Alte Feindbilder, aktuelle Kontroversen

Die Zwischenkriegszeit ist in Österreich weiterhin parteipolitisches Minenfeld, durch das Gudula Walterskirchen souverän zu führen weiß. Von Stephan Baier

War Österreich 1938 Adolf Hitlers erstes Opfer? Oder wurde der „Anschluss“ von einer jubelnden Volksmehrheit getragen? War der „Austrofaschismus“ der Wegbereiter des Nationalsozialismus? Oder leisteten die beiden Kanzler des Ständestaates erbitterten Widerstand gegen Hitlers Griff nach Österreich?

Zwischen „Arbeitermörder“ und „Märtyrerkanzler“

Fragen wie diese sind in der Republik Österreich auch mehr als sieben Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs alles andere als aufgearbeitet. Sie werden trotz aller Großen Koalitionen der Zweiten Republik vielmehr tabuisiert, ja die beiden großen weltanschaulichen Lager bewegen sich immer weiter auseinander, „statt zu einer einhelligen Geschichtsauffassung zu gelangen“, wie die Historikerin und Publizistin Gudula Walterskirchen in ihrem neuen Werk nachweist.

Die Autorin nimmt einige „blinde Flecken“ der Ersten Republik Österreichs genauer unter die Lupe. Wie tief die Gräben zwischen Christlichsozialen und Sozialdemokraten lange vor der Kanzlerschaft von Engelbert Dollfuß waren, zeigt sie in vielen Schlaglichtern. So war der christlichsoziale Bundeskanzler Ignaz Seipel katholischer Priester und „prononcierter Antimarxist“ und schon deshalb ein Feindbild für die Roten. Die 1934 sich verschärfenden Ausein-andersetzungen der Lager trübten offenbar manchen Blick auf die nationalsozialistische Gefahr. 1933 wurde die NSDAP in Österreich verboten, wurden Nazi-Aktivisten verhaftet und die Strafen für Terror angesichts vieler Anschläge erhöht. Dennoch blieben Rot und Schwarz einander spinnefeind. Diese Haltung prägt auch die heutige Geschichtsbetrachtung, wie Walterskirchen detailreich und unpolemisch belegt. Etwa mit Blick auf Bundeskanzler Dollfuß, der bei einem Putschversuch der österreichischen Nazis ermordet wurde. „Mittlerweile gelang der Nachweis, dass beim Juliputsch 1934 (…) die Nationalsozialisten in Deutschland die Fäden zogen, ja Hitler persönlich diesen anordnete.“ Für Österreichs linke Reichshälfte bleibt Dollfuß dennoch der „Arbeitermörder“, während ihn andere als „Märtyrerkanzler“ verehrten.

Walterskirchen erhellt aber auch, dass in der Zeit zwischen den Weltkriegen alle Parteien ein angespanntes Verhältnis zur parlamentarischen Demokratie hatten. So habe die österreichische Sozialdemokratie in der „Diktatur des Proletariats“ eine „Alternative zur Demokratie“ gesehen. Sie hatte auch – lange vor 1938 – den „Anschluss“ an Deutschland in ihrem Programm, während die Kanzler Dollfuß und Schuschnigg ein eigenständiges Österreich-Bewusstsein förderten. Die Autorin zitiert mehrfach die Zustimmung des vormaligen Kanzlers und späteren Bundespräsidenten Karl Renner, eines Säulenheiligen der Sozialdemokratie, zum Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland. Ihr Fazit: „Renner erkannte erst nach und nach die verbrecherische Absicht der Nationalsozialisten.“

Den Sozialdemokratien war alles lieber als die Monarchie

Doch während katholische, christlichsoziale und legitimistische Patrioten in deutsche Konzentrationslager abtransportiert wurden, schrieb der wendige Sozialist Renner während der Nazi-Diktatur in seiner Villa ungestört an seinen Memoiren. „Eines der Motive der Sozialdemokraten, das manche von ihnen zeitweilig zu Verbündeten der Nationalsozialisten machte, war neben ihrer gemeinsamen vehementen Ablehnung der katholischen Kirche die Abneigung gegen das Haus Habsburg. Alles war ihnen lieber als eine Restauration der Monarchie“, so Walterskirchen.

70 000 Österreicher wurden von den Nazis in den ersten Tagen nach dem Einmarsch verhaftet. Auf dem ersten Gefangenentransport am 1. April 1938 nach Dachau befanden sich hohe Funktionäre des Ständestaates ebenso wie Monarchisten, Sozialisten, Kommunisten und jüdische Intellektuelle. Doch andererseits jubelten Zehntausende auf den Straßen mit Hakenkreuzfähnchen. Beides ist Teil der österreichischen historischen Wahrheit, die bis heute für leidenschaftliche Kontroversen der Nachgeborenen sorgt. Kein Wunder, dass der linksliberale „Standard“ der Autorin postwendend vorwarf, mit ihrem neuen Werk „alte Gräben“ aufzureißen. Der unpolemische, differenzierende Blick auf die österreichische Zwischenkriegszeit ist bis heute für viele eine Herausforderung, der sie sich lieber nicht stellen. Gudula Walterskirchen ist jedenfalls ein wertvoller Beitrag dazu gelungen.

Gudula Walterskirchen: Die blinden Flecken der Geschichte. Österreich 1927–1938. Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 2017, 223 Seiten, ISBN 978-3-

218-01063-4, EUR 22,90

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