Am Ende schmerzlicher Lernprozesse

Die christlich-jüdische Basis unserer Kultur wird gern als Mythos entlarvt. Trotz mancher Feindseligkeiten in der Vergangenheit ist sie gegenwärtig, aber weit mehr als ein bloßes Konstrukt einer antiislamischen Allianz. Von Felix Dirsch
Beginn des siebentägigen jüdischen Laubhüttenfests
Foto: dpa | Feste wie das jüdische Laubhüttenfest in Berlin sind erst nach Jahrhunderten des Zusammenlebens zwischen Juden und Christen friedlich möglich geworden.

Die Debatten über Religion und Religionen werden intensiver. Das hängt zwar in nicht geringem Ausmaß mit dem Islam zusammen, fordert aber komplementär dazu auch zum Nachdenken über Christentum und Judentum heraus. Dabei dreht es sich häufig nicht um Lehrinhalt der Glaubensrichtungen, sondern vornehmlich um kulturelle Prägekräfte. Die Gegner eines multikulturellen Relativismus, der unter Linken und Liberalen verbreitet ist, verweisen auf das Deutungsmuster der „christlich-jüdischen“ Basis unserer Kultur. Manche folgern eine „Leitkultur“. „Dass Deutschland geschichtlich und kulturell christlich-jüdisch und nicht islamisch geprägt ist, kann doch niemand ernsthaft bestreiten“, so im März dieses Jahres Bundesinnenminister Horst Seehofer.

Kritiker dieser Verbindung wenden ein, hierbei handele es sich um ein Konstrukt aus Zweckgründen. Geschichtlich gesehen, so der Einwand, fehle es an Substanz. Auch theologisch bleiben Fragezeichen. Nun liegen in der Tat gewichtige Einwände gegen die Konjunktion vor. Judentum und Christentum waren von Anfang an Konkurrenten, bald nach dem Tod Jesu kam es zu erbitterter Feindschaft. Zuerst bestand ein Übergewicht jener, die den Tempel gegen die abweichenden Jesus-Jünger verteidigten. Die universale Ausrichtung des Christentums, die die ethnische Zugehörigkeit bereits früh als irrelevant erachtete und maßgeblich in den Lehren des Apostels Paulus vorbereitet wurde, ließ die Kirche schnell wachsen. Doch es war gerade Paulus, der Israel Anteil am Heil zubilligte (Röm 11, 17–24). Die Äste betrachtete er nicht unabhängig vom Baum. Differenzen zwischen hebräischer und christlicher Bibel ließen sich dennoch nicht wegdiskutieren. Rufe sind bis heute nicht verstummt, das Alte Testament aus dem christlichen Kanon zu entfernen.

Die Juden konnten in von Christen beherrschten Territorien lange Zeit Toleranz beanspruchen. Der kürzlich gegründete Verein „321: 1 700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ verweist auf das entsprechende Edikt Kaiser Konstantins 321 und bereitet das Jubiläum in einigen Jahren intensiv vor. Hier arbeiten die Zentralräte von Judentum, von Katholiken und Protestanten eng zusammen. Zu übertriebener Harmonie liegt jedoch kein Anlass vor. Duldung einer anderen Glaubenspraxis muss nicht unbedingt persönliche Wertschätzung bedeuten. Wechselseitige Schmähungen dominierten immer wieder von Neuem. Die Leugnung der Gottessohnschaft von Juden und die von ihnen gelegentlich vorgetragene Meinung, Jesus sei aus einem Ehebruch Marias mit einem Römer hervorgegangen, erregten christliche Gemüter stark. Antijudaistische Verleumdungen wie das Motiv des Brunnenvergifters und das des Christusmörders beeinträchtigten das Zusammenleben nachhaltig. Pogrome in einigen Städten des Mittelalters legen von der oft hochgradig kontaminierten Atmosphäre Zeugnis ab. Hinzu kamen Geschäfte als Geldverleiher, die – aufgrund des beträchtlichen Ausfallrisikos – hohe Zinsen verlangen mussten. Juden wurden in solche Transaktionen oft hineingedrängt; denn Christen waren sie bekanntlich untersagt.

Martin Luthers scharf kritisierte antijüdischen Ausfälle kamen zumindest zum Teil aus Enttäuschung über die Nichtbekehrung der aus seiner Sicht Verstockten zustande. In der Zeit der Aufklärung mehrten sich erstmals in nennenswerter Weise Assimilierungen. Die Taufe mutierte in Teilen des (vor allem gebildeten) Judentums zur Eintrittskarte in die europäische Kultur. Die Stigmatisierung der Juden verschwand dennoch nicht.

Beginn der Säkularisierung jüdischer Intellektueller

Als Ergebnis von Säkularisierungsprozessen in der Aufklärung sowie der Industrialisierung im 19. Jahrhundert machten erstmals ungläubige Juden auf sich aufmerksam, von denen exemplarisch Heinrich Heine, Karl Marx und Sigmund Freud zu erwähnen sind. Sie verstanden sich oft nicht mehr als Juden. Erst recht hätten sie sich nicht in eine jüdisch-christliche Wertegemeinschaft einreihen lassen, da sie weder mit der einen noch mit der anderen Glaubensrichtung viel anzufangen wussten. Viele nominelle Mitglieder von Gottes auserwähltem Volk beschäftigten sich erst wieder mit ihrer Herkunft, als sie gewaltsam auf ihre Ahnenreihe gestoßen wurden. Über Generationen hinweg betrachteten manche ihr Erbe eher als Ballast. Da die Verweltlichungsvorgänge auch im christlichen Milieu kulturell wirkmächtig zu werden begannen, vor allem infolge des Vordringens wissenschaftlicher Theorien wie der Evolutionslehre, erwiesen sich die traditionellen Argumente des christlichen Antijudaismus nicht mehr als zeitgemäß. An ihre Stellen traten biologistische und rassisch gefärbte Begründungsfiguren. So wollte der Antisemitismus eines Arthur de Gobineau den in akademischen Kreisen populären Darwin konsequent weiterdenken, ähnlich später Richard Wagners Schwiegersohn Houston S. Chamberlain.

Obwohl sich die Traditionslinien eines christlichen Antijudaismus inhaltlich von denen des rassischen Antisemitismus deutlich unterschieden, ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass zumindest in psychologischer Hinsicht Affinitäten bestanden. Die antisemitische Agitation der Nationalsozialisten, etwa deren Ausfälle gegen das Alte Testament, rief massive Widersprüche hervor, wenngleich man sie aus späterer Sicht oft als unzureichend einstufte. Als Beispiel sind die Adventspredigten des Münchner Erzbischofs Michael Kardinal von Faulhaber 1934 anzuführen. Einerseits ist es schwer zu widerlegen, wenn nach dem Zweiten Weltkrieg behauptet wurde, antijudaistische Ressentiments hätten ihre Auswirkungen unter anderem in der zu geringen Hilfe für verfolgte Juden gezeigt. Andererseits belegen Aussagen von Zeitzeugen, die auch in dem Dokumentationsband „München war anders“ abgedruckt sind, die Unterstützung, die viele Verfemte im Nationalsozialismus gerade von kirchlicher Seite erfahren durften.

Die Wende im christlich-jüdischen Verhältnis nach 1945 war zwingend notwendig. Katholische Theologie und auch das Zweite Vatikanische Konzil reagierten vielfach auf Irrtümer früherer Zeiten. Der alte Bund zwischen Gott und seinem Volk sei nie gekündigt worden, so unter anderem der Theologieprofessor Joseph Ratzinger. Nach der Shoa erscheint vielen Amtsträgern die Judenmission als unangemessen. Man gab sie de facto auf. Viele katholische Publizisten heben verstärkt die Gemeinsamkeiten hervor, die vor dieser Zäsur eher selten thematisiert wurden.

Masseneinwanderung mit Konsequenzen

Doch auch die jüdische Seite, sofern religiös gesinnt, kommt ein Stück weit auf die christliche zu. Bekannte Autoren wie Schalom Ben-Chorin und Pinchas Lapide deuten Jesus als Bruder. Sie sehen ihn in einer Sonderstellung zwischen einem gewöhnlichen Menschen und Gottes Sohn. Die alte kontroverstheologische Polemik scheint auch hier größtenteils verstummt. Nur wenige Attacken sind zu konstatieren. Eine Ausnahme stellt der Publizist und Fernsehmoderator Michel Friedman dar, der sich vor einiger Zeit als Atheist outete. Seine Angriffe zielten auf das Kreuz als öffentliches Symbol ab.

Insgesamt zeigen (Kultur-)Christen in den letzten Jahrzehnten eine größere Bereitschaft zur Umkehr als Juden, werden Letztere doch nach dem Holocaust mehr und mehr zu einer moralischen Instanz. Manche Juden wie Nicht-Juden sehen in der Konjunktion „christlich-jüdisch“ eine Anmaßung. Für sie versuchen Christen am Prestigegewinn, den das gegenwärtige Judentum vor dem Hintergrund des Verlaufs der Geschichte genießt, zu partizipieren.

Solidaritätsveranstaltungen von Christen und Juden werden aus kritischer Perspektive öfters als später Aufstand des schlechten Gewissens gedeutet. Aber da sind wir auch beim Kern des Themas. Seit einiger Zeit stellt man eine steigende Judenfeindschaft fest. Als in einem überwiegend von Muslimen in Berlin bewohnten Viertel vor einigen Monaten eine Veranstaltung gegen zunehmende Pöbeleien stattfinden sollte, musste die Kundgebung nach kurzer Zeit abgebrochen werden. Die Sicherheit erschien den anwesenden Polizisten nicht mehr gewährleistet. Dass zahlreiche Medien dieses Ereignis vergleichsweise wenig thematisierten, ist nicht erstaunlich. So verdeutlichen solche Vorfälle, deren Häufigkeit in Zukunft zunehmen dürfte, eine der diversen negativen Konsequenzen der „Masseneinwanderung“. Da wenigstens ein Teil der Einwanderer die kulturellen Prägungen, die er in den Herkunftsländern erhalten hat, nicht ablegen kann, ist von dieser Seite noch viel Ärger zu erwarten.

Angesichts einer solchen Lage ist eine verstärkte Zusammenarbeit von Christen und Juden in unterschiedlichen Gremien sicherlich zu begrüßen. Kritiker mögen diese Motivation als versuchte Exklusion des Islams bezeichnen. Man kann eine solche Nähe freilich als eine Allianz aus gewachsener Einsicht deuten: Die geschichtlichen Entwicklungen sind über weite Strecken konfrontativ gewesen. Dies ist nicht mehr zu ändern. Mittlerweile sind die meisten am Dialog Beteiligten nachdenklich geworden. Heute nimmt man eine große Zahl von Gemeinsamkeiten wahr. Jede Seite sollte sich auf die andere verlassen können! Die Zukunft kann durchaus den aktuellen Minderheitenstatus beider Glaubensrichtungen noch verschärfen. Nicht nur aus diesem Grund ist Zusammenrücken überlebenswichtig.

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