Als ein kaltblütiger Kardinal die französische Politik beherrschte

Auf Armand-Jean de Richelieu fällt neues Licht in einer großen Biographie von Klaus Malettke.
Philippe de Champaigne – Kardinal de Richelieu (1637)
Foto: Wikicommons | Armand-Jean du Plessis, Duc und Kardinal de Richelieu (1585-1642), im Auftrag des Saint-Esprit. Er wurde 1622 Kardinal und Chefminister von Frankreich.

Als kontroverse Figur gilt Armand-Jean du Plessis, Herzog von Richelieu, der Lenker der französischen Politik unter König Ludwig XIII. zwischen 1624 und 1642. Für machtgierig und skrupellos gehalten zu werden muss man sich als Politiker wohl gefallen lassen. Von katholischer Seite wurde dem Bischof von Luçon und Kirchenfürsten zusätzlich noch vorgeworfen, dass er gegen Habsburg ein Bündnis mit dem protestantischen Schweden eingegangen sei, dass er Aufstände gegen die spanische Zentralregierung unterstützt und so mittelbar die katholische Seite geschwächt habe.

Der Autor kann viele der Vorwürfe überzeugend widerlegen

Auch die Darstellung des Kardinals als Finsterling in Dumas' Roman „Die drei Musketiere“ hat nicht dazu beigetragen, ihm einen besseren Leumund zu verschaffen. Doch lässt jetzt eine mit 1 100 Seiten wahrhaft erschöpfende Biographie des deutschen Historikers und Experten für das Frankreich der frühen Neuzeit, Klaus Malettke, Richelieu Gerechtigkeit widerfahren. Der emeritierte Marburger Professor kann viele der Vorwürfe mit überzeugenden Argumenten widerlegen.

Der Autor wendet viel Zeit und Platz darauf, minutiös nachzuweisen, wie sich der Aufstieg Richelieus zu einer Figur nationaler und übernationaler Bedeutung vor allem dem Wechsel von in Anspruch genommener und gewährter Patronage verdankte. In Zeiten, in denen der Monarch an der obersten Stelle der auf Blutsverwandtschaft oder persönlichen Beziehungen fußenden Stände-Gesellschaft stand, kam niemand hinauf, der nicht langsam und stetig durch kleine Gefälligkeiten und jedwede Mobilisierung der allerhöchsten Aufmerksamkeit seinen Weg zu machen in der Lage war.

Ziel Richelieus blieb die Wiederherstellung der Glaubenseinheit

Man brauchte zugleich einen hochstehenden Gönner – bei Richelieu war es lange die kapriziöse Mutter des neuen Königs Ludwig XIII., Maria von Medici – wie man seinerseits gegenüber anderen, niedriger Gestellten als Patron und Förderer auftreten musste. Der spätere Kardinal beherrschte diese Kunst offenbar schon früh perfekt, musste sich aber dennoch immer wieder nach der alles überstrahlenden Sonne, dem Monarchen eben, ausrichten.

Das Ziel Richelieus blieb die Wiederherstellung der Glaubenseinheit. „Dies sollte aber mit friedlichen Mitteln, durch katholische Missionierung und durch Überzeugungsarbeit geschehen.“ Richelieu sei „Staatskatholik“ gewesen, die Religionspolitik (und das war die eigentliche Politik im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges) habe für ihn instrumentellen Charakter gehabt, so dass der Staat an erster Stelle der Überlegung stand: „Dabei bildet die katholische Religion nach wie vor das Fundament des Staates, aber die Wahrung der religiösen Einheit ist für ihn nicht nur das Gebot des Glaubens, sondern auch des Staatsinteresses.“

Diese mit staunenswertem Fleiß erstellte Biographie stellt nicht nur den Menschen, sondern ein ganzes Zeitalter vor Augen.

Warum die Biografie Kardinal Richelieus ein Denkmal deutschen Gelehrtenfleißes ist und für lange Zeit das Standardwerk sein dürfte, erfahren Sie in der aktuellen Ausgabe der „Tagespost“ vom 11. Oktober. Kostenlos erhalten Sie diese Ausgabe hier.

DT

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