Als sie ihn wiedersehen wollten, war es zu spät

Am Ende des Lebens: Hans Joachim Schädlichs Erzählband „Vorbei“

„Ich will mich schreibend der Wirklichkeit nähern, die mich umgibt.“ In der DDR der frühen siebziger Jahre ein ebenso mutiger wie heikler Vorsatz, den Hans Joachim Schädlich sich gesetzt hat. Der Autor wurde 1935 im Vogtland geboren. Er studierte Germanistik in Berlin und Leipzig. Seine Promotion beschäftigte sich mit der „Phonologie des Ostvogtländischen“. Neben Dialekt-Forschung und wissenschaftlicher Laufbahn arbeitete er früh an eigenen literarischen Texten, die in der DDR jedoch nicht veröffentlicht wurden. Die Wirklichkeiten, denen sich Schädlich näherte, wurden mit dem Vorwurf der „staatsfeindlichen Hetze“ quittiert. „Seit Uwe Johnsons erstem Buch sind nicht mehr so eindringlich aus der Sache heraus die Wirklichkeiten der DDR angenommen und auf literarisches Niveau umgesetzt worden“, bescheinigt ihm Günter Grass. 1976 protestierte Schädlich gemeinsam mit anderen Schriftstellern gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Ein Jahr später verließ er zusammen mit seiner Familie die DDR. Seine Arbeit als Schriftsteller setzte er im Westen fort. Später musste er erfahren, dass er jahrelang unter dem Namen „Schädling“ von der Stasi beobachtet wurde. Der eigene Bruder versorgte sie mit Informationen.

Früher im Osten angefeindet und im Westen gelobt, lässt sich heute sagen, dass Schädlich zu den wichtigsten deutschen Autoren zählt. Für seine Werke erhielt er unter anderem den Heinrich-Böll-Preis, den Hans-Sahl-Preis, den Kleist-Preis und den Schiller-Gedächtnis-Preis des Landes Baden-Württemberg.

In seinem neuesten Erzählband „Vorbei“ lässt Schädlich alte Quellen sprechen, um in drei Erzählungen vom Leben und Sterben dreier berühmter Künstlerpersönlichkeiten zu berichten.

„Am 27. Juni mochte Rosetti nicht mehr essen. Am 28. Juni mochte Rosetti nicht mehr trinken. Am 29. Juni sagte er leise: ,Gott hat mich geschlagen. Die Anfälle bringen mich um den Sinn meines Lebens.‘ Am 30. Juni, morgens, drehte er sich zur Wand. Um sieben Uhr abends wurde ihm ums Herz leicht.“ Was hier im knappen, schmucklosen Stil, beinahe sachlich, ausgesprochen wird, lässt sich leicht auf den Nenner „Vorbei“ bringen. Ein Mensch hat aufgehört zu sein – plötzlich, sinnlos und unwiederbringlich. Der Sinn des Lebens lag für Antonio Rosetti zweifellos in seiner Musik. Im ausgehenden 18. Jahrhundert gehörte er zu den meist aufgeführten Komponisten überhaupt. Seine Musik wurde in einem Atemzug mit der Haydns und Mozarts genannt. Doch bis dahin war es ein langer und entbehrungsreicher Weg, der anfangs alles andere als ruhmreich verlief. Rosetti starb auf dem Gipfel seiner Karriere.

Einen langen beschwerlichen Weg beschreibt auch die Erzählung „Tusitala“. Auf Samoa bedeutet das „Geschichtenerzähler“. Gemeint ist der schottische Autor Robert Louis Stevenson und Geschichten, so viel ist sicher, konnte er erzählen. Um sich dem Autor, der einsame Südseeinseln, Piraten, Kannibalen, Flaschengeister und einbeinige Schiffsköche nicht nur auf eine „Schatzinsel“, sondern gleichzeitig auch in einen der großen Klassiker der Literaturgeschichte bannte, zu nähern, schickt Schädlich ein bunt zusammengewürfeltes Figurenensemble bei karger Kost und fauligem Wasser auf eine Schiffsreise – Piratenangriff inklusive. Samoa, wo der lungenkranke Schriftsteller auf Besserung seines Gesundheitszustandes hoffte, ist das Ziel. Der Arzt, der Cousin oder das alte Kindermädchen, alle wollen Stevenson, den Freund, den Verwandten, den geliebten Menschen und großen Schriftsteller wiedersehen; fast ein Jahr lang sind sie dafür unterwegs. Umsonst. Als sie endlich ankommen, ist Stevenson tot. Auch sein Leben ist viel zu früh „vorbei“.

Triest 1768. In einem Hotel wird der berühmte Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann ermordet. Der Fall wird schnell aufgeklärt, der Täter gefasst. Schädlich greift auf die überlieferten Gerichtsakten zurück und so findet jedes Detail, registriert mit der kalten Überpräzision der Gerichtsmedizin, Eingang in die Erzählung. Die Sachlichkeit dieser Sprache schafft eine beklemmende Intensität, die am Ende wieder nur in eine Feststellung münden kann: Ein Leben ist „vorbei“ ohne vollendet zu sein. Die menschliche Vergänglichkeit hält sich nicht an Pläne, Vorhaben, an das, was noch hätte kommen sollen. Sie lässt den Leser vielmehr mit der Frage zurück, was hätte noch kommen können? Welche Kompositionen, Geschichten oder Erkenntnisse sind mit diesen berühmten Persönlichkeiten gestorben?

Erinnerungen der Freunde

Pathos, Larmoyanz, Sentimentalität oder das Ringen mit einem übermächtigen Schicksalsbegriff sind nicht Schädlichs Stil. Er erzählt, was gewesen ist. Mehr nicht. Es ist gerade seine Zurückhaltung als Erzähler, die an vielen Stellen Zitaten aus Briefen, Tagebüchern oder Gerichtsakten Platz macht, die dem Leser den Helden des Erzählbandes näherbringt und es ihm ermöglicht, sich ein ganz persönliches Bild von ihrem Leben und Tod zu machen. Dabei ist der größte Kunstgriff in der Erzählung von Robert Louis Stevenson gelungen, denn dieser taucht kein einziges Mal auf. Er wird durch die Personen aus seinem Umfeld beschrieben. Der Leser sieht ihn durch ihre Augen. Aus ihrem unbändigen Willen, ihren Louis wieder zu sehen, egal, was es für Strapazen bedeutet, spricht wohl die größte Hommage an den verstorbenen Autor.

Am Ende der Lektüre steht die Einsicht in die Zufälligkeit und Vergänglichkeit der Existenz, aber auch die Gewissheit, dass ein Mensch Spuren hinterlässt. Nicht immer in Form von Noten, Abenteuergeschichten oder geisteswissenschaftlichen Errungenschaften, aber doch in den Erinnerungen der Menschen, die ihn kannten, liebten, bewunderten oder von ihm lernten. Rosetti, Stevenson und Winckelmann leben in ihren Werken und den Werken, die andere über sie verfassen, wie Hans Joachim Schädlich, weiter. Vergänglichkeit und Unsterblichkeit hängen manchmal enger zusammen, als man denkt.

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