Absage an die Moderne in arabischer Fabulierkunst

Eine Buchausstellung der Internationalen Jugendbibliothek in München thematisiert die Konflikte zwischen westlichen und islamischen Jugendlichen

Soweit wird es wohl so schnell nicht kommen: Die Skyline von New York durchsetzt mit drei Minarett-Türmen, höher als die Twin Towers je waren. Ironisch visualisiert das Plakat am Eingang zum Schloss Blutenburg die Angstvision mancher Europäer und Amerikaner. Entnommen ist das Motiv dem Umschlag von Maria Regina Kaisers Buch „Wohin ich gehöre?“, einem von rund sechzig Titeln aus gut zehn Ländern, die in der Internationalen Jugendbibliothek derzeit zu einer Ausstellung zusammengefasst sind.

Islam kontra Liberalismus

In einen Raum des Schlosses passt die Ausstellung, Bücher brauchen nicht viel Platz. Die inhaltliche Auswahl der sechs zuständigen Lektoren aber ist präzis – mit 570 000 Titeln in 130 Sprachen ist die Jugendbibliothek immerhin die weltweit größte ihrer Art. Gerade beim Thema Integration müsse bei Kindern angesetzt werden, betont Christiane Raabe, Direktorin der Bibliothek. Vor allem in deutschen Klassenräumen sei „die Begegnung mit dem Islam Alltag“. Im Gegensatz zu deutschen seien viele Migrantenfamilien sehr religiös, deutsche Kinder begegneten transzendenten Motiven und Motivationen daher oft erst wieder über den Islam. Daher seien religiöse Inhalte explizites Auswahlkriterium für die Bücher gewesen. Der Begriff des Religiösen ist dabei freilich – schaut man die Titel durch – aus katholischer Sicht sehr weit gefasst. Christiane Raabe sagte auch, dass der eigentliche Konflikt aus ihrer Sicht nicht „zwischen Islam und Christentum“, sondern „zwischen Islam und Liberalismus“ verlaufe. Muslimische Mädchen zum Beispiel seien oft irritiert, wenn sie wegen ihrer Kopftücher von anderen Kindern ausgegrenzt würden, da sie diese als religiöses Symbol begriffen.

Um solche Missverständnisse auszuräumen, stellen zahlreiche Bücher die dritte Weltreligion erst einmal vor: „Papa, was ist der Islam?“ oder „Warum beten Muslime auf Teppichen?“ fragen sich westliche Kinder dort. Antworten auf diese „101 wichtigsten Fragen“ liefert nicht nur Ursula Spuler-Stegemann im Beck-Verlag, sondern auch französische, dänische, italienische, amerikanische und kanadische Einführungen in die Grundlagen des Islam. Wer es in jugendlichem Alter schon genauer wissen will, kann sogar auf eine vereinfachte Ausgabe des Koran „für Kinder und Erwachsene“ – ebenfalls aus dem Beck-Verlag – zurückgreifen, die sich freilich aus Rücksicht auf islamische Empfindlichkeiten gegen Interpretationen gleich im Vorwort davon distanziert, eine „Übersetzung“ zu sein. Denn in islamischen Ländern sind aktuelle und kontroverse Jugendbücher vollkommen unbekannt, die Literaturproduktion für Kinder beschränkt sich im Geist der hochentwickelten arabischen Fabulier-Kunst auf Sagen, Märchen, Lokalmythen. Da man sich in der Jugendbibliothek demokratisch diskursiv mit konkreten Konflikten auseinandersetzen wollte, ist denn auch kein einziges hier ausgewähltes Buch in einem arabischen Land erschienen.

Denn märchenhaft beschönigen will man hier nichts, brisante Themen werden nicht betulich ausgespart. Im Gespräch mit der „Tagespost“ zitiert Direktorin Raabe die Soziologin Kelek, dass „Zwangsheiraten und Fememorde in liberalen Gesellschaften keinen Platz haben dürften und den Muslimen die Integration abverlangt werden“ müsse. Ein Anliegen der Zusammenstellung sei es daher auch, über die Kinder die Frauen zu erreichen, die in arabischen Familien in der Regel für die Erziehung zuständig seien.

Militante Gruppierungen

So prangert etwa die ungenannte Fatma B. in „Hennamond“ die Gewalttätigkeit und Brutalität islamischer Männer an. Erstaunlich viele Jugendbücher beschäftigen sich sogar direkt mit dem Fundamentalismus: Kazem Hashemi etwa beschreibt für den Iran schonungslos diese „Absage an die Moderne“ und Samuel M. Katz stellt in „Jihad: Islamic fundamentalist terrorism“ militante Gruppierungen dar. Warnen könnte arabische Jugendliche auch der Bericht des Aussteigers Ed Hazim, „Warum ich mich dem radikalen Islam in Großbritannien anschloss, was ich erlebte und warum ich ihn verließ“.

Andererseits schildern Muslime aber auch in mehreren Titeln, wie sie aufgrund solcher radikalen Bewegungen zu Unrecht unter Generalverdacht geraten – was am schönsten wohl die „junge, erstaunlicherweise nicht terroristische Muslimin“ Randa Ghazy mit dem Titel „Oggi forse non ammazzo nessuno“ („Heute bringe ich vielleicht niemanden um“) ironisch auf den Punkt bringt.

In den Diskussion über solche Inhalte seien Kinder viel offener als Erwachsene, berichtet Raabe. Schulklassen, darunter auch viele aus Hauptschulen mit hohem Migrationsanteil, werden in die Ausstellung eingeladen und diskutieren dort nach Lesungen der Autoren.

„Und meine Welt steht Kopf“

Man bietet eine Lehrerfortbildung sowie spielerisches Begleitmaterial zu den Büchern an. Das wichtigste Ziel der Jugendbibliothek ist es, die Konflikte konkret sichtbar zu machen. Bei weitem die Hauptmasse der Bücher beschreibt daher in Romanform den Alltag junger Muslime in westlichen Gesellschaften, ihre Zerrissenheit, ihre Schwierigkeit, sich zu definieren. So befindet sich Brigitte Blobel „Zwischen Bagdad und nirgendwo“, bekennt Randa Abdel-Fattah „Und meine Welt steht Kopf“, während bei Jana Frey immer „Ich, die andere“ ist. Marina Budos dagegen ruft: „Es gibt uns doch!“, während Ranka Keser einfach meint: „Ich bin eine deutsche Türkin“.

„Die multikultrelle Gesellschaft ist Wirklichkeit, aber keine Selbstverständlichkeit“, sagt Raabe, „und es sind vor allem Kinder und Jugendliche, die sich in der multikulturellen Gesellschaft zurechtfinden müssen.“ Nach der Schließung im September wird die Ausstellung hauptsächlich über Goethe-Institute an Schulen, Buchinstitute und Bibliotheken weitergereicht werden.

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