Alle Konsequenzen selbst getragen

Verschlungen erzähltes Schicksal einer jungen Frau und einer Familie: „Die unerschütterliche Liebe der Suzanne“. Von José García
Foto: Arsenal | Als Suzanne (Sara Forestier) den zwielichtigen Julien (Paul Hamy) kennenlernt, verliebt sie sich auf der Stelle in ihn.
Foto: Arsenal | Als Suzanne (Sara Forestier) den zwielichtigen Julien (Paul Hamy) kennenlernt, verliebt sie sich auf der Stelle in ihn.

Die Schwestern Suzanne (Apollonia Luisetti) und Maria (Fanie Zanini) fühlen sich nach dem frühen Tod der Mutter sehr eng miteinander verbunden. Ihr Vater Nicolas (François Damiens) kümmert sich liebevoll um sie, auch wenn er arbeitsbedingt viel unterwegs ist. Dafür dürfen die Mädchen zusammen mit ihrem Vater hin und wieder im Führerhaus des Lkws mitsitzen und zusammen singen.

Nach einigen wenigen Szenen von Suzannes und Marias Kindheit macht der Film von Regisseurin Katell Quillévéré und ihrer Mit-Drehbuchautorin Mariette Désert „Die unerschütterliche Liebe der Suzanne“ einen Zeitsprung. Als Suzanne (nun von Sara Forestier dargestellt) 17 Jahre alt ist, erfährt ihr Vater von ihrer Schulleiterin, dass Suzanne schwanger ist. Mit dem kleinen Charlie vergrößert sich nun die Familie. Wieder ein Schnitt: Charlie ist bereits drei Jahre alt. Auch um seinen Enkel kümmert sich Nicolas vorbildlich. Maria (nun Adele Haenel) hilft ebenfalls ihrer Schwester bei der Betreuung des Kindes. Der einschneidende Schnitt in Suzannes Leben tritt ein, als sie auf einer Pferderennbahn den gut aussehenden Julien (Paul Hamy) kennenlernt und sich in ihn augenblicklich verliebt.

Bald stellt es sich heraus, dass Julien kleinkriminellen Geschäften nachgeht, weswegen er auch untertauchen muss. Suzanne folgt ihm nach Marseille, überlässt ihren Sohn ihrem Vater und bricht jeden Kontakt zu ihrer Familie ab. Einige Jahre später werden Suzanne und Julien festgenommen. Sie landet im Gefängnis, und ihr Sohn Charlie bei einer Pflegefamilie. Als Suzanne den inzwischen jugendlichen Charlie endlich besuchen kann (oder möchte), nennt der Junge seine Pflegemutter (Anne Le Ny) „Mama“, seine leibliche Mutter einfach „Suzanne“. Suzanne kann ihre große Liebe Julien jedoch nicht vergessen.

„Die unerschütterliche Liebe der Suzanne“ erstreckt sich über einen Zeitraum von 25 Jahren. Dazu setzt Regisseurin Katell Quillévéré insbesondere auf ein elliptisches Erzählen: Mittels Schwarzblenden macht der Film immer wieder Zeitsprünge. Dazu führt die Regisseurin aus: „Die Erzählung auf Ellipsen aufzubauen, war eines der Wagnisse, auf die wir uns bei diesem Film eingelassen haben. Meine Koautorin Mariette Désert, mein Cuter Thomas Marchand und ich wollten eine sehr kraftvolle Off-Screen-Geschichte erschaffen, die die Zuschauer in aktive Teilnehmer verwandelt und es ihnen erlaubt, die Lücken in der Geschichte mit ihren eigenen Erfahrungen zu füllen.“ Zwischen den Zeitsprüngen besitzen die Szenen auch sehr unterschiedliche Dauer.

Dass trotz dieses elliptischen Erzählens die Handlung für den Zuschauer nachvollziehbar und spannend bleibt, ist auf den Schnitt von Thomas Marchand sowie auf die bis in die Details abgestimmte Bildgestaltung von Kameramann Tom Harari, vor allem aber auf die schauspielerische Präsenz der Darsteller zurückzuführen, die ihren Figuren Glaubwürdigkeit verleihen. Zwar spielt dabei auch die Maske eine Rolle, die sie altern lässt, so etwa im Bäuchlein und dem immer schütterer werdenden Haar von Suzannes Vater. Die Veränderung im Leben der drei Hauptfiguren ist jedoch eher an ihrem Ausdruck zu erkennen. Insbesondere auf dem Gesicht von Sara Forestier ist die zunehmende Lebenserfahrung der Suzanne, ihre Verletzlichkeit, aber auch ihre Widerstandskraft abzulesen.

„Die unerschütterliche Liebe der Suzanne“ bietet einerseits eine Variante des im französischen Film häufig behandelten „Amour fou“: Suzanne ist von einer leidenschaftlichen Liebe zu Julien wider alle Vernunft bestimmt, die sie teilweise nah an die Selbstzerstörung führt. Regisseurin Katell Quillévéré: „Sie hat keine Wahl. Sie muss diesen Weg gehen, auch wenn das als extreme und tabuisierte Konsequenz bedeutet, ihr eigenes Kind im Stich zu lassen. Die Herausforderung war, jenseits aller Verurteilung zu bleiben und nicht zu moralisieren. Einer der Gründe, warum wir Suzanne nicht verurteilen wollen, ist, dass wir viel öfter sehen, wie sie sich den Konsequenzen ihrer Handlungen stellt, anstatt die Entscheidungen, die sie trifft, infrage zu stellen.“

Dank seiner Erzählweise bietet der Film Momentaufnahmen in Suzannes Leben, die diese Entwicklung im Laufe von einem Vierteljahrhundert verdeutlichen. Die aber auch zeigen, dass „Die unerschütterliche Liebe der Suzanne“ ein Film über die Liebe in verschiedenen Facetten ist. Wie bereits erwähnt, handelt Quillévérés Film zunächst einmal von der „verrückten Liebe“ Suzannes zu Julien. Darüber hinaus aber auch von der Liebe Suzannes zu ihrem Sohn Charlie sowie zur Schwester Maria, die trotz aller Irrungen und Wirrungen Suzannes zu ihr hält. Nicht zuletzt erzählt „Die unerschütterliche Liebe der Suzanne“ aber auch von der Liebe eines Vaters, der trotz allem, was er für Verfehlungen seiner Tochter hält, seine Töchter über alles liebt. Dadurch bietet Regisseurin Quillévéré eine Familiengeschichte aus der Sicht Suzannes, die ihre Höhen und Tiefen erfährt. Die Regisseurin inszeniert den Film, ohne in Pathos oder in eine übermäßige Emotionalität hineinzugleiten. Vielmehr verleiht die elliptische Erzählweise den Figuren eine Authentizität, dank derer das Familien- und das persönliche Schicksal Suzannes glaubwürdig geschildert wird.

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