Adalbert Stifter - Wald und Worte

Bei Adalbert Stifter (1805–1868), der die Schönheit der Natur und der Dinge beschrieb, findet man das Glück, das ihm in seinem Leben nicht beschieden war. Von Barbara von Wulffen
Denkmal Adalbert Stifters in Linz.
Foto: IN/wiki | Der Glaube war ihm wichtig, die Sprache beherrschte er – nur beim Glück haperte es. Denkmal Adalbert Stifters in Linz.

Der Schriftsteller Arnold Stadler hat sein Buch zu Stifters 200. Geburtstag unter dem Titel „Mein Stifter“ veröffentlicht und darin Karl Kraus zitiert, der forderte, die Armee von Journalisten, Romansöldnern und Freibeutern der Gesinnung und des Wortes vor das Grab Stifters zu ziehen und das stumme Andenken dieses Heiligen für ihr lautes Dasein um Verzeihung zu bitten. Der Lärm, den sie veranstalten macht es schwierig, über den bis heute vielgeliebten und -gelesenen Autor zu schreiben, denn er landete im nicht mehr dingfest zu Machenden: Im Mythos, in der Vorgeschichte, in dem, was seiner Geschichte voraus liegt, am Saum seiner Geschichte. In „Mein Leben, Autobiographisches Fragment“, von dem zu Allerseelen 1866 bereits Sterbenskranken im Oberplaner Elternhaus begonnen und nach wenigen Seiten abgebrochen, schreibt er „Es war Glanz und Gewühl. Es war unten ... es waren Klänge, die Erinnerung sagt mir, dass es Wälder gewesen sind. Ich schrie nach diesen Dingen – ich fühlte die Augen die mich anschauten.“ Ein unerhörter Text, geprägt von seinen das ganze Werk bestimmenden Worten: der Dingfestigkeit der Dinge und der Wälder.

1998 sollte ich einen Vortrag zu „50 Jahre Adalbert-Stifter-Verein“ halten, weil ich eine zwar kurze, mich aber lebenslang prägende böhmische Kindheit sowie ein Erinnerungsbuch aufweisen konnte, dessen Bilder in mir wie in Bernstein verwahrt sind, so genau wie sie nur eine Vertreibung schenkt. Ich brach also nach Oberplan auf. Als ich dort unter einem hohen Nachsommer-Kirschbaum stand, umgaben mich bläulich dämmernde Bänder des böhmischen Waldes, und plötzlich sah ich unter kahlen Obstbäumen behauene Feldsteine herumliegen, die eine der vielen 1945 verlassenen Hofstellen verrieten. Der Lyriker Miroslav Holub schrieb: „Größere Leere ist dort, wo ein Mensch war, als dort wo nie einer war, die schrecklichste Leere ist eine verlassene Wohnstatt.“

Mauersegler umflirrten die Doppelzwiebel des Kirchturms meiner böhmischen Kindheit. Seine Grundmauern bargen die Figur einer schönen Madonna, die der Hohenfurter Gottesmutter im weichen gotischen Stil ähnelt wie eine Zwillingsschwester, die ihr Kind vom linken auf den rechten Arm genommen hat. Jetzt steht in unserer Peter-und Paulskirche unter dem Altarbild des Juden- und des Heidenapostels nur ihre grobe Kopie, während das Original im Prager Museum im säkularen Schutz ausharrt. Ich ließ mir seine Fotografie für mein Sterbebild kommen, besuchte auf meiner Stifterreise die Hohenfurter Schwester und versenkte mich in die schwer entzifferbaren Geheimnisse von Stifters Erzählungen.

Nach Kriegsende las ich im oberbayrischen Gymnasium sein Lesebuch „Zur Förderung humaner Bildung“. Daraus blieb mir unauslöschlich der Abdias mit der Beschreibung des Gewitters, das seiner Tochter Ditha das Leben kostete: Ein Blitz schlug in den Unterschlupf aus Getreidepuppen ein, in den sie und ihr Vater geflüchtet waren. Auch meine Vorstellung von Sahara und Atlasgebirge stammt daher, sie sind so deutlich beschrieben, als sei Stifter, der nie aus der böhmischen Provinz herausgekommen war, in Abdias‘ Ruinenstadt aufgewachsen. Seine Mappe meines Urgroßvaters wurde mir zur Wiederbegegnung mit meinem Vater, dessen viele Anstreichungen wie Wünschelruten seine Liebe zu den Vögel anzeigen, bei der ich ihm trefflich beistehen konnte, als sein Gehör schwächer wurde. Auch Stifters Worte zur Scham hat er markiert, die von Gott dem Gefühl in seiner zermalmenden Urgewalt als zartes Gegengewicht angehängt ist, was sie zum Engel des Himmels und der Sitte macht; oder in den Feldblumen zur Eifersucht, die als sittlicher Selbstmord figuriert, weil Stifter das unermüdlich gesuchte Maß für sich nicht finden konnte. Das führte zur selbst verschuldeten Trennung von der jungen Fanny Geipl aus dem Nachbardorf Friedberg. Denn er hatte zu lange mit dem Heiratsantrag gezögert, bis sie einen anderen nahm und im ersten Kindbett starb. 1837 heiratete er die als töricht verrufene, bildhübsche Putzmacherin Amalia Mohaupt. Aber Lieben und Glücken sei ihm nur literarisch möglich gewesen, und erst sein Traum vom Glück habe laut Stadler das Glück des Lesers ermöglicht.

Im Rückblick des Nachsommers erinnert er sich, dass er schon als Knabe ein großer Freund der Wirklichkeit der Dinge war, sie geliebt hat und deren Name und Ordnung wissen wollte, um sie weiterlieben zu können. Die Jahre damals waren sehr, sehr lange, und es verging ungemein viel Zeit, ehe wir ein wenig größer geworden waren, heißt es in der Mappe meines Urgroßvaters.

Die Kindheit im Elternhaus verlief unauffällig bis zum frühen Tod des Vaters, eines Leinenwebers, trotz mancher Zornausbrüche. Die Wiederheirat der Mutter erleichterte ihm wohl den Eintritt ins Benediktinerstift Kremsmünster, das er als Klassenbester verließ. Priester wollte er nicht werden. In Wien begann er ein Studium der Rechte, der Physik und Astronomie, brach es aber wegen Prüfungsangst ab, führte ein Bohemeleben und musste sich als Hauslehrer verdingen.

Zwischendurch mietete er sich an einem Bergsee ein und las im Buch Gottes, wo die Steine Wanderungen und Gedanken zur Erdgeschichte wecken: Wozu alles da ist, wie es entstand, zusammenhängt und zu unserem Herzen spricht. Darin schien der Mensch ihm nur Einschiebsel. Er sah im Fluss den Vater eines Sees, erkannte im Geschiebe von Schuttsteinen am Straßenrand die Boten von unserem Gebirge aus einer Felsenstadt, von der sie ausgesendet sind … und hier unten bei Kameraden liegen, deren Geburtsstätte oft viele Meilen entfernt ist, um zerschlagen und zu Straßen verwendet zu werden. Er überlegte, seit welcher Zeit die Riesenschnecken (Ammoniten) verschwunden sind, die man im Marmor erkennt.

Schon früh war ihm die Dichtkunst die reinste höchste unter den Künsten, im Text zur Sonnenfinsternis vom Juli 1842 heißt es, die wunderbare Magie des Schönen, ein Versprechen der Güte, die Gott den Dingen mitgab, sie ist da, weil sie da ist. Und in der Vorrede zu „Bunte Steine“: „Die Kunst ist mir ein so Hohes, Erhabenes, nach der Religion das Höchste auf Erden, und die Dichtkunst ist die reinste höchste unter den Künsten.“ Als er mit 35 Jahren Dichter geworden war, kein Erfinder, sondern ein Beschreiber, begann sein Ordnungsfanatismus im Schönschreiben von Sehnsuchtsbildern, denen er sein trostloses Leben widmete.

Wie ein goldener Faden durchzieht sein Werk der Gedanke der Schöpfung, des Schöpfers und des Herrn der Zeit, etwa im Text zur Sonnenfinsternis: „Vor tausendmal tausend Jahren hat Gott es so gemacht, dass es heute, zu dieser Sekunde sein wird ... durch die Schrift seiner Sterne hat er versprochen, dass es kommen werde nach tausend und tausend Jahren“ – Gedanken eines Geologen und Landschaftsbeschreibers hohen Ranges, der lange vor Alfred Wegener Spuren der Kontinentaldrift zu bemerken, ja zu hören schien, sehr deutlich im Hochwald: „Wo das böhmische Land mit Österreich und Baiern zusammenstößt, schoss ein Gewimmel mächtiger Joche und Rücken gegeneinander, schob einen derben Gebirgsstock empor, der allerseits wogiges Hügelland und strömende Bäche absendet“ – luzide Gedanken zur nie endenden Bewegung unserer Erdkruste.

Ein unvergleichliches Nacht- und Morgenbild prägt die Erzählung „Hochwald“: „Als die Harfe Clarissas längst schwieg, horchte noch die Nacht; der senkrecht stehende Vollmond hing lange Strahlen in die Fichtenzweige ... indessen ging die Wucht und Wölbung der Erde, unempfunden und ungehört von ihren Bewohnern, stürmend dem Osten zu, der Mond wurde gegen Westen geschleudert, die alten Sterne mit, neue zogen im Osten auf, bis endlich mitten unter ihnen am Waldrand ein blasser milchiger Lichtstreifen aufblühte, ein frisches Lüftchen an die Wipfel stieß, und der erste Morgenschrei aus der Kehle eines Vogels drang.“ Vom schönen Ronald, den der Durst nach dem Absoluten trieb, heißt es, er habe „manchmal wollen den Sonnenschein auf seinen Hut stecken und die Abendröte umarmen“. Naturbilder, die in der deutschen Literatur nicht ihresgleichen haben, schrieb Barbara Bondy, die es wissen musste. Vielen einstigen Lesern schien dieser Stil in seiner Umständlichkeit, Breite und Behäbigkeit unerträglich, zumal die Betulichkeit seines grässlich sanften Gesetzes. Aber andere erkannten mit einiger Lesegeduld die Schönheit von Stifters Sprachpoesie als Sprachereignis. Von Idylle kann keine Rede sein, viele Geschichten enden in Tragödien.

Er bedauerte zu spät, erst 1857 in Triest die Erhabenheit des Meeres erlebt zu haben, um seinen „Nachsommer“ völlig anders schreiben zu können. Friedrich Hebbel spottete in einem bösen Epigramm: „Wisst ihr warum euch die Käfer und Butterblumen so glücken? Weil ihr die Menschen nicht kennt, weil ihr die Sterne nicht seht“, und er versprach dem, der die drei Bände des Nachsommers freiwillig lese, die polnische Krone. Stadler meint, Hebbel müsse ein anderes Buch gelesen haben.

In der Liebe zwischen Mann und Frau, der Stifter seine Poesie widmete, fern von vermeintlicher Liebe in unterhaltsamer Sexgymnastik mancher heutiger Paare, lassen die bebenden Begegnungen im ersten Kuss Tränen wie Perlen rinnen unter der Macht jenes unbegreiflichen Gefühls, wodurch der Schöpfer die zwei Geschlechter bindet, dass sie selig seinem Zweck dienen (Hochwald). So auch unter der des schönen Traumes zwischen Mathilde und Risach, dem einstigen Hauslehrer in ihrer Wiener Familie, ein Traum der nach dem bitteren frühen Verzicht im Nachsommer weiterlebt. Die zunächst seltsam erscheinende Beziehung zwischen den beiden (Risach widmet Mathilde im vorgerückten Alter das Rosenhaus) erschließt sich dem geduldigen Leser erst aus dessen Rückblick. Auf die herzzerreißenden Worte Mathildes, wie die Rosen abgeblüht sind, so ist unser Glück abgeblüht, erwidert Risach, dieses fertige Produkt von Stifters pädagogischem Ideal, es ist nicht abgeblüht, es hat nur eine andere Gestalt bekommen – in der Ewigkeit, die sie sich einst in ihrer stürmischen Jugend versprachen. Das feine Rot der zarten Fältchen in Mathildes Gesicht erschien ihm im Verblühen noch schöner als die Rosen in ihrer vollen Blüte. Das war der Nachsommer.

Nach dessen Publikation schwand Stifters früher Erfolg und steigerte seine berufliche Zurücksetzungen als Schulrat in Linz. 1865 wurde er pensioniert. An seinen treuen Verleger Heckenast schrieb er aus der Karlsbader Kur, die ihm die Schillerstiftung finanzierte, von schweren Krankheitssymptomen, gänzlicher Mutlosigkeit, Unruhe, dass man an keinem Platz bleiben kann, gegenstandsloser Angst, Gereiztheit, Gemütsschwäche bis zu lautem Weinen, Seelenzustände, von denen andere Menschen keine Vorstellung haben, und dass er „heiße Gebete gethan, Gott möge mich nicht wahnsinnig werden lassen, oder dass ich mir in Verwirrung das Leben nehme“; dieser Personalunion von Glück und Unglück, denn dies war ihm bei aller Verstörung ein Geschenk Gottes.

Geldsorgen drückten ihn, er war auf Vorschüsse angewiesen und verfiel in wachsendem Maß einer unbeherrschbaren Ess- und Trinkgier. Von sechs Forellen als Vorspeise ist die Rede. Die heutige Medizin spricht von Symptomen einer Leberzirrhose.

Am 28. Januar 1868 fügt er sich gegen Mitternacht einen Rasiermesserschnitt in den Hals zu – mit Todesfolge. Es bleibt bis heute unklar, ob es Selbstmord war. Barbara Bondy lehnte ihn in ihrem meisterhaften Aufsatz zum 100. Todestag Stifters kategorisch ab; Arnold Stadler besteht darauf, da ihm ein Versehen bei nächtlichem Rasieren unwahrscheinlich scheint. So müssen wir unseren bewunderten Dichter in seiner Verzweiflung und nächtlichen Einsamkeit im Leiden ohne billigen Tost alleinlassen. Großer armer Adalbert Stifter!

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