niveau dessen, was Gott von dir erwartet. Es ist besser allein zu bleiben als den Falschen zu heiraten“. Zu den „Falschen“ zählt Lee den Ungläubigen, der zwar nett und freundlich ist, aber nicht glauben will; den Lügner, der seine Vergangenheit verschweige, denn die Ehe müsse auf dem Fundament des absoluten Vertrauens stehen; den Playboy, der vor der Ehe von Bett zu Bett ging, denn er werde das auch nach der Hochzeit tun; ferner den Drogenabhängigen und Trinker, den Narziss, den Jähzornigen, der zu Gewalt neige, den Infantilen, „der sich mit 35 Jahren noch von seiner Mutter bekochen und die Wäsche machen lässt“, den Kontrollsüchtigen, der auch „aufpasst, dass seine Frau Gebetszeiten einhält“ und den Faulenzer, der keine Arbeit suche und lieber endlos Computerspiele betreibe, während seine Frau arbeite und die Rechnungen bezahle. Ähnliche Klassifizierungen stellt Lee auch in einem weiteren Artikel bei Frauen an. Tausende Leser hatten ihn darum gebeten. Zu den „Frauen, die Du niemals heiraten solltest“ zählt er diejenigen, die nicht glauben, materialistisch sind, sich als Diva gebärden, die ihre Vergangenheit und ehemalige Beziehungen nicht aufgearbeitet haben, die alles kontrollieren wollen, die von Drogen, Medikamenten, Internet, Alkohol oder Pornografie abhängig sind, die eine unnatürliche Abhängigkeit von ihrer Mutter haben („fünfmal am Tag anrufen, um jedes Detail der Ehe, einschließlich des Sexuallebens, zu erzählen“). Lee unterlegt seine Klassifizierungen mit Stellen aus der Heiligen Schrift. Viele seiner Ratschläge sind aber auch menschlich schon evident. Es ist sicher falsch, jemanden schon aus Mitleid zu heiraten, weil er drogenabhängig ist. Oder heiraten zu wollen in der Annahme, die persönlichen Probleme würden sich mit und in der Ehe lösen (Kontrollsucht, materialistisches Denken, Gottferne bis Unglauben, et cetera). Lee räumt immerhin ein, einige dieser Probleme könne man lösen, aber das müsse vor der Eheschließung geschehen. Interessant und diskussionswürdig ist auch sein Kriterium, ob der künftige Partner seine Herkunftsfamilie schätze oder verachte. Oder auch ob jemand ein Scheidungskind ist. Daraus lassen sich Rückschlüsse auf die Kindheit und mögliche Defizite ziehen, die natürlich behoben werden können. Nichts ist endgültig, der Mensch ist reparabel, meinte schon Pascal.

Es ist sicher richtig, grundsätzliche Kriterien für die Partnersuche parat zu haben, etwa ob jemand gläubig ist oder bindungsfähig, ob er Kinder haben wolle und wie er die Erziehung sieht, welchen Stellenwert Ehe und Familie gegenüber Beruf und Hobbies (Fußball, Autos, Shoppen, et cetera) haben. In eine Falle aber ist Lee selber gestolpert: Der Perfektionismus. In der heutigen Gesellschaft soll alles professionell und perfekt sein. Die Organisation des Perfekten und Makellosen, der Effizienzkult, hat sich von den Dingen und Prozessen auch auf Personen ausgedehnt. Junge Leute denken heute oft: Mein Mann, meine Frau muss der perfekte Prinz, die fehlerfreie Prinzessin sein. So geht man oft in eine Beziehung mit Erwartungen, die nicht erfüllt werden können. Es wird aber immer einen kleinen Fleck auf der reinen Weste, auf dem weißen Kleid geben. Und: Lieben heißt Annahme des anderen. Der Mensch bedarf der Gutheißung, um bestehen zu können, schrieb Benedikt XVI. Jemanden gutheißen heißt ihn annehmen, ganz und total. Auch die Fehler, natürlich in einer Perspektive der Verbesserung. Aber erst einmal annehmen und nicht erst Forderungen nach Ausbau und Optionen stellen und dann erst einwilligen. Eine Ehe ist kein Autokauf. Ein wichtiger Grund, vielleicht sogar der Hauptgrund für die Beziehungs-und Bindungsunfähigkeit von heute, ist die Erwartung, dass die künftige Partnerin/ der künftige Partner schon perfekt zu sein habe. Nein, er/ sie muss nicht heilig sein, sondern nur den Willen haben, heilig zu werden. Insofern gilt sicher der Satz: Kriterien ja, aber auf der Folie der Liebe. Um es noch einmal mit Blaise Pascal zu sagen: Das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht begreift. Oder mit dem Hohelied aus dem 1. Korintherbrief: „Am größten aber ist die Liebe“ (1, Kor 13). Es ist die Liebe, die die Freude bringt, in die Ehe und in die Familie.

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