„Alterung kann nicht durch Zuwanderung gestoppt werden“

Der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg bilanziert 50 Jahre Zuwanderung. Sein Fazit: Sie war ein großes Verlustgeschäft. Ihre Folgen sind indes verheerend. Für eine demografische Wende ist es aber nicht zu spät. Von Oliver Maksan
Foto: dpa | Für die einen eine Erfolgsgeschichte, für die anderen ein Verlustgeschäft: In der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders waren ausländische Arbeitskräfte begehrt.
Foto: dpa | Für die einen eine Erfolgsgeschichte, für die anderen ein Verlustgeschäft: In der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders waren ausländische Arbeitskräfte begehrt.
Herr Professor, morgen vor fünfzig Jahren wurde das Anwerbeabkommen mit der Türkei geschlossen. Viele, an der Spitze der Bundespräsident, sehen darin eine Erfolgsgeschichte. Das Land sei bunter geworden, die Gastarbeiter ganz allgemein hätten zum Wiederaufbau des Landes beigetragen. War die Gastarbeiteranwerbung tatsächlich eine ökonomische Erfolgsgeschichte?

Die zwölf Millionen Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten haben entscheidend zum Wiederaufbau beigetragen, die Gastarbeiter konnten das nicht, sie kamen erst später. Aber die Frage ist doch nicht, ob die Wachstumsrate mit Wanderungen höher ist als ohne Wanderungen, sondern ob sie mit gut ausgebildeten einheimischen Arbeitskräften höher ist als mit schlechter qualifizierten Einwanderern. Würde man sie so stellen, wäre klar, dass eine ausreichende Geburtenrate für das Wirtschaftswachstum entscheidend ist. Wenn man die durchschnittliche Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts zwischen 1970 und 2010 berechnet, liegt Deutschland unter den G 20, den wichtigsten Wirtschaftsnationen der Welt, ganz am Schluss. Schlusslicht ist es ebenfalls bei der Wachstumsrate des Arbeitskräftepotenzials in der relevanten Altersgruppe von 15 bis 64 – trotz hoher Einwanderungen. Das zeigt, dass geringes demographisches Wachstum geringes volkswirtschaftliches Wachstum zur Folge hat.

Wenn die Einwanderung schon nicht zu mehr Wachstum und Wohlstand geführt hat, war sie dann wenigstens kein Verlustgeschäft?

Leider doch. Das Statistische Bundesamt hat dazu klar festgestellt, dass das Armutsrisiko der 16 Millionen Menschen in Deutschland mit sogenanntem Migrationshintergrund 26 Prozent beträgt. Die nicht zugewanderten Deutschen hingegen haben ein Armutsrisiko von zwölf Prozent. Wenn man diese beiden Zahlen kennt, erübrigt sich die jahrzehntelange ideologische Dauerdebatte, ob Deutschland von Zuwanderern profitiert hat oder nicht.

Aber angesichts der demografischen Entwicklung – jede Generation ist ein Drittel kleiner als die davor – gibt es doch gar keine Alternative zur Zuwanderung?

Die absolute Bevölkerungszahl könnte durch Zuwanderungen konstant gehalten werden, aber wozu soll das gut sein? Die Alterung zu stoppen wäre viel wichtiger, aber durch Zuwanderungen ist das nicht möglich, weil die Zuwanderer auch altern, und zwar genauso schnell wie die Einheimischen. Wenn man das Ziel hätte, dass das Durchschnittsalter der Bevölkerung nicht steigt, dann müssten sehr viele Menschen zuwandern, um durch den Effekt, dass sie in jüngerem Alter zuwandern und dann etwas mehr Kinder haben, das Durchschnittsalter der Gesellschaft zu stabilisieren. Die UNO hat für Deutschland berechnet, dass in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts 188 – ich wiederhole: 188 – Millionen Menschen mehr zuwandern als abwandern müssten. Mit anderen Worten: Das ist utopisch. Niemand kann so ein Ziel ernstlich verfolgen, auch wenn immer wieder Politiker behaupten, man könnte die Alterung durch Zuwanderung stoppen. Wir haben uns zudem daran gewöhnt, eine Art demographischen Kolonialismus zu betreiben: Wir wollen im Wettbewerb um die „Besten“ die Spitzenkräfte anderer Länder, natürlich zum Nulltarif. Dass die Herkunftsländer, die meist ebensolche demographischen Probleme haben, die Erziehungs- und Ausbildungsleistungen erbracht haben, interessiert hier niemanden.

Immer wieder wird behauptet, dass es einen Zusammenhang von Integrationsversagen, was Spracherwerb und Schulbildung anlangt und Islam gibt. Mit Recht?

Ich meine schon. Nicht der Islam als Religion, aber die islamische Kultur hat seit dem Mittelalter ein anderes Verhältnis zur Philosophie und zu den Wissenschaften entwickelt und beispielsweise keine Aufklärungsperiode durchlaufen. Daraus ergibt sich heute eine andere Wertschätzung von Bildung und Ausbildung als in den christlichen Ländern Europas. Migranten, die aus Asien zugewandert sind, nehme ich da ausdrücklich aus – Kinder vietnamesischer Eltern zum Beispiel glänzen in Deutschland häufig durch exzellente schulische Leistungen. Sie werden durch ihre Eltern gefördert. Aber islamische Eltern verhalten sich signifikant anders. Sie selbst haben – vor allem wenn sie aus der Türkei kommen –, mit Abstand am häufigsten keinen Schulabschluss, türkische Männer zu 17 Prozent und türkische Frauen zu 26. Das sind extreme Werte. Zum Vergleich: Die nicht-zugewanderten Deutschen haben nur zu 1,4 Prozent keinen Schulabschluss. Was das in einer Gesellschaft heißt, wo der soziale Status über Bildung entschieden wird, ist klar. Und wenn Migranten künftig die Mehrheit der Bevölkerung im Erwerbsalter bilden, bedeutet das, dass der wesentliche Standortfaktor der deutschen Wirtschaft, nämlich gut ausgebildete Arbeitskräfte, verloren geht.

Aber nun hat doch die migrantische Frau anders als oft angenommen auch nur etwa 1,6 Kinder, die deutsche Frau etwa 1,4. Damit bleiben doch auch die Größenverhältnisse gewahrt.

Das ist leider nicht so. Zwar haben sich die Migranten tatsächlich an die niedrigen deutschen Geburtenraten angenähert, dennoch haben sie Geburtenüberschüsse. Das liegt an dem sogenannten Altersstruktureffekt. Das heißt, wenn Leute vorwiegend im Alter zwischen 25 bis 35 zuwandern, dann sind sie eben in dem Alter, in dem die Wahrscheinlichkeit einer Geburt etwa zehnmal so hoch ist wie außerhalb dieser Altersspanne. Die pure Altersstruktur bringt es mit sich, dass bei den Zuwanderern mehr Kinder geboren werden als Menschen sterben. Würde die Zuwanderung ab morgen aufhören, würde sich dieser Effekt schnell so abschwächen, dass auch die zugewanderte Bevölkerung ebenso wie die deutsche schrumpfte. Nun wandern aber jedes Jahr etwa 700 000 Menschen zu – mehr, als hier geboren werden. Deswegen wächst die Bevölkerung mit Migrationshintergrund, während die deutsche schrumpft.

Zudem ziehen jedes Jahr fast genauso viele Menschen aus Deutschland weg, wie zuwandern...

Ja. Die Differenz zwischen Zu- und Abwanderung hat sich verringert. Aber selbst wenn sie Null wäre, hätte die Migrationsbevölkerung trotz ihrer inzwischen geringen Geburtenrate mehr Geburten als Sterbefälle. Denn es kommt hier nicht auf die Differenz zwischen Zu- und Abwanderungen an, sondern auf den Bruttostrom von jährlich 700 000 neuen Zuwanderern, die vorwiegend auf die Altersklassen mit den höchsten Geburtenraten entfallen.

Sie haben vorgerechnet, dass die deutsche Bevölkerung, definiert nach dem bis 2000 geltenden Staatsangehörigkeitsrecht, vom Anfang bis zur Mitte des Jahrhunderts von 75 auf 49 Millionen abnimmt, während die zugewanderte und ihre Nachkommen (eine andere Definition als die der Bevölkerung mit Migrationshintergrund), von 8,4 auf 19 Millionen wächst. Am Ende des Jahrhunderts werden 21 Millionen nicht zugewanderte Deutsche 25 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund gegenüberstehen.

Und das ist nur die mittlere Vorausberechnungsvariante. Wenn der Zuwanderungsdruck beispielsweise aus Nordafrika auf Europa zunimmt – und das ist bei einem ökonomischen oder politischen Scheitern der dortigen Revolutionen nicht auszuschließen –, dann sind diese Zahlen neu zu berechnen. Diese Daten gelten für den Status Quo, also für den Normalfall, dass die bisherigen Ursache-Wirkungs-Beziehungen weiter gelten, kein großer Komet einschlägt, kein neuer Virus auftaucht, keine neue Superrevolution eintritt – nur dann. Aber dieser Normalfall ist eben wahrscheinlicher als die genannten Ausnahmefälle.

Was bedeuten diese Zahlen für das kulturelle Zusammenleben? Wird es dann so sein, dass sich nicht-zugewanderte Deutsche in Reservate zurückziehen und sich Parallelgesellschaften ausbreiten?

Das hängt davon ab, wie wir zusammenleben wollen. Streben die Menschen dann überhaupt noch einen gemeinsamen Staat an? Es gibt aber jetzt schon Anzeichen, dass sich Deutsche aus völlig überfremdeten Gegenden zurückziehen – wenn sie können.

Aber könnte nicht auch eine Panmixie entstehen, eine neue kulturelle Formation?

Theoretisch schon. Das würde aber dann wohl eine Nivellierung nach unten geben auf niedrige kulturelle Standards mit dem gemeinsamen Ziel eines hohen Konsumniveaus. Wahrscheinlicher ist aber eine Art Multiminoritätengesellschaft, bestehend aus Minderheiten, die immer weniger miteinander zu tun haben. Darunter gibt es dann erfolgreiche Minoritäten als Subkulturen, die ihre Kinder gut ausbilden und solche, die nicht einmal mehr für die einfachsten Arbeiten einsetzbar sind. Die Spannweite zwischen den Extremen wird also zunehmen und möglicherweise die Spannungen. Es ist nicht sicher, dass die Deutschen in Zukunft überhaupt noch Wert darauf legen, ihre eigene Kultur langfristig zu erhalten.

Die käme ja auch durch eine demographische Islamisierung Deutschlands unter Druck.

Ja. Ich würde das nur nicht als Islamisierung bezeichnen, sondern neutral als quantitativ höheres Gewicht der islamischen Religion. Die absolute Mehrheit wird die Bevölkerung islamischen Glaubens aber wahrscheinlich nicht erreichen, zumindest nicht bei den Älteren. Nur dann, wenn die Geburtenrate der Muslime auf Dauer über zwei Kindern pro Frau liegen würde und die der übrigen Bevölkerung wie bisher auf dem Niveau von 1,4 Geburten pro Frau konstant bliebe, käme es – nach mehreren Generationen – zu einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit.

Wenn Sie jetzt von der Bundesregierung gefragt würden, einen Aktionsplan zu entwerfen, um den beschriebenen Problemen zu begegnen, wie sähe der aus?

Es gibt nur eine Lösung: die Geburtenrate der Deutschen muss wieder steigen. Jetzt getroffene Maßnahmen würden sich allerdings erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts voll auswirken. Trotzdem muss man sie jetzt endlich angehen. Das ist im Gegensatz zu vielem anderen wirklich „alternativlos“.

Wie kriegt man die demografische Kurve?

Indem man endlich anfängt, die Urteile des Bundesverfassungsgerichts umzusetzen, die ja schon im Trümmerfrauenurteil und im Pflegeversicherungsurteil festgestellt haben, dass das deutsche Sozialversicherungssystem verfassungswidrig ist, da es Kinderlosigkeit prämiert. Man müsste also das Sozialversicherungssystem so ändern, dass Menschen mit Kindern günstigere Beitragssätze haben als Menschen ohne Kinder. Im Moment kriegen beide fast die gleichen Ansprüche an Pflege, Rente und so weiter, wenn sie nur die gleichen Beiträge gezahlt haben. Das aber ist verfassungswidrig, weil es diejenigen unterprivilegiert, die die Lasten für die Erziehung von Kindern als künftigen Beitragszahlern zu tragen haben, ohne die das Sozialversicherungssystem nicht funktionsfähig ist. Dann müsste man zweitens die überall viel gepriesene Vereinbarkeit von Familienarbeit und Erwerbsarbeit ernster nehmen. Man hat ja mit Skandinavien und Frankreich Vorbilder. Das alles wäre wichtig und richtig, würde aber nicht reichen. Ich schlage deshalb vor, bei der millionenfachen Besetzung von Arbeitsplätzen, die jedes Jahr stattfindet, bei gleicher Qualifikation solche Bewerber zu bevorzugen, die Familienlasten tragen, sei es in Form der Kindererziehung oder der Pflege von Angehörigen. Das gehört sich in einer christlichen Gesellschaft sowieso. Erst recht aber in einer demographisch niedergehenden Gesellschaft. Zudem müsste man endlich ein Familienwahlrecht einführen, damit die Eltern die Interessen ihrer noch nicht wahlberechtigten Kinder, die die politischen Fehlentscheidungen ihr Leben lang ertragen müssen, wahrnehmen können. Das Bündel dieser Maßnahmen könnte die demografische Wende bringen.

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