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Alle haben Weltangst

Die gesellschaftliche Situation, diverse weltanschauliche Strömungen und der Verlust verlässlicher Werte entfremdet viele Menschen zunehmend von der normalen Realität. Sie können damit nicht mehr umgehen und flüchten in psychische Störungen.
Angst
Foto: Julian Stratenschulte (dpa) | Für viele Menschen verdüstert sich derzeit ihr Leben. Viele reagieren mit Ängsten und Rebellion auf herausfordernde Situationen, schwindende Werte, Unterbinden der Sozialkontakte und die Bedrohung der Gesundheit.

Unsere Welt dröhnt von Alarmsignalen, Hilferufen und Wutschreien. Da ist der Terror des islamischen Fundamentalismus, den einige Zeitgeistexperten als die Rache Gottes an der atheistischen Wohlstandsgesellschaft deuten. Da ist die Klimakrise, die vom grünen Gaia-Kult als Rache der Natur am Kapitalismus interpretiert wird. Da ist die Massenmigration, bei der sich Asylsuchende und Wirtschaftsflüchtlinge nicht mehr unterscheiden lassen und die jetzt auch als politische Waffe genutzt wird. Und da ist die Corona-Pandemie, die uns Tag für Tag deutlich macht, dass unser Nichtwissen unendlich viel größer ist als unser Wissen.

„Wenn eine Gesellschaft keine Normalität mehr kennt, fördert sie Rebellion
und Neurose gleichermaßen und befreit damit die Menschen von der Last des Realismus“

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Gleichzeitig tobt der Wahnsinn von innen. Unsere Gesellschaft ist toleranter, frauen- und minderheitenfreundlicher denn je, aber fanatische Aktivisten werfen ihr Sexismus und Rassismus vor. Die Transgender-Bewegung leugnet die binäre Geschlechtsdifferenz, der Nihilismus der Transhumanisten leugnet gar die Natur. Wir haben es hier mit einer Revolte des Menschen gegen das, was er ist, zu tun. Den Menschen zu suggerieren, sie könnten frei wählen, was sie sein wollen, ist aber eine Anleitung zum Unglücklichsein.

Wenn eine Gesellschaft keine Normalität mehr kennt, fördert sie Rebellion und Neurose gleichermaßen und befreit damit die Menschen von der Last des Realismus. Das ist der Kern der postmodernen Kulturrevolution, in der sich die westliche Kultur gegen ihren eigenen Wert wendet. Auf hoher akademischer Abstraktionsebene ist dann von „Dekonstruktion“ die Rede, während das fanatische Fußvolk die „Cancel Culture“ praktiziert. Und im politisch korrekten „Gendern“ wird die Sprache zerstört, die Heidegger einmal das Haus des Seins genannt hat.

Eine Welt ohne Normalität, ohne Traditionen, ohne Selbstverständliches

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So leben die Europäer heute in einer Welt, die keine Traditionen, keine Normalitäten und keine Selbstverständlichkeiten mehr kennt. Besonders dramatisch ist dabei die fortschreitende Entwertung von Familie, Heimat und Religion. Sie erzeugt das, was Soziologen „ontologische Unsicherheit“ nennen; gemeint ist ein allgemeiner Vertrauensverlust gegenüber der natürlichen und sozialen Welt. Die einen macht das hilflos, die anderen hypersensibel – und alle haben Weltangst. Diese Angst ist Ausdruck eines narzisstisch gestörten Selbstwertgefühls, das völlig orientierungslos ist, weil unsere Alltoleranz alle traditionellen Wertdifferenzen nivelliert hat.

Das Unbehagen in der Kultur, das Freud aus einem umfassenden Schuldgefühl abgeleitet hat, artikuliert sich zunächst in härtesten Selbstanklagen. Zunehmend aber wird dieses Schuldgefühl nach außen projiziert, nämlich auf den universalen Sündenbock unserer Zeit: den alten, weißen Mann. Alt steht für Tradition und Erfahrung. Weiß steht für Naturbeherrschung und europäische Rationalität. Männlich steht für Mut und Selbstbehauptung. All dem haben die Kulturrevolutionäre den Krieg erklärt. Und da bleibt dem alten, weißen Mann nur der Rückzug in Kulturschutzräume, in denen wenigstens noch geistiger Widerstand möglich ist. Sein Selbstverständnis hat Ernst Jünger in „Auf den Marmorklippen“ formuliert: “allein durch reine Geistesmacht zu widerstehen.“

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