Als die Saar 1935 wieder zum Deutschen Reich kam

Die Rolle des Katholiken Johannes Hoffmann, dem späteren Ministerpräsidenten des Landes nach 1945, zeigt: Die Saarfrage war eine moralische

Saarbrücken (DT) „Wem Pack will rechte Gunst erweisen, den schickt es in die weite Welt.“ So gelassen wie der Theaterkritiker Alfred Kerr (1867–1948) ertrugen nur die wenigsten Emigranten den Rauswurf aus Hitlerdeutschland. Auch nicht der Katholik Johannes Hoffmann (1890–1967), der vor der Saar-Volksabstimmung vom 13. Januar 1935 vor 75 Jahren zu den prominentesten Hitlergegnern an der Saar gehörte.

Nach dem Untergang des sogenannten Dritten Reiches kehrte der gelernte Journalist aus dem brasilianischen Exil in seine Saarheimat zurück und wurde erster Ministerpräsident des erneut von Deutschland abgetrennten Saarlandes. Das Emigrantenschicksal hatte ihm aber seelische Verletzungen und bleibende Narben zugefügt.

Hoffmann hatte im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger mit Auszeichnung gedient und dann in Berlin als Korrespondent gearbeitet. 1929 kam er als Chefredakteur zur katholischen „Saarbrücker Landeszeitung“ (SLZ). Er wünschte, bei der Rückkehr des im Versailler Vertrag von Deutschland abgetrennten Saargebietes zu helfen.

„Wir wollen nach Deutschland zurück!“, erklärte der Journalist im November 1930 bei einer Großveranstaltung in Dortmund: „Für uns kann es nichts anderes geben als heim zum Deutschen Reich, um (...) mitzuarbeiten an der Gesundung und dem Wiederaufbau unseres Vaterlandes.“ Die Saarländer hatten die Abtrennung von Deutschland von Anfang an als Unrecht empfunden.

Doch dann kam der 30. Januar 1933. Adolf Hitler wurde Reichskanzler in Berlin. Das änderte alles. Nun betrieben die raffiniert taktierenden Nationalsozialisten auch an der Saar die Gleichschaltung. Der erste Erfolg kam im Juli 1933. Die bürgerlichen Parteien und – trotz aller bisher geübten Kritik – auch das katholische Zentrum schlossen sich zur „Deutschen Front“ (DF) zusammen. Ihr Ziel war die Rückgliederung des Saargebietes.

Doch eine katholische Minderheit um Hoffmann beharrte auf ihrer Opposition gegen das NS-Regime. Wegen seiner Proteste gegen die Auflösung des Rechtsstaats und wegen seines kategorischen Neins zur Unterdrückung der Juden und des politischen Katholizismus hatte Hoffmann Hitlers Unwillen erregt. Im Februar 1934 musste er als Chefredakteur der „Saarbrücker Landeszeitung“ gehen.

Nun organisierten Hoffmann und seine Gesinnungsfreunde mit einer neuen Zeitung und einer neuen Partei den katholischen Widerstand. Wegen der menschenrechtsfeindlichen Politik Hitlers fühlten Hoffmann und seine Gesinnungsfreunde ihr christliches Gewissen herausgefordert.

Deshalb plädierten sie auch mit den saarländischen Sozialdemokraten und Kommunisten für die Beibehaltung der (bis 1933 von den meisten Saarländern abgelehnten) Völkerbundregierung („Status Quo“), bis in Deutschland wieder Menschenwürde, Freiheit und Recht geachtet würden. Es sei unverantwortlich, schrieb Hoffmann, den in Freiheit lebenden Saarländern zu empfehlen, sich freiwillig in die Unfreiheit zu begeben. Hitler schände den guten Namen Deutschlands.

Zwar gelang es Hoffmann, einen Teil des Klerus und der katholischen Bevölkerung für sein Programm zu interessieren. Doch die Hoffnung auf größeren Wählerzulauf schwand, als sich auch die Bischöfe von Trier und Speyer für die Rückkehr der Saar nach Deutschland aussprachen.

Die Bischöfe hatten aus vermeintlich übergeordneter Rücksichtnahme auf die Lage der Kirche im Reich, wenn auch nicht ohne Bedenken, ihre Vorbehalte gegenüber dem Nationalsozialismus dem nationalen Treuebekenntnis untergeordnet. Hoffmann indes hielt es für illusorisch, „mit dem Teufel“ zu paktieren, um aus ihm einen Engel zu machen.

Das Blatt war nicht mehr zu wenden. Nur 8,8 Prozent der Saarländer wählten am 13. Januar 1935 den „Status Quo“. Über 90 Prozent wünschten die Wiedervereinigung mit Deutschland, wegen Hitler die einen, nicht wenige aber auch – wie selbst Hoffmann rückblickend zugestand – trotz Hitler.

Aus Furcht um Leib und Leben floh Hoffmann nach der Niederlage – wie zahllose andere Hitlergegner – ins noch sichere Ausland. Die erste Station hieß Luxemburg. Anfang 1940 stand der Journalist Hoffmann dann bereits in Diensten der Emigrantenredaktion von Radio Paris. Mit viel Glück gelang ihm später über das noch unbesetzte Südfrankreich und Portugal die Flucht nach Brasilien. In Rio de Janeiro unterhielt er engen Kontakt zu französischen Emigrantenkreisen um den katholischen Dichter Georges Bernanos (1888–1948).

Im Haus des kanadischen Botschafters, dessen beiden Kinder er betreute, genoss Hoffmann fortan Gastfreundschaft. Am 8. Mai 1945 kapitulierte Hitlerdeutschland. Es war das Signal für die Rückkehr des Emigranten. Am 6. September ging Hoffmann in Marseille an Land. Über Paris führte der Heimweg nach Luxemburg. Das Wiedersehen mit der Familie war schmerzlich. Ein Sohn war 1943 in Russland gefallen.

Im Herbst 1945 kehrte der Emigrant in das kriegszerstörte Saarbrücken zurück. Deprimierend die ersten Eindrücke: „Wohin das Auge blickte, nichts als Trümmer, Ruinen, Schutthaufen.“ Für Hoffmann stand fest, dass ein totaler Neuanfang nötig war. Den gestaltete er nun als Vorsitzender der Christlichen Volkspartei (CVP) und saarländischer Ministerpräsident (1947–1955).

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