Feuilleton

Albert Bitzius - Ein kreativer Querkopf

Pfarrer, Politiker und Schriftsteller: Wie Albert Bitzius zu Jeremias Gotthelf wurde. Von Burkhardt Gorissen
Jeremias Gotthelf
Foto: Foto: | Die biedermeierliche Aura täuscht: Jeremias Gotthelf war Realist – auch in metaphysischen Dingen. wiki

Jeremias Gotthelf (1797–1854) steht als schweizerische Identifikationsfigur für den helvetischen Geist trotzigen Autonomiestrebens ebenso wie für das reformatorische Selbstverständnis, dass Leistung eines Gegenwertes bedarf. Entsprechend sind seine Helden geprägt vom Willen zur Freiheit und vom Mut der Verzweiflung. Sein vielschichtiges Werk machte Gotthelf zu einem der populärsten Autoren des 19. Jahrhunderts und zum Klassiker. Auch wenn er in die Epoche der Romantik gehört, findet man bei ihm nicht die übliche Gottesferne, im Gegenteil, sein Werk basiert auf christlichen Werten. Gottes Gegenwart ist nicht nur zwischen den Zeilen spürbar, Gott offenbart sich ganz direkt. Diesem Umstand entsprechend, wird Gotthelf bis heute als streitbarer Pfarrer, engagierter Politiker und erst im Nachgang als begnadeter Erzähler wahrgenommen.

Auch Thomas Mann ließ sich von ihm inspirieren

In seiner knapp gefassten Autobiographie schreibt er nicht ohne Augenzwinkern über seine ersten Jahre in Murten: „Als wilder Junge durchlebte ich dort die wilde Zeit der Revolution und Helvetik, besuchte die dortige Stadtschule, wo man mir gewöhnlich das Zeugnis gab, dass man mit dem Kopfe wohl, mit den Beinen aber, welche ich nie stille halten konnte, übel zufrieden sei.“ Albert Bitzius – so sein eigentlicher Name – Sohn des reformierten Pfarrers Sigmund Bitzius und dessen dritter Ehefrau Elisabeth Bitzius-Kohler, wuchs in Zeiten massiver gesellschaftlicher Umwälzungen auf. Früh wurde er zum Kritiker bestehender Verhältnisse. Jeder der mit einigermaßen Gerechtigkeitsempfinden ausgestattet war, sah, wohin die Verarmung und Ausbeutung ganzer Landstriche führte. Der Wunsch nach Gerechtigkeit trieb Gotthelf zunächst auf die Seite der liberalen Insurgenten.

Im Juli 1834 äußerte er sich in einer Rede anlässlich des dreijährigen Bestehens der neuen Verfassung enthusiastisch über die erfolgreiche helvetische Revolution. Doch mit deren inhaltsleeren Phrasen konnte er sich auf Dauer nicht abfinden. Intellektuelle Spiegelfechtereien beleidigten seinen kritischen Geist. Bald schon wandelte er sich zum erbitterten Gegner des Radikalismus, denn im zunehmend antichristlichen Zeitgeist erkannte er den gottesfernen Irrweg des sozialistisch gegerbten Liberalismus. Ihm ging es nicht um Weltverbesserungstheorien, sondern um praktische Hilfe. Als Pfarrer und Schulkommissär erhielt er Einblick in die katastrophalen Missstände in Schulzimmern und im Krankenwesen. Die beklemmenden Verhältnisse machten ihn zum Schriftsteller. Probleme der Armut, des Alkoholismus, die himmelschreiende Ungerechtigkeit gegenüber der arbeitenden Bevölkerung, all das mochte in seinen Predigten als Gebetsopfer aufsteigen, doch die Kraft des gesprochenen Wortes war schneller verflogen, als die Wut verraucht war. Fortan schrieb der Pfarrer Albert Bitzius unter dem Pseudonym „Jeremias Gotthelf“. Seinem Freund Joseph Burkhalter umriss er seine Ziele: „Es ist merkwürdig, dass die Welt und nicht Ehrgeiz oder Fleiß mich zum Schriftsteller gemacht. Sie drückte so lange auf mich, bis sie Bücher mir aus dem Kopfe drückte, um sie ihr an die Köpfe zu werfen.“ Der tief in ihm verankerte christliche Glaube blieb dennoch innerer Kompass, nach dem er Lebensführung und Schreiben ausrichtete. Sein Amtsverständnis brachte der kreative Querkopf bereits 1823 als junger Vikar zum Ausdruck: „Ich soll euch ansagen, wie es mit euch stehe, euch die Befehle des Herren offenbar machen, euch zur Wachsamkeit ermahnen und zur Beharrlichkeit.“ Für Gotthelf stellte die christliche Ordnung die bestmögliche Lebensgrundlage dar, darauf bestand er zeitlebens: „An unbeschränkter Freiheit gehen die Menschen nicht dutzendweise, sondern zu Tausenden zugrunde“, heißt es in „Jacobs, des Handwerksgesellen, Wanderungen durch die Schweiz“. Im Christusglauben sah Gotthelf die Lösung aller drängenden Probleme, die sich durch die Industrialisierung massiv beschleunigten. Eine Weltsicht, bis heute von brennender Aktualität, zumal Gotthelf nie Gefahr lief, sich als judasgewordener Verräter an Jesus zu gerieren. Eine Haltung, die man heute allzu oft vermisst. Im Gegenteil, sein Denken und Handeln basierte auf biblischem Fundament, sein soziales Engagement war getragen von der einzigartigen christlichen Botschaft der Nächstenliebe. Vehement wandte er sich gegen Kinderarbeit und setzte sich auf vielfältige Weise für die Bildung, gerade für die Armen, ein. „Shakespeare der Bauernwelt“, hat man ihn genannt, „traditionalistischer Volkserzieher“, „biedermeierlicher Provinzdichter“, als wäre auch nur eine dieser Etikette ehrenrührig. Gotthelfs Werke sind durchweg schlicht. Sie zeichnen sich durch einen ungeheuren Bilderreichtum aus, wie durch die charakteristische Verbindung des restringierten und elaborierten Codes. Plakative Spötteleien, wie bei Heine, findet man ebenso wenig wie die satanischen Hyperbeln eines E.T.A. Hoffmann. Walter Muschg, Schweizerischer Literaturhistoriker, Essayist und ausgewiesener Gotthelf-Kenner, schrieb, Gotthelf sei… „fraglos nicht nur der größte, sondern der einzige Erzähler ersten Ranges in der deutschen Literatur, der einzige, der sich mit Dickens, Balzac oder Dostojewskij vergleichen lässt“.

1838/39 publizierte er unter dem Pseudonym Peter Käser den zweibändigen Roman „Leiden und Freuden eines Schulmeisters“. Von den Behörden und den führenden Pädagogen der damaligen Zeit erntete er heftige Kritik; zu widerborstig erschien ihnen das Werk. Auch in seinem zweiten Roman setzte er sich mit den sozialen und politischen Problemen seiner Zeit auseinander. Ebenfalls 1838 erschien die sozialkritische Erzählung „Wie fünf Mädchen jämmerlich im Branntwein umkommen“, diesmal unter dem Pseudonym Jeremias Gotthelf, dem Namen seines ersten Romanhelden. Fortan war das Pseudonym Gütesiegel auf den Buchumschlägen seiner literarischen Werke. Sein Arbeitseifer war fast sprichwörtlich. Bei allem, was er tat, vergaß er nie seine pastorale Verantwortung. Von 1839 bis 1844 betreute er als Autor und Redakteur den „Neuen Berner Kalender“. „Schade ist nur, dass er das Sammelsurium seiner Kalenderbeiträge nicht in Buchform zusammenstellte“, befand Literaturhistoriker Muschg. Neben Johann Peter Hebel und Berthold Auerbach gehört Gotthelf zweifellos zu den bedeutendsten Kalenderautoren des 19. Jahrhunderts. Doch seine Tätigkeit blieb nur eine Episode.

Wenn Gotthelf seit den 68ern übertriebene Kritik zuteil wird, zeugt das nicht selten von intellektuellem Hochmut. Gotthelf passt nicht in das postmoderne Weltbild des Kulturestablishments, für das Gott nur eine Phrase darstellt. Er war keineswegs der christusgläubige Literaturkasper, als den ihn die libertären 68er zu diffamieren versuchten. Vermutlich werden Gotthelfs Werke unsere Epoche des Kulturnihilismus lange überdauern, gerade weil sie christlich sind. „Ist das Leugnen einer höhern Welt, das Wandeln im Fleische, das Beißen und Fressen untereinander Fortschritt?“, schrieb er im Vorwort zu seinem Roman „Zeitgeist und Bernergeist“. Vielleicht lässt sich durch seine eindeutige Positionierung der allgegenwärtige Erfolg seiner Novelle „Die schwarze Spinne“ erklären. Zu Recht gilt sie als eine der wichtigsten Novellen der deutschen Literatur. Immerhin, Thomas Mann, frömmelnden Gebarens eher unverdächtig, schrieb in „Die Entstehung des Doktor Faustus“, dass er Gotthelfs Novelle „wie kaum ein zweites Stück Weltliteratur“ bewundere. Die Lektüre lohnt und ist von beißender Aktualität. Als Rahmenhandlung dient die Beschreibung eines feierlichen Tauffestes. Nach anfänglichem Zögern schildert der Großvater die Geschichte des Pfostens, die zur Zeit der Kreuzritter spielt. Die Bauern, rechtlose Leibeigene, sind der Willkür ihres Lehnsherrn ausgeliefert. Als vermeintlich letzte Rettung paktiert eine zugezogene Bäuerin mit dem Teufel. Er besiegelt den Pakt mit einem Kuss auf ihre Wange, den sie fortan wie ein brennendes Mal spürt. Als Gegenleistung für seine Hilfe verlangt er ein neugeborenes, ungetauftes Kind. Doch dem Pfarrer gelingt es, das Neugeborene sofort nach der Geburt durch die Taufe zu retten. Vor der Geburt eines weiteren Kindes verändert sich das Mal der Bäuerin und gleicht einer behaarten Kreuzspinne. Als auch das zweite Neugeborene getauft wird, schlüpfen aus der Kreuzspinne unzählige weitere Spinnen, die eine Viehseuche ins Tal bringen. Im Dorf fasst man den Beschluss, das Nächstgeborene tatsächlich dem Teufel zu opfern, um der Qual zu entkommen. Wieder ist es der Priester, der im letzten Moment das Opfer mit dem heiligen Wasser besprengt. Die Bäuerin verwandelt nun sich in eine große schwarze Spinne. Ihr fallen gnadenlos Tiere und Menschen, einschließlich des Lehnsherrn, zum Opfer, bis es schließlich gelingt, die Spinne im Loch eines Holzpfostens festzusetzen.

Die Novelle endet mit einem Hinweis, dass Gott über allem wacht, und die Menschen, „welche Gottesfurcht und gute Gewissen im Busen tragen, welche nie die schwarze Spinne, sondern nur die freundliche Sonne aus dem Schlummer wecken wird“. Man muss nicht in Verschwörungstheorien denken, um die Opferthematik zu interpretieren, ein Blick auf die Abtreibungsstatistiken reicht aus.

Eine enorme Produktivität auf Basis des Glaubens

Unvergleichlich spricht Gotthelfs christlicher Geist auch aus der herausragenden Erzählung „Die Wassernoth im Emmenthal“. Gleich ob „Uli der Knecht“, „Die Rotentaler Herren“ oder „Die Rabeneltern“: In jedem Werk weitet sich das bukolisch Banale zur Chiffre tiefer Menschlichkeit. Auch wenn es heute fast surreal klingt, aber Literatur – oder Kunst an sich – muss nicht zwangsläufig mit einer Psychose einhergehen. Sie muss auch nicht destruktiv sein, wie uns der Kulturnihilismus glauben machen will. Jeremias Gotthelf sah die Lösung für die Gefährdungen der Gemeinschaft in der Rückbesinnung auf Sitte, Anstand und gottesfürchtige Religion. Gerade wenn uns diese Ansätze nicht mehr zeitgemäß erscheinen, eignet sich die Lektüre seiner Bücher immer noch dazu, nach anderen Antworten auf die Herausforderungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu suchen, als die vom Mainstream vorgeschriebenen.

Bis zu seinem Tod am 22. Oktober 1854 verfasste Gotthelf ein umfangreiches Werk, das 13 Romane, 50 Erzählungen und 25 Kalendergeschichten umfasst. Sein psychologisches Einfühlungsvermögen, seine scharfe Beobachtungsgabe, sein tiefer Glaube legten Zeugnis dafür ab, dass Christus noch immer „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ ist.

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